Hast du das nötig – alter Mann?

Mit Spannung habe ich das neue Paul McCartney-Album „Egypt Station“ erwartet. Nicht zuletzt, weil ich mich über die erste Singleauskopplung „Fuh You“ doch etwas wunderte. 

Wirklich? Hat er das nötig? Mit 76 Jahren noch in die Sex-sells-Kiste zu greifen? Dann aber doch nicht den Mut haben, es durchzuziehen? Das habe ich als erstes gedacht, als ich „Fuh You“ gehört habe, die erste Singleauskopplung aus Paul McCartneys neuem Album „Egypt Station“. Es sei ein „raunchy“, ein „dreckiges“ Liebeslied, sagte Paul darüber. Es ist also ganz klar, worum es in dem Song geht, selbst wenn Paul c und k nicht singt. Nach diesem ersten Eindruck hörte ich mir das neue Album also etwas voreingenommen an – und war überrascht. Es ist ein gutes Album mit einigen schönen Songs. Viele sind technisch unkompliziert mit Klavier und/oder Gitarre und melodiösem Gesang.  So etwa „I Don’t Know“,  „Happy with You“ oder der sehr sanften Ballade „Hand In Hand“, in dem plötzlich noch eine Panflöte mitmischt. An rockige Wings-Nummern erinnert „Who Cares“ und schon fast  experimentierfreudig wird er in „Back In Brazil“, in das er dem Thema entsprechend Samba-Rhythmen einbaut.

Aber natürlich kann Paul McCartney auch mit den guten Songs des neuen Albums nicht an die Beatles-Zeiten anknüpfen. Das erwartet aber auch niemand. Und ich zumindest höre die neue Platte trotzdem gern. Nicht zuletzt einfach, weil sie von Paul ist. Ein Spiegel-Journalist hat einmal nach einer Begegnung mit dem Ex-Beatle geschrieben, Paul sei so unglaublich paulmccartney-isch. Und ich könnte ihn nicht besser beschreiben. Sein Blick, seine leichtes Seitwärts-Kopfschütteln und seine Stimme beim Sprechen und Singen und sein Humor fliessen in dieses Adjektiv. Und das alles hat er sich über die Jahre beibehalten. Trotz der Rückschläge und Verluste, die sein Leben bereithielt (als Kind verlor er seine Mutter, sein Weggefährte John Lennon wurde bekanntlich erschossen, seine erste Frau Linda starb an Brustkrebs), ist er einfach ein saucooler und lustiger Typ geblieben, wie sich etwa in diesem Video zeigt.

 

Noch immer sieht man in diesem alten Paul mit seinem gefärbten Haar und den gelifteten Augenliedern den Schalk des über 50 Jahre jüngeren Paul McCartneys aus diesem Interview von 1964. 

 

 

Wie man hört beantwortet der junge Paul in diesem Video auch schon die anfangs gestellte Frage, ob er das alles noch nötig habe: Was er denn für Ambitionen habe, fragt ihn der Interviewer. „Retire“- in Pension gehen, sagt der 22-Jährige. „Wenn es so weiter geht, kann ich das in ein paar Jahren.“

Und doch hat er es bis heute nicht getan. Paul McCartney könnte längst in einem vegetarischen Paradies seine Ruhe geniessen, wie er es in diesem Simpsons-Video tut:

 

Das tut er aber nicht. Er will offensichtlich auf Tour gehen und Konzerte geben. Das habe ich vor ein paar Jahren im Hallenstadion erlebt, als er drei Stunden lang unermüdlich Beatles-Klassiker, Wings-Songs und Stücke aus Soloprojekten spielte. Die Zuschauer jüngeren Alters waren längst müde aber der alte Mann rannte immer wieder mit noch mehr Zugaben auf die Bühne.

Ebenso scheint ihm das Songschreiben Spass zu machen. Das hört man dem neuen Album an. Deshalb soll auch das „lächerliche“ „Fuh you“ (wie es der Rolling Stone nennt) verziehen sein.

(Pressebild)

 

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