Hardcore

„Könnsch?“ Das höre ich in letzter Zeit öfters, wenn es um Musik der härteren Gangart geht, um Bands, die seit Jahrzehnten touren und in einschlägigen Kreisen Kultstatus haben. Und wenn ich die dann nicht könn, treffen mich die ungläubigen, ja fast schon abwertenden Blicke wie eine schallende Ohrfeige, weil sie mir eine scheinbar riesige Bildungslücke offenbaren. Letztens ist genau diese K-Frage wieder gestellt worden, zu Sick Of It All. Amerikanischer Hardcore Punk, seit 30 Jahren auf Tour, aber eben, könn i nid. Ich lenke das Gespräch galant zum Wetter (Es soll wieder Regen geben!). Mich wurmt dann aber mein Unwissen und ich bilde mich klammheimlich, am Freitagnachmittag im Büro, wenn niemand sonst ume isch, in Sachen Musik weiter. Aufdrehen und abgehen.

Oder auch nicht. Weil da auf einmal völlig unerwartet der Chefchef auf der Matte steht. Es bitzeli perplex ob der ungwohnten Beschallung der Büroräume. Der Nur-Chef hingegen hätte sich auf ein Battle „wer kann lauter lauten Krach hören“ eingelassen. Der Chefchef aber findet es „un peu hard, non?“  Treffender hätte ich es auch nicht formulieren können. Es ist brutal hart. Hardcore eben. Mich machen solche Beats und Geschrei aus den Boxen eigentlich auch nur stigelisinnig.

Trotzdem stiefle ich vergangenen Freitag zum Konzert ins Kofmehl, weil ich mir natürlich keine Blösse geben will. Und weil gleich zwei Schweizer Vorbands diesen kultigen Abend eröffnen. Soll mir dann keiner sagen, ich kenne mich nicht aus… Denn in diesem Hardcore-Genre sollte man beide Bands auf dem Zettel haben, Chelsea Deadbeat Combo aus Herzogenbuchsee und Vale Tudo aus Zürich (beide spielten übrigens auch am diesjährigen Greenfield. Freitag. Nachmittag. Vielleicht waren die aus dem Büro dort…). Item, es ist zur Abwechslung sauheiss draussen, und im Solothurner Rostwürfel Kofmehl erst recht. Die Leute scheinen an diesem Abend lieber in der Aare zu schwimmen als zu den Vorbands zu moshen (vielleicht klebt der Schweiss zu fest. Könnt sein).

Bei Sick Of It All füllt sich dann das auf Klub getrimmte Kofmehl doch noch mit den harten, tätowierten Jungs, auch die üblichen Verdächtigen aus Biel und Solothurn sind zugegen. Mir ist ein bisschen mulmig, weil das eben die ganz Coolen sind. Überhaupt scheint mir das Publikum eine eingeschworene Gemeinde zu sein. Dabei sind alle ganz nett. Mir wird geduldig erklärt, dass ich die Deftones–Scheibe nochmals anhören soll (die letzten drei Lieder, in Ruhe, weil diese Komplexität und der Guss famos seien. Mach ich. Ich schwör. Nächsten Freitag). Ich kann auch ohne weiteres vor die Bühne sneaken und Fötelis machen. Am Schluss des Konzertes umarmen die Bandmitglieder ihre Fans, als wären es alles jahrelange Kumpels. Und weil ich einem unfassbar betrunkenen Meitschi die Setliste abfötele, stehe auch ich in der Reihe und schüttele dem Sänger die Hand. Best friends forever! Und ja, eins weiss ich jetzt, Hardcore aus der Konserve geht gar nicht, bei Hardcore live gehe ich jedoch ab wie eine Rakete.

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3 thoughts

  • „Liebes Tagebuch, heute, ach nein, kicher, eigentlich ist es ja schon nach 0 Uhr, da ist ja „heute“ schon vorbei, nicht wahr? Mensch, wo war ich denn jetzt bloss? Ach, was soll`s, nochmal also: Liebes Tagebuch, gestern hatte ich ein unglaubliches Erlebnis, um nicht zu sagen ein Hardcore-Erlebnis. Fast so gut wie auf dem Greenfield. Ich bin jetzt noch ganz aufgeregt, so bin ich abgegangen. (….)“
    Schade wirklich, dass mittlerweile einfach alles und jeder publizieren kann und möchte. Schrieb man früher noch ins gute alte Tagebuch, verschloss dieses sorgfältigst und versteckte es vor neugierigen Blicken, besteht heute scheinbar förmlich der Zwang einfach alles ins WWW zu stellen. Sei es noch so banal, persönlich oder mässig interessant, man eröffne stets einen Blog und teile sich der Welt mit. Allein wo liegt hier der Sinn, frag ich mich? Übersteigt die Geltungssucht das Bedürfnis nach Privatsphäre oder ist es die Hoffnung auf Entdeckung für Grösseres, die solches Verhalten antreibt? Nein, ich möchte nicht bös wirken, aber kritisches Hinterfragen wirkt auch bei mir oft wahre Wunder. In diesem Sinne „Weiter so.“ 🙂

    • Liebes Tagebuch, heute hat mir endlich mal jemand einen Kommentar geschrieben! Bislang wusste ich gar nicht, ob dies überhaupt funktioniert. Ich bin froh drum, endlich zu erfahren, was die Leute so über meine Einträge und unseren Blog denken. Selbst wenn sie alles blöd finden, wie die Ursina. Das Schöne am Bloggen ist ja: Man kann alles reinstellen. Aber man kann auch alles ignorieren. Oder eben selbst seinen Senf dazugeben. Mehr Blog geht nicht.

  • Liebes Tagebuch von Dominique, gräme Dich nicht allzu sehr und freue Dich ob Deiner Multi-Funktionalität. Immerhin hat sie Dir eine weitere Überraschung eröffnet, an der auch wir alle teilhaben durften. Ich wünsche Dir noch eine inhaltsvolle Zukunft. Mit bestem Gruess U.

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