Give me back my Habibi Funk

Alles was man von der arabischen Welt zu glauben weiss, ist irgendwie wahr. Habibi Funk auch. 

Manchmal denkst du, in der arabischen Welt waren sie auch schon einmal weiter als heute. Die Zivilisation der Abbasiden machte vor mehr als tausend Jahren Badgad zum Silicon Valley der damaligen Zeit, mit weltweit führenden Spitzenleistungen in Medizin, Mathematik und Astronomie. Etwas weniger weit zurück, vor nur 50 Jahren, trat in Kairo die ägyptische Sängerin Umm Kulthum vor einem Publikum ganz ohne Kopftuch auf und in Beirut bastelten Professoren und ihre Studenten an einer Rakete, die Libanesen auf den Mond hätte schiessen sollen.

Dann kam 1967 der 6-Tage-Krieg, mit einer vernichtenden Niederlage für die Generäle und den Ambitionen von jungen arabischen Menschen, dem ein Aufstieg zur Macht von Autokraten und Diktatoren und weitere Kriege nachfolgten. Schliesslich wollte man nur noch vergessen, sich nicht mehr erinnern und dem geschändeten Geist eine Ruhepause gönnen. Es ist kein Zufall, dass Amnesie und Amnestie sich etymologisch gesehen so nahe sind.

Doch was ist ein Mensch ohne Geschichte? Welches Konzept hat er von sich und seinem Platz in der Welt? Wenn der Mensch sein Gedächtnis verliert, seine Vergangenheit vergisst, dann verliert er auch sich selber.

Vor wenigen Jahren hat Jannis Stuertz in Berlin das Musiklabel Habibi Funk gegründet mit dem Ziel, der arabischen Welt das musikalische Gedächtnis zurückzugeben. Stuertz veröffentlicht seither auf dem Label arabischen Funk und Jazz und andere „organische Sounds“ aus den 1970er und 1980er Jahren. Diese hat er auf unzähligen Reisen nach Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten, Sudan und dem Libanon wie ein Detektiv aufgespürt und wie ein Archäologe ausgegraben. Er fand Tonbänder im Wasser und im Schlamm, die nur noch einmal durch eine Maschine gespult werden konnten, um sie zu digitalisieren, bevor sie endgültig verwesten.

Mittlerweile finden sich im Katalog von Habibi Funk eine ganze Reihe arabischer Köstlichkeiten, und seit Ende 2017 auch die erste Compilation des Labels, ein Album mit 16 Titeln, die man so schon lange nicht mehr oder gar noch nie gehört hat.

In den Liner Notes von „Habibi Funk – an eclectic selection of music from the Arab world“ erklärt Jannis Stuertz, was ihn beim Suchen und Sammeln dieser Musik am meisten interessiert. Es sind diejenigen musikalischen Projekte, sagt Stuertz, bei denen Künstler aus der arabischen Welt lokale und regionale Zutaten nehmen und sie mit globalen Einflüssen mischen. Westliche Musik ist dabei nicht bloss eine musikalische Vorlage, die mit lokalem Akzent rezitiert wird. Die Kunst auf „Habibi Funk“ geht um einiges weiter.

Da gibt es zum Beispiel Fadoul, den marokkanischen James Brown, Little Richard, Screaming Jay Hawkins. Sein Bsslama Habibti (je nach Laufrichtung ein Willkommen oder ein Auf Wiedersehen) ist roh, hinausgeschrien in eine Welt ohne Echo, der Hilfeschrei eines Mannes, der zu viel Energie besitzt und mit seinen inneren Dämonen kämpft. Ohne ihn, sagt Stuertz, würde es Habibi Funk gar nicht geben. Die Entdeckung von Fadoul, in einem alten Plattenladen in Casablanca, weckte bei ihm den Appetit auf mehr.

Und wer hätte gedacht, dass es nicht nur in Äthiopiens Addis Abeba eine sehr aktive Musikszene gab, sondern auch in Khartum, der Hauptstadt des Sudan? Ich auf jeden Fall nicht. Dank Habibi Funk ist es nun möglich, den legendären Sharhabeel Ahmed zu entdecken, und über diesen hat Stuertz wiederum den beinahe verschollenen Kamal Keila gefunden, der im postkolonialen Sudan seine afrikanisch geprägte Version von Jazz und Funk in arabischer und englischer Sprache sang. Für seine politischen Lieder flüchtete sich Keila ins Englische, um die Zensurbehörden zu umgehen, die seinen Texten zur Notwendigkeit einer Landwirtschaftsreform oder einem Frieden zwischen dem Norden und dem Süden Sudans, der nie gekommen ist, nichts abgewinnen konnten.

Das tönt jetzt alles ein bisschen schwer und gar nicht mehr nach der leichten Art des Seins von Rockette. Lassen wir uns also zur Abkühlung noch etwas vom arabischen Synthi-Pop von Hamid el Shaeri einlullen, einem Libyer, der sein Leben – Gaddafi! – zumeist in Kairo verbracht hat. Ein Song wie „Ayonah“ (ihre Augen…) könnte auch in Kalifornien funktionieren, im Cabrio, den Pazifikwind in den Haaren. Jannis Stuertz spielt „Ayonah“ normalerweise am Schluss eines seiner vielen DJ Sets in Beirut, Tunis oder Ramallah. Wenn andere den Arabern das Erdöl absaugen, bringt Stuertz die Musik zurück zu ihrer Quelle.

Habibi-Funk-Platten gibt es hier oder im Streaming auf Spotify.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Menschen und gute Musik. Und er ist der Rockette-Mann mit Tiefgang.

 

 

 

(Bild: Internet; bewegte Bilder zu den Habibi-Funk-Songs sind übrigens leider keine zu finden)

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.