Der Song zum Nachgefühl

Heute ist mein neues Lieblingsbuch erschienen. In „Hier können Sie im Kreis gehen“ (im anderen Büro durfte ich es vorab lesen) erzählt Frédéric Zwicker, Vielschreiber und Sänger der Rapperswiler Band Knuts Koffer, die Geschichte eines 91-jährigen Mannes, der dem Rest der Welt eine Demenz vortäuscht. Das ist oft sehr lustig. Etwa dann, wenn Zwicker ihn beim Schauspielern und seine Mitbewohner beim Tatsächlich-Dementsein beschreibt. Es ist aber mindestens ebenso traurig, denn es geht um die letzte Phase im Leben eines Menschen, den der Tod nicht dann geholt hat, als noch alles gut war. Sondern erst nach einer langen Zeit des schmerzvollen Zurückblickens, Abschiednehmens sowie des körperlichen und geistigen Zerfalls. Unglaublich, dass Frédéric Zwicker nun einen Song empfiehlt, der so ziemlich genau an die Melancholie anknüpft, die ich nach der letzten Seite seines Buches verspürt habe. Ohne den Autoren näher zu kennen, würde ich ihm eine Feinfühligkeit im Stile Brels aus dem Stegreif zutrauen.

Jaques Brel wurde nahegelegt, doch hinter der Bühne zu wirken, Lieder für andere Interpreten zu schreiben. Begründung? Er sei zu hässlich für die Bühne. Der Belgier wurde dann aber doch noch zu einem der bedeutendsten Chansonniers im französischsprachigen Raum. Das Video zeigt dreierlei: Jaques Brel singt mit einer Leidenschaft, wie sie Musiker bei ihrer Arbeit im besten Fall empfinden. Eine Seltenheit. Zweitens hört man, dass offenbar früher noch Geld vorhanden war, um mit einem Orchester live aufzutreten. Heute fast undenkbar. Drittens bewies Brel, dass selbst Liebesliedtexte gut geschrieben und nicht bloss abgedroschen und phantasielos sein können. Eigentlich eine Quadratur des Kreises.“ (Frédéric Zwicker)

Frédéric Zwicker: „Hier können Sie im Kreis gehen„, Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag

(Bild: Facebook)

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