Fatoumata Diawara und die Lektionen der Liebe

Am Ende des Films „Sia – der Traum der Python“ stellt Sia den neuen König zur Rede, zieht sich aus und stürmt mit nacktem Oberkörper aus dem Palast. Dann macht Sia eine Zeitreise und in der nächsten Szene sieht man sie auf den Strassen von Ouagadougou laufen, wo sie alleine gegen die Tyrannei demonstriert. Die Hauptrolle in Sia wird von Fatoumata Diawara gespielt – im Zürcher Kaufleuten lernten wir sie als Sängerin kennen. 

Es ist eine fiktive Geschichte, doch die Figur in „Sia – der Traum der Python“ trägt durchaus auch Fatoumatas Charakterzüge: Furchtlos, authentisch und kompromisslos. Fatoumata Diawara hat es nicht leicht gehabt im Leben, als Kind und als Jugendliche. Aufgewachsen in schwierigen Familienverhältnissen, zuerst in der Elfenbeinküste und dann in Mali, musste sie kämpfen, um zu überleben, gegen die Tyrannei einer Familie und einer traditionellen Gesellschaft, die für sie eine andere Rolle im Leben vorgesehen hatten. Mit zwanzig Jahren rannte Fatoumata Diawara von zuhause weg und schloss sich einer französischen Theatertruppe an. „Hätte ich diese Entscheidung nicht getroffen“, sagte Fatoumata einmal in einem Interview, „wäre ich heute nicht hier. Ich hätte mindestens neun Kinder und wäre schon sehr alt (Fatoumata ist 37-jährig). Meine Brüste würden bereits herunterhängen und ich würde ohne irgendwelche Diplome dastehen.“

Heute Abend steht Fatoumata Diawara auf der Bühne des Kaufleuten in Zürich. Inzwischen ist sie nicht mehr nur Schauspielerin, sondern auch Musikerin geworden; sie schreibt eigene Lieder, spielt elektrische Gitarre und tourt die Welt nonstop. Es ist ein sonniger Sonntagabend, man könnte auch am See spazieren oder im Garten grillen, doch das Kaufleuten ist voll. Es ist ein gemischtes Publikum, das auf Fatoumata wartet, Männer und Frauen, ältere und jüngere und multiethnisch. Wissen sie, was sie erwartet? Kann das Publikum erahnen, dass es kurz davor ist, das grossartigste Spektakel zu erleben, das man sich als Konzertbesucher vorstellen kann, mit einer Persönlichkeit – einer Frau, einer Künstlerin – deren Energie und Präsenz auf der Bühne ihresgleichen suchen?

Und dann betritt Fatoumata Diawara die Bühne. Sie ist gross, sie ist schön, sie beginnt zu singen und zu spielen, von Mali, von Afrika, ja eigentlich von uns allen. Denn wir sind ein Planet, eine Menschheit, ein Herzschlag, sagt Fatoumata, und die kollektive Liebe, die wir daraus gewinnen, macht es, dass schon beim dritten Lied alle klatschen, tanzen und glücklich sind. Die Worte sind bei Fatoumata Diawara wichtig, doch im Saal verstehen vermutlich nur die wenigsten ihre Liedtexte Wort für Wort. Fatoumata singt in Bambara, einer Sprache aus Mali. Aber sie spricht mit den Augen, mit ihrer Stimme; sie redet mit ihrer Gestik, ihrem Körper, und jeder weiss, was gemeint ist. Fatoumata Diawara klagt, sie jubiliert, sie gibt Gas und bremst dann wieder ab, es ist wie eine Fahrt auf der Achterbahn des Lebens, an deren Ende die Wohlfühligkeit einer menschlichen Wärme und das Lachen der Liebe warten.

 

Ich hatte gehofft, Fatoumata Diawara vor ihrem Konzert in Zürich interviewen zu können, doch ihr Management schirmte sie ab, denn sie brauche etwas Ruhe, sie müsse auftanken, bevor ihre „never ending world tour“ weitergeht. Wenn ich ihre Show heute Abend miterlebe, verstehe ich warum. Fatoumata Diawara gibt alles, wenn sie auf der Bühne steht. Eben war sie noch in den USA, in Kanada und in Spanien unterwegs, und nach Zürich geht es weiter in Frankreich und an den Festivals in Glastonbury und Montreux.

Ich hätte von Fatoumata Diawara wissen wollen, wie sie, die viel von ihrer Verantwortung gegenüber Afrika und den Afrikanern spricht, mit dieser Verantwortung umgehen kann. Wird das nicht alles manchmal zu viel für sie und zu schwer? Es scheint, sie möchte alleine ganz Afrika retten und dem grassierenden Afropessimismus (die Afrikaner wursteln sich irgendwie durch und richtig besser wird es nie werden) ein robustes Selbstbewusstsein entgegenstellen, das eigene afrikanische Werte und ein selbstverantwortliches Gestalten des Kontinents vertritt. „Lasst uns über das neue Afrika sprechen“, sagt Fatoumata, die Wortführerin für ein besseres Afrika, in Zürich. „Es passieren viele positive Dinge mit der neuen Generation.“

Ich hätte Fatoumata Diawara auch fragen wollen, wie sie ihre beiden Berufungen, Aktivistin und Artistin, miteinander versöhnt. Kann man sagen, dass die Musik die Artistin Fatoumata verkörpert und die Texte ihren Aktivismus? Wie gelingt es ihr, die richtige Dosis für beides zu finden, für den Spass und für das Seriöse? Diese Doppelrolle ist übrigens in der Kultur Malis nicht unbekannt. Schon die frühen Jäger – Aktivisten, wenn man so will – wurden nach erfolgreicher Jagd zu Künstlern und nahmen ein Instrument zur Hand, um ihr eigenes Loblied zu singen.

Selbstverständlich singt Fatoumata Diawara keine Loblieder auf sich selber. Das hat sie nicht nötig und dazu ist sie viel zu smart. Das Gewehr der Jäger von gestern wurde zu Fatoumatas Gitarre von heute. Ganz genau wie bei ihrem Vorbild Fela Kuti, dem nigerianischen Musikaktivisten und Begründer des Afrobeat, einer Mischung aus amerikanischem Funk und traditionellen afrikanischen Rhythmen, oft gepaart mit angriffigen gesellschaftskritischen Texten. Einen Song im Fela-Kuti-Stil hat auch Fatoumata Diawara auf Lager. Bei „Negue Negue“ (Lasst uns Spass haben) ab ihrem aktuellen Album „Fenfo“ geht in Zürich die Post ab; es ist kein Halten mehr, Fatoumata groovt, der Bass schwoft, das Publikum rast. „Wir haben Spass“, singt Fatouma Diawara, „es ist was diese Welt zu einem besseren Ort zum Leben macht“.

Spass zu haben, wurde Fatoumata Diawara nicht in die Wiege gelegt. Folgerichtig hat sie ihre Karriere als Musikerin mit dem Schreiben und Singen von Protestliedern begonnen. „Das ist es, was ich kann“, sagte sie in einem Interview für Afropop worldwide. „Ich kann nicht über Liebe singen. Ich kann keine leichten Sachen singen.“

Fatoumata Diawara muss keine Liebeslieder singen, weil sie selber Liebe ist. Sie ist Liebe für die Musik, Liebe für die Menschen und das Licht auf ihrem Gesicht strahlt und wärmt und erhellt auch den letzten Zuschauer in der hintersten dunklen Ecke des Kaufleuten. „Ich bin eure Schwester und ihr seid meine Schwestern und Brüder“, sagt Fatoumata. Wir möchten uns alle umarmen und Fatoumata zuerst und am heftigsten. Fatoumata ist fantastisch, Afrika ist fantastisch, Musik ist fantastisch, wir sind ein Leben und ein Herzschlag. Wir sind eins mit Fatoumata Diawara.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik. Und er betreibt seit Kurzem seinen englischsprachigen Blog The Open Enso.

 

(Bilder: May Arida)

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