Gainsbourgs Geist am Comersee – Mein Sommerhit

Das Lido in Bellagio am Comersee ist ein Ort, wo die Menschen rund um die Uhr schwitzen und baden, tags im See, nachts in Sommergefühlen, die Alten wohl auch etwas in der Nostalgie, weil der Ort doch ein bisschen geschichtsträchtig ist wie fast alles rund um den Comersee (nicht nur, dass Promis wie Clooney und Cruise dort ihre Villen haben, nein. Mussolini wurde 1945 in Mezzegra erschossen, Anm. d. Red.). Aber das Strandbad aus den Vierzigern verströmt nur bei grosszügigem Ausblenden der rostigen Treppen und kaputten Duschen und überteuerten Preise noch den alten Charme – vor allem, weil aus den Lautsprechern der absolute Bullshit-Sound tönt. Billiger Techno, Kackbeats, die einem die Laune trüben und so gar nicht zu diesem Ort passen. Bis es, oh lala, an diesem heissen Julitag aus dem Nichts eine wahre Perle ans Ufer schwemmte.

 

 

Serge Gainsbourg. „Daisy Temple“. Mein persönlicher Sommerhit 2016.

Gainsbourg hatte dieses Album („Aux armes et cætera“) 1979 auf Jamaica aufgenommen, mit ein paar der besten Reggaemusikern der Insel, einige waren schon mit Bob Marley unterwegs. Reggae ist ja sonst gar nicht meins, nur in Ausnahmesituationen irgendwie, als Rettungsversuch bei einem Anflug von depressiver Verstimmung vielleicht, oder auf einer lustigen Feier, oder im Lido Bellagio bei 32 Grad im Schatten, hier treibt der Franzose den Italienern während 3,27 Minuten zusätzlich den Schweiss aus den Poren. 2003 wurden die Tracks von „Aux armes et cætera“ zudem neu gemischt, mit ganz viel Dub drin, was Daisy Temple für mich erst so richtig flauschig macht.

Gainsbourg hatte ja ein Flair dafür, den Sommer und seine sexy Gefühle in die richtige Komposition zu packen. Bewiesen hat er das in erster Linie 1969 im Audioporno mit Jane Birkin („Je t’aime moi non plus“). „Daisy Temple“ steht diesem polarisierenden Hitparadenstürmer beinahe in nichts nach; tu aimes les cachous, les boubous, les gourous, les tatous… klingt wie ein frisch verliebtes, murmelndes Paar, das seine Zehen im heissen Sand und die Finger in den Haaren des anderen vergräbt. Passt.

 

 

(Bilder: privat)

 

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One thought

  • Ich liebe dieses Album und diesen Song schon seit vielen Jahren! Schön, dass Gainsbourgs Jamaika-Songs bei Rockette thematisiert werden.

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