Du startest eine Karriere. Wenn du willst

Graham Candy ist passiert, wovon viele Musiker träumen. In einer Bar in seiner Heimat Auckland, Neuseeland, sprach ihn ein Typ an und sagte: Dein Flug nach Berlin ist gebucht, du hast da ’ne Wohnung, triffst einen Produzenten und startest eine Karriere in Deutschland. Wenn du willst.

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Um sicher zu gehen, dass das kein Traum war, traf Candy den Unbekannten ein zweites Mal. Die beiden betranken sich tüchtig, das baute Vertrauen auf und schweisste zusammen. „Mittlerweile ist er mein bester Freund. He’s the magic man“, sagt der junge Musiker, der nun seit irgendwie drei Jahren in der deutschen Hauptstadt lebt, über seinen Manager.

„Ich dachte erst, ich würde drei Monate bleiben. Check it out, dann nach Hause gehen und entscheiden. Doch alles, was mir versprochen worden war, wurde gehalten – und ich bin geblieben. Die deutsche Musikindustrie ist verdammt amazing. Natürlich, in England und den USA ist es sicher auch toll. Aber in London brauchst du vier Jobs, nur um die Miete zahlen zu können. Nach Berlin zu kommen, ist im Moment dagegen ziemlich easy.“

Für Graham Candy (den man daher kennen könnte) war es ein Sprung ins eiskalte Wasser. In jeder Hinsicht. Nicht nur verliess er seine Heimat und seine Familie von heute auf morgen, er verlagerte auch schlagartig seine Prioritäten. Denn er hatte davor vor allem getanzt, „13 Jahre Ballroom Dancing, und das viermal die Woche“, danach ein Job als Tanzlehrer, der Aufbau eines Pubs und ein bisschen Schauspielerei. Auf die Karte Musik zu setzen, kam ihm nie wirklich realistisch vor.

„In Neuseeland habe ich Musik gemacht, um etwas Geld zu verdienen, ein Mädchen zu beeindrucken, Aufmerksamkeit zu haben. Ich hätte nie daran gedacht, damit irgendwelche Gefühle auszudrücken. Durch diese andere Herangehensweise, die ich in Berlin kennenlernte, fand ich auf einmal zu mir selbst. Ich versuchte, so aufrichtig und auch so verletzlich wie möglich zu sein. Ja, ich habe mich bemüht, auf meinem neuen Album ehrliche Gefühle zu zeigen.“

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Das Album heisst „Plan A“ und ist Anfang Mai erschienen. Es ist deshalb ein faszinierendes Album, weil man lange nicht sicher ist, ob da wirklich ein Mann singt. Oder vielleicht nicht doch eher die Tochter von Duffy und Adele (die ihn übrigens beide sehr inspirieren). Candy, der im Gespräch männlich wie weiss ich was klingt, klärt auf. Das sei seine spezielle Technik, die er anwende. Und vor allem „die einzige Stimmlage, in der ich meine Gefühle so richtig authentisch rüberbringen kann“. Tatsächlich klingt es so, als würde der 25-Jährige die Worte ganz ganz tief aus dem Innern pressen. „Plan A“ ist auch ein schwer greifbares Album, weil es von der gefühlvollen Pop-Ballade über die launige Beach-Nummer bis hin zu Sprechgesangseinlagen alles bietet. Immer gut, immer spannend, aber halt auch ein bisschen hyper.

„Ich bin nicht so sehr der Typ, der immer gleich bleiben will. Ich will mich biegen, mich verändern … dasselbe gilt für meine Musik. Mein Album ist ein gutes Beispiel dafür, dass ich immer noch auf der Suche bin, wohin ich gehen will, wo ich stehe. Das bin ich, im Moment, ein junger Typ, der vieles rausfinden muss. Als ich nach Berlin kam, fühlte ich mich nackt wie ein neugeborenes Baby – und ich liebte es. Ich liebte es, so viele neue Dinge über mich herauszufinden. Meine grösste Erkenntnis seither: Ich bin ein superschüchterner Typ, ich denke, das macht sich auch in meiner Musik bemerkbar. Ich bin verletztlich. Dabei habe ich immer gedacht, ich sei ein superstarker, tougher Typ … aber das bin ich nicht. I’m a gooey chewy man.“

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Er sei sehr glücklich, in Berlin der Mann geworden zu sein, der er heute ist. Er führe ein gutes Leben. Und dennoch:

„Neuseeland ist ein wichtiger Teil von mir, ich vermisse es, meine Familie lebt da. Ich will ehrlich sein, es ist nicht cool, seine Heimat zu verlassen. Es ist sehr sehr hart, wenn man nicht einfach jederzeit nach Hause zurückkehren kann. Nur weil es zu viel Geld oder Zeit kostet. Gerade vor zwei Tagen bin ich mit dem Fahrrad durch Berlin gefahren und habe mir meinen Song „Home“ angehört – nicht, dass ich jetzt die ganze Zeit nur mein Album anhöre – und ich habe zu weinen begonnen. Ich habe realisiert, wie sehr ich mein Zuhause in Neuseeland vermisse.“

GRAHAM CANDY: „PLAN A“, out (BMG)

Konzert: Support von Silbermond, 25.05. Hallenstadion, Zürich

(Die Bilder hat der Grafiker und Fotograf Philipp Lederer von Holayou für uns gemacht. Wir haben ihn via Facebook-Aufruf gefunden und sind ihm sehr dankbar, dass er ganz kurzfristig den langen Weg von Weil am Rhein nach Zürich auf sich genommen hat und sich nicht davon hat abschrecken lassen, dass wir in hohem Bogen aus der ursprünglich vorgesehenen Location geflogen sind. Merci!)

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