Gewöhnliche verschissene menschliche Liebe

„Liebe. Liebe ist die Essenz dessen, was wir sind, die subatomische Struktur des Universums, die dunkle Materie, die alles verbindet. Liebe.“

Die Worte aus einem Gedicht der libanesischen Künstlerin Zena el Khalil treffen und regen zum Nachdenken an. Sie hätten wohl auch der kalifornischen Band Deafheaven gefallen, hätten sie denn Zena el Khalils Ausstellung in Beirut besucht und ihre Worte gehört. Denn mit dunkler Materie kennen sich Deafheaven aus. Und seit neuestem auch mit der Liebe. Deafheaven wurden 2010 in San Francisco gegründet und haben ein neues musikalisches Genre begründet, das es so vorher nicht gab: den Blackgaze, eine Mischung aus brachialem Black Metal und träumerischem Shoegaze. Deafheavens neues Album „Ordinary Corrupt Human Love“ ist eine Offenbarung.

Blackgaze? Nur wer zu wenig Vorstellungskraft hat, sieht darin einen Widerspruch. Ohne Tod gibt es kein Leben, ohne Destruktion keine Kreation. Gegensätze faszinieren uns, sie ziehen uns an und stossen uns ab. Ohne Lärm gibt es keine Stille, ohne Grausamkeit keine Zärtlichkeit, ohne Hässlichkeit gibt es keine Schönheit.

An diesem Punkt setzen Deafheaven an. Sie streben nach Schönheit und finden zuerst doch meistens nur das Hässliche, den Lärm, die Gewalt von dröhnender Rockmusik. Sie gibt ihrer negativen Energie einen musikalischen Ausdruck, eine Reinigung durch Selbstkasteiung sozusagen, wie wir sie aus religiösen Ritualen verschiedener Kirchen kennen. Und wenn die Folter dann kaum mehr auszuhalten ist, und der Schmerz unerträglicher als das Leiden wird, öffnet sich der Weg, für die Märtyrer und für Deafheaven, und sie treten hinaus auf eine grüne, gefühlige Wiese, wo bunte Schmetterlinge fliegen, Sonnenblumen wachsen und Engel singen.

Früher war dieser Weg zur Schönheit für Deafheaven nur unter Einfluss von toxischen Substanzen möglich. Häufig auch traute man der Schönheit dann doch nicht ganz, zerstörte sie alsbald wieder und fiel rasch zurück in vertraute, grobschlächtigere Muster. Heute ist alles anders, sagen Deafheaven zu ihrem neuen Album. Heute sind wir alle um die dreissig Jahre alt, und sind also nicht mit 27 Jahren gestorben, heute haben wir eine langfristige Perspektive und haben noch einiges vor im Leben. Heute sind wir Frühaufsteher, weil wir etwas vom Tag haben und Abenteuer erleben wollen.

Heute kommt plötzlich auch ein Wort wie Liebe in den Texten von Deafheaven vor. Oder Blumen, Rosenwasser, ja sogar Kinder. „I’m reluctant to stay sad“, singen Deafheaven in Honeycomb, „Life beyond is a field, a field of flowers“. Ganz klar, Deafheaven sind in guter Stimmung und die Band bestätigt dies in einem Interview. „Der ganze Prozess, um das neue Album zu schreiben und aufzunehmen, war smooth, stressfrei und hat Spass gemacht. Irgendwie organisch und absolut positiv.“

Ganz zu Happy Shiny People sind dann aber Deafheaven doch nicht mutiert. George Clarke brüllt die Songs nach wie vor ins Mikrofon wie ein tödlich getroffener Gollum mit Stimmbruch und zwischendurch gehen der Band immer noch die Schwermetallrösser durch, doch alles ist deutlich reifer und erwachsener geworden, ohne an Intensität zu verlieren. Musikalisch hat das Piano einen prominenteren Platz im Sound von Deafheaven erhalten. Doch die Gitarre von Kerry McCoy ist das bevorzugte Kommunikationsmittel der Band geblieben.

Die dunkle Materie, die Deafheaven mit sich und der Welt verbindet, hat sich in Schönheit aufgelöst. Liebe ist, wenn Deafheaven glücklich sind. Gewöhnliche verschissene menschliche Liebe.

Deafheaven spielen in der Schweiz: Am 10. Oktober im Salzhaus Winterthur. Zur Einstimmung gehts hier zum aktuellen Tourfilm.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Menschen und gute Musik.

 

 

(Titelbild: Facebook)

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