Hand hoch, wer will einmal vom wahren Geist des Rock’n’Roll gerettet werden?

Schon mal auf der Autobahn einem abgefuckten blauen Büsli hinterhergefahren, aus dem Feuerwerk abgeschossen wurde? Oder zufällig in der Stadt Zürich eine langhaarige Rocker-Truppe gesehen, die mit Besen um sich geworfen hat? Wohl so manch ein Europäer kann mindestens eine legendäre Story erzählen, die er mit den Dead City Ruins erlebt hat. 

Statt Sex, Drugs & Rock’n’Roll leben heute viele Bands nach dem Motto „Früh ins Bett, glutenfrei und straight edge“. Vielen fällt der Erfolg eher in den Schoss, als dass sie sich den Plattenvertrag mit Hornhaut an den Fingern und löchrigen Unterhosen erarbeitet haben. Zumindest auf letzteres verzichten Dead City Ruins gerne mal ganz – stilecht werden Lederhosen schliesslich auf nackter Haut getragen. Wer noch echten, passionierten, dirty, sexy Rock’n’Roll in all seinen Facetten erleben will, der kommt um diese Australier nicht herum.

Sean Blanchard (Guitars), Nick Trajanovski (Drums), Jake Wiffen (Vocals), Tommy Cain, (Guitars), Matthew Berg (Bass),

Während manch wannabe Rocker seine Liebskummer-Episödeli songwritermässig verarbeitet, sprechen die Nummern der Dead City Ruins von den langen, mitunter arschkalten Nächten, in denen die Australier auf Tour im Nirgendwo campiert haben, von stundenlangen Fahrten quer durch Europa und so manch einem Drink, den die Australier auf ihrem Höllenritt mitgenommen haben.

„2015 haben wir alles verkauft, was wir besitzen, wirklich alles. Das Geld haben wir für Flugtickets ausgegeben und sind zehn Monate durch Europa getourt. Das war hart, aber großartig. Zurück in Australien gingen dann all unsere Einnahmen in das neue Album“, so Sänger Jake Wiffen, der bei jedem Liveauftritt singt, als würde sein Leben davon abhängen. Und während er sich in der schweissüberströmten Ekstase des Rock’n’Roll über Tische hangelt und ohne Mühe stimmliche Höhen erreicht, von denen ein anderer Sänger nicht einmal zu träumen wagt, ist es insbesondere die Kompromisslosigkeit, mit denen Dead City Ruins live überzeugen. „Ich weiß ja nicht, wie es anderen Leuten geht, aber wenn wir live spielen, kommt es mir so vor, als würde ich in eine andere Dimension übertreten. Die besten Shows sind die, an die ich mich nicht erinnern kann. Vielleicht ist dieser Zustand ja das, wonach Meditierende seit Jahrhunderten suchen: Wenn nichts anderes mehr zählt, wenn man sich im Moment verliert und man mit hundert Fremden eine neue Stufe der Hysterie erreicht – das ist das Wunderbare am Rock’n’Roll.“

„Der Geist des Rock’n’Roll lebt in dieser Band“

„It’s a long way to the top if you wanna Rock’n’Roll“ fasst den Lebensinhalt der Australier ziemlich gut zusammen. Selbst gestandene Rockgrössen verneigen sich vor der Intensität, mit der die Australier Rock’n’Roll leben.  „Den Jungs ist echt alles egal, hauptsache, sie können vor Leuten spielen – wahrlich inspirierend! Der Geist des Rock’n’Roll lebt in dieser Band!“, so Dave „Snake“ Sabo von Skid Row, einer der Bands, mit der sich Dead City Ruins die Bühne geteilt haben. Auch Fozzy, Wolfmother oder Ugly Kid Joe haben sich in der Vergangenheit schon gefragt, was für eine Naturgewalt sie sich da als Vorband verpflichtet haben. 

Einmal quer durch Europa als Angriffsstrategie 

Nach hunderten Shows, für die sie quer durch Europa fuhren, dutzenden Gelegenheiten, bei denen sie von der deutschen Polizei wegen des schlechten Zustands ihres Tour-Vans Blue Bastard beinahe aus dem Verkehr gezogen worden wären, und viel zu vielen Appenzellern, die sie in der Schweiz trinken mussten, bot sich mit einem Plattenvertrag aus Deutschland endlich die Chance, auf die Dead City Ruins spekuliert hatten: „Es gibt in Australien großartige Acts, aber man hört nie etwas von ihnen, weil es keine Szene für Rock’n’Roll und Heavy Metal gibt wie in Europa. Dort kann man in sechs Stunden durch zehn Städte in drei Ländern fahren. Wir haben viel in Australien gespielt, aber das reicht uns nicht. Also reisen wir ans andere Ende der Welt und greifen an“, so Jake Wiffen, der klar macht: „Wir wollen und werden die nächste Stufe erreichen. Wir haben ein neues Label, ein neues Booking und ein neues Management. Jetzt stimmt alles, wir sind bereit. Das alles auf den Weg zu bringen und die Platte aufzunehmen, hat uns zwei Jahre gekostet, und sie waren hart.“

„Unnötiger Ballast? Keine Zeit!

In einer Welt, in der das Bigger immer mehr mit dem Better gleichgesetzt wird, ist die Authentizität, von der jeder Ton der neun Songs des Albums „Never Say Die“ zeugt, so erfrischend, dass man nach dem Durchhören des Albums erst einmal keine Lust auf überproduzierte Mitgröhl-Songs mehr hat.  „Wir sind keine Band, die große epische Konzepte über mehrere Alben ausbrütet. Wir schnappen unsere Instrumente und legen los. Wir klingen, wie wir klingen, und wenn eine Idee Scheisse ist, wissen wir das nach fünf Minuten. Wenn es gut ist, spielen wir es live. Wenn die Leute dazu abgehen, kommt es auf das Album. Wir haben keine Zeit, uns mit unnötigem Ballast zu beschäftigen.“

Das Resultat ist Passion in ihrer reinsten Form: Bluesige Riffs wechseln sich mit scharrenden Solos ab, dumpfe Bässe treffen auf kreischende Gitarren. Böse Stimmen – ok, die Autorin des Textes, also blame the shitstorm on me – würden sagen: Gut, dass Black Sabbath ihre letzte Tour gespielt haben. Sänger Jake Wiffen vibratoisiert den lieben Ozzy nämlich deftig an die Wand, während der Sound immer wieder an eines der grossen Vorbilder der Australier erinnert.

Dead City Ruins brätscht einen mit einer schwer fassbaren Intensität weg, verführt mit beeindruckenden Riff-Spielereien und vertonter Passion. Der Album-Titel dürfte dabei ein Hinweis darauf sein, dass es für die Australier einfach keine Option ist, aufzugeben. Für ihr neues Album haben Dead City Ruins alles auf eine Karte gesetzt. Und wenn ihr Plan schief geht? „Es geht immer irgendwas schief. Dann würfeln wir einfach nochmal. Wir lassen uns nicht aufhalten.“

Anspiel-Tipp

Geht es nach einem lustigen Facebook-Namenstest, wäre mein Stripper-Name ja MISS BLACK AVOCADO – ihr wisst schon, Farbe der Underhöös und das Lebensmittel, das man zuletzt gegessen hat. Und wäre es nun meine Profession, mich täglich möglichst verführerisch an der Stange zu räkeln, wäre eins definitiv klar. Der Signature Song von Miss Black Avocado wäre „Raise Your Hands“.

„Raise Your Hands if you wanna be saved…“

DEAD CITY RUINS: „Never Say Die“, out (AFM Records)

Bilder: Ian Laidlaw/AFM Records

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