Euphoria – Klangarchitekten auf der Spur

Elle en matiere: Futuristic Soundscapes, Träume verpackt in Schall, Klang, Hall und Wort. 

Magisch anders… 
anders  als alle anderen…

This feels like

                  surfing on sunrays 

into a new world 

beyond the real 

Stell dir vor: du hast seit Teenagerjahren drei Helden: Sie sind deine Superheroes! Das Non plus ultra, die Essenz, die Definition von cool. Du hast dir ihre Alben von deinem spärlichen Sackgeld zusammengekauft, sie rauf und runtergehört, Nacht um Nacht. Du hast ihre Texte studiert, ihre Songs gesungen, die Akkorde rausgehört. Du hast 19 Konzerte von ihnen besucht und jedes einzelne ist in deine Erinnerung tätowiert. Und eines Tages darfst du sie treffen, um mit ihnen ihr neustes Album zu besprechen. Dieser Tag ist heute und der charmante Empfang der Promoterin kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass du zu nervös bist, als dass du den Kaffee, den sie dir gebracht hat, in den eigenen Händen halten könntest, ohne ihn zu verschütten. Sie lächelt als sie es sieht, stellt den Kaffee auf den Tisch und verschwindet.

Data Mirage Tangram das zwölfte Album der Young Gods ist ihr wichtigstes und wahrscheinlich ihr bestes. Ein Erklärungsversuch:  

Entrer en matiere

Enter the matter: get to the point. Entre en matiere: lass dich darauf ein. Futuristische Soundscapes, Träume in Klang und Wort gefasst. Magisch anders als alles andere. Dieser sphärische Sound erzählt von unumschiffbaren Verheissungen. Die jugendliche Härte ist der Altersweisheit gewichen. Dies ist die Musik einer Band, die niemandem mehr etwas beweisen muss, einer Band, die spielt, aus purer Freude am Spiel. 

In den neuen Songs hört man weniger gesampelte Gitarren, aber mehr live gespielte Gitarrensoli. Als ich beim Interview Drummer Bertrand gestehe, dass das Highlight des neuen Albums für mich der Schlagzeugsound ist, meint er bescheiden: „Das war Alan Moulder, der das Drum so gemischt hat. C’est lui qui a réussi à faire un son qui m’a très flashé. Mais le secret, dont il se sert pour obtenir ce resultat, je ne le connais pas.“ Wenn Bescheidenheit eine Tugend ist, dann sind die Young Gods die Könige dieser Disziplin. Was ihm wichtig ist bei seinem Drumsound, sind die Ghostnotes, die er spielt. Teil seines unverkennbaren Sounds ist die Tatsache, dass er als Linkshänder auf einem Rechtshänder-Schlagzeug spielt, da er sich als Kind kein eigenes Drum leisten konnte. Somit ist seine linke Hand jene, die all die virtuosen Ghostnotes aus seinem Snare holt, die seinen unverkennbaren Sound, und auch jenen der Band als Ganzes definiert.

Auf allen Alben der Young Gods gibt es einen dieser epischen, psychedelischen, ultralangen Tracks: „Moon Revolutions“, „Summer Eyes“, „Superready / Fragmenté“, „Million Miles“. Das neue Werk lebt genau von dieser Stimmung. Die Songs sind sphärisch, psychedelisch, downtempo, weltfremd, Musik von einem andern Stern. Die Songs leben vom Soundscape und der Rhythmik der Drums, sie sind minimalistisch instrumentiert und lassen viel Platz für den einzigartigen Gesang von Franz Treichler. 

Tear Up The Red Sky

Guantanamo – Sky – Seraphim – Pentagon – Escape

Der erste Teil des Titels des neuen Albums Data Mirage ist ein Statement zur Tatsache, dass in der heutigen Welt vieles in unserem Alltag auf gesammelten Daten basiert, sagt Franz Treichler. „Bei einer Bewerbung für einen Job, oder einer Wohnung kann man die über dich gesammelten Daten anschauen. Auf Plattformen, in sozialen Medien geben wir unsere Daten preis. On base beaucoups de notre mode de penser sur le big data: Ça devient la norme. On prend constament nos decisions dans le quotidien par cette influence. Les algorhythmes nous y contraignent.  Des robots informatiques, qui grâce à des calculs intérminables nous imposent des publicities ciblées sur nos gôuts et désirs. Big data has become an accepted way of life. Big data est omnipresent et intrusive mais est-elle fiable? C’est un mirage de croire que big data est la solution. Es ist ein Irrglaube, eine Fata Morgana, zu glauben, Big Data sei die Lösung.“  

Ein Tangram ist eine antike chinesische Kunstform, ein Puzzle, eine Art Rätsel. Ein Tangram besteht aus sieben Teilen, die man unterschiedlich kombinieren kann. Fügt man die Teile richtig zusammen, so entsteht ein Quadrat.  Eine Legende besagt, dass ein chinesischer Mönch seinen Schüler beauftragte, zu reisen, um die Essenz der vielfältigen Schönheit der Welt auf eine Keramiktafel zu malen. Unglücklicherweise zerbrach die Tafel in sieben unterschiedliche Teile, und der Schüler konnte sie nicht mehr zu einem Viereck zusammenlegen. Das Album besteht aus sieben Liedern, vier davon sind sieben Minuten lang. Man kann die Teile des Puzzles unterschiedlich kombinieren und als Hörer seinen eigenen Sinn darin finden. „Ein Tangram ist ein Puzzle, mit dem man kreativ sein kann, indem man Formen, Tiere, Menschen, Silhouetten kreieren kann, aber gleichzeitig ist es ein Rätsel, denn man will jene Kombination finden, die die sieben Teile zum Quadrat werden lassen. Data Mirage ist sozialkritisch, aber kombiniert mit dem Tangram ist es auch ein Spiel.“

Figure Sans Nom

Ihre Bewegung, 

the way she moves, 

elle danse 

beyond the speakable. 

Schönheit verpackt in Wort, Beat und Sound. Ihr Tanz ist mehr als Wort, mehr als die Abschrift des Klanges. Und hier zeigt sich, wie der Texter Franz Treichler mit Worten spielt. Elle danse une figure sans nom. Sie tanzt eine Figur ohne Namen. Doch vom Wortlaut her, könnte es auch heissen: elle danse une figure: son nom, da sans und son Homophone sind. Sie klingen gleich, werden jedoch unterschiedlich geschrieben. Sie tanzt eine Figur ohne Namen, oder aber: Sie tanzt eine Figur, die ihr einen Namen gibt. Dies wirft die Frage auf, ob Bewegung mehr ist, als sich in Worte fassen lässt, oder aber, ob Bewegung identitätstiftend, also namensgebend ist. 

Gibt es ein schweizerisches Element im Werk der Young Gods? Franz bejaht: „Unsere Musik besteht aus Collagen. Die Technologie des Sampling ermöglichte uns bereits in den Anfangstagen der Band, Elemente unterschiedlicher Kulturen zu kombinieren. Die bekanntesten Künstler der Schweiz, egal ob Musiker, Maler, Filmer oder Bildhauer, in allen Kunstformen bedienen sich Schweizer Künstler dieser Technik des Kombinierens unterschiedlicher Elemente aus unterschiedlichen Kulturen.  Tinguely, Goddard, Giger, sie alle verbinden Unterschiedliches zu etwas Neuem. Da wir in einem Land leben, das aus vier Sprachregionen besteht, haben wir auch vier unterschiedliche Kulturen. Aber was ist schweizerisch daran? Für mich ist es die geographische Lage, die uns die Möglichkeit gibt, Einflüsse aus unterschiedlichen Kulturen zu kombinieren. Assimiler de differentes cultures pour faire quelque chose propre à nous. Les gens qui ont reussi, en font une synthèse des choses qu’ils s’approprient. C’est un approach post-moderne.“

 

Moon Above

This sounds like nothing I’ve ever heard before. Dies ist ein neues musikalisches Alphabet. Moon Aboveist erfrischend verpeilt, neben der Spur, par-delà du quotidien, jenseits von Schemata und Formeln. In diesem Lied ist alles wahrheitsgetreu verschoben. Und spätestens als die Mundharmonika den Kampf gegen die arrhythmischen Drums aufnimmt, packt den Zuhörer der modern-day-electroinfused Blues. Spätestens jetzt weiss ich, weshalb sie stets meine Götter waren, mit 13, mit 20, mit Mitte dreissig und heute, mit 40, mehr denn je.  

All My Skin Standing 

Die Rückkehr von Cesare Pizzi, dem ersten Soundarchitekten der Band, fand im Jahr 2012 bei vier Konzerten anlässlich der Vernissage des Buches heute und danach über die alternative Szene der 80er Jahre in der Schweiz statt. Danach bestand das Liveset über mehrere Jahre aus den ersten beiden Alben. Somit wäre es naheliegend gewesen, dass sich die Young Gods mit ihrem neuen Album am Sound ihrer Anfangstage orientieren würden, doch genau das haben sie nicht getan. Bei dieser Band gibt es keine Wiederholung, nur Innovation und Improvisation. 2015 traten sie während fünf Tagen unter dem Namen Treichler / Pizzi / Trontin Experience am Festival de Jazz de Cully auf, um neue Ideen auszuprobieren. „C’était un laboratoire en public, des jam et c’est devenu le materiel du nouvel album“, erklärt Franz Treichler. Und diese Herangehensweise hört man dem Album an. Es klingt unverkrampft, offen und spontan. Die Band nennt den Sound der neuen Songs downtepo electronic rock psychedelia. Passt!

You Gave Me A Name 

O Romeo, Romeo, wherefore art thou Romeo?

Deny thy father and refuse thy name.

Or if thou wilt not, be but sworn my love

And I’ll no longer be a Capulet.

‚Tis but thy name that is my enemy:

Thou art thyself, though not a Montague.

What’s Montague? It is nor hand nor foot

Nor arm nor face nor any other part

Belonging to a man. O be some other name.

What’s in a name? That which we call a rose

By any other name would smell as sweet. 

(Shakespeare)

Dies ist mein Lieblingssong auf dem neuen Album: Immer wenn ich dieses Lied höre, nimmt es mich mit an eines der vielen Konzerte, die ich über die Jahre mit ihnen erlebt habe. Es entsteht eine Verbindung zwischen dem Publikum und den Musikern, die einmalig ist. Es scheint als wäre man Teil einer Zeremonie, die das Leben in seiner Vielfalt, in seiner Schönheit feiert. Die Band und das Publikum verlassen die Matrix des Realen und verlieren sich in Soundscapes. Es ist pure Magie. Wie erleben die Musiker dies selbst auf der Bühne? Franz: „Moi, j’aime voir le bonheur, l’euphorie dans le regard des gens. C’est la magie de la musique, c’est une medicine, ça guérit!“ 

Diese Band klingt wie keine andere. Sie ist einzigartig, die Alternative zur einstudierten Pose. Ihre Musik ist echt, ihre Haltung konsequent, ihr Auftreten eloquent. Doch wie entsteht ein Young-Gods-Song? Was ist zuerst, die Akkorde, der Text, der Beat oder das Soundscape? „Es beginnt immer mit dem Soundscape“, sagt Cesare. Franz ergänzt: „Als der Sampler kam, hab ich die Gitarre zur Seite gelegt, denn Akkorde interessierten mich nicht mehr. Es ging nur noch um den Sound, der Bernard zu einem Beat inspiriert und der Text kommt immer zuletzt, denn ich benötige den Sound, um meine Texte schreiben zu können und die Stimme zu positionieren.“ Und genauso klingen die neuen Songs der Band: wie eine Band, die zu einem Klanggewebe jammt. Nach all den Jahren habe ich verstanden, was die Faszination der Young Gods ausmacht. Sie sind Klangarchitekten auf der Suche nach einer Alternative zur Realität. They are nomads on the quest for euphoria. Data Mirage Tangramyou gave me a name, you sound like a tiger refusing to be tamed by reason, logic, rhythm or time. You’re a fleeting glimpse of an eye into the riversky. 

Everythem

Franz: „Cette chancon, c’est une evolution“

Dieser Song ist der Beweis dafür, dass das Selbstzitat keine Wiederholung sein muss. Man kann eine Geschichte über mehrere Alben verteilt weitererzählen. Auf die Frage, was es mit den Monkeys auf sich habe, von denen Franz erstmals auf dem Album „Supeready / Fragmenté in den Songs „Everythere“ und „The Color Code“ sang, die nun viele Jahre später im mantraartigen Finale des neuen Albums „Everythem“ wieder auftauchen, geht ein Lächeln über das Gesicht von Drummer Bertrand: „Il y a une image dans un musée où deux singes marchent côte à côte, cela m’a fait penser: c’est eux: Cesare et Franz.“  

Check those monkeys in the sky, 

Check those monkeys getting high.” (Everythere)

Those two monkeys on the land, 

Those two monkeys hand in hand (Everythem)

Es gibt die Sonne, die Erde und den Mond. Und es gibt die Young Gods: The only band that ever really mattered. The band that made the difference for me, weil sie immer anders waren als alle anderen. SupersonicLucidogen,Lointaine. Reality is just another illusion. Bei ihnen ist alles immer politisches Statement und haltungsbedingte Realitätsflucht zugleich. This is so much more than you or me. Und deswegen gehe ich immer wieder an ihre Konzerte, denn sie sind mehr als Logik oder Zeit. They take you „Miles Away“ … Die Young Gods sind mehr als eine Band, sie sind ein Lebensgefühl, eine Überzeugung, they are a creed. Und es ist beruhigend zu sehen, dass es sie gibt, die Alternative zum Beliebigkeitsbrei der erfolgsgierigen, seelenentledigten, selfiesüchtigen Kandidaten in Castingshows. Wer hätte gedacht, dass sich die Jungs, die ich im zarten Alter von 13 Jahren mit „Play Kurt Weill“ entdeckt hatte, zum Gegenentwurf zur selbstgefälligkeitserkrankten Gesellschaft entwickeln würden? 

THE YOUNG GODS FOREVER! Danke, dass es euch gibt! You make the difference. And you mean everything to me.

THE YOUNG GODS: „Data Mirage Tangram“, out (Irascible)

GUESTLIST: Jachin Baumgartner ist Sänger von Dream Pilot, Gitarrist bei Chicken Reloaded, Produzent und Mitinhaber des Studios Heaven BNC.

(Beitragsbild: The Young Gods – Mehdi Benkler / Konzertfotos: Jachin Baumgartner)

 

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