„Hello, my friends!“ – Ein Abend mit Paul Simon

Ich bin immer noch gerührt. Es ist zwar schon eine Woche her, seit sich Paul Simon unerwartet mitten in mein Herz gespielt hat, aber dieser spezielle Dienstagabend im Hallenstadion voller Wärme, Witz und bezaubernder Musik wird noch lange nachhallen. Ich hatte zunächst meine Bedenken, obwohl ich mit Simon & Garfunkel quasi aufgewachsen bin. Das Album „Bridge Over Troubled Water“ aus dem Plattenschrank meiner Mutter konnte ich fast auswendig, die Liedertexte auf der Rückseite der Langspielplattenhülle studierte ich eingehend, was aber nicht heissen soll, dass ich das, was ich da lautstark mitsang auch nur annähernd verstanden hätte.

simon & garfunkel

Aus Pauls Solokarriere blieb mir „You Can Call Me Al“ in Erinnerung, eines der kurligsten Musikvideos überhaupt (feat. Chevy Chase). Doch Paul Simon driftete mir solo zu sehr in das World Music Genre ab, zu fremd waren mir die afrikanischen und südamerikanischen Folkklänge, und ich wurde zunehmend wehmütiger, dass es mein geliebtes Duo Paul Simon und Art Garfunkel nie mehr geben sollte.

Dennoch sitze ich also im Hallenstadion, das gänzlich bestuhlt ist, ebenfalls eine persönliche Premiere. Bei einem Publikum von 50plusplus sind Stühle vielleicht auch besser. Wobei, Paul Simon ist 75. Und spielt stehend und tanzend letztendlich ein über zweistündiges Konzert. Just saying.

Auf der Bühne stapeln sich die Instrumente, zahlreiche Musiker begleiten Paul Simon an diesem Abend. Die ersten Lieder sind voller Schwung und Rhythmus. Meine Sitzreihe wackelt im Takt, aber aufzustehen getraut sich niemand, weil ja Sitzkonzert. Nach ein paar Liedern wendet sich Paul ans Publikum. Very charming and welcoming. „Hello, my friends!“, er erklärt, dass er sich auf einen schönen Abend mit guter Musik freue. „And maybe some dancing?That’s cool with me! Just make sure that the guy behind you is in a similar frame of mind. Otherwise it gets rough.“ Trotz dieser ziemlich direkten Tanzaufforderung wird vorerst weiter nur munter auf den Stühlen gewackelt. Wir entschliessen uns, auf die Zwischenebene zu flüchten, möglichst ausserhalb des Sichtfeldes der Sitzenden, damit wir endlich ungestört mitschunkeln können.

Paul Simon spielt sich quer durch sein Schaffen, auch aus der Zeit von Simon and Garfunkel, wechselt von alten Evergreens zu neuen Liedern, erzählt seine Geschichten nicht nur durch seine Songtexte, sondern zwischendurch auch gut gelaunt Anekdoten von seinen Reisen in den fernen Ländern. Selbst die folklastigen Lieder sind trotz Dünkel nicht aus der Setliste wegzudenken, und trotz der „Stühlesituation“ ist es ein äusserst familiäres und atmosphärisches Konzert. Zumindest etwas Gutes haben die Stühle: Man kann aufstehen. Es gibt Standing Ovations. Zur ersten Zugabe. Zur Zweiten. Und bei der dritten Zugabe schunkeln schlussament auch alle 50plusplussers.

Setliste Paul Simon
Hallenstadion, 15. November 2016

1. Gumboots
2. The Boy in the Bubble
3. 50 Ways to Leave Your Lover
4. Dazzling Blue
5. That Was Your Mother
6. Rewrite
7. America (Simon & Garfunkel)
8. Mother and Child Reunion
9. Me and Julio Down by the Schoolyard
10. Spirit Voices
11. The Obvious Child
12. Stranger to Stranger
13. Homeward Bound (Simon & Garfunkel)
14. El Condor Pasa (If I Could) (Simon & Garfunkel)
15. Duncan
16. The Werewolf
17. The Cool, Cool River
18. Diamonds on the Soles of Her Shoes
19. You Can Call Me Al

Encore
20. Proof (instrumental)
21. Wristband
22. Graceland
23. Still Crazy After All These Years

Encore 2
24. Late in the Evening
25. One Man’s Ceiling Is Another Man’s Floor
26. The Boxer (Simon & Garfunkel)

Encore 3
27. The Sound of Silence (Simon & Garfunkel)
Quelle: Setlist.fm

(Beitragsbild: Tante Käthi)

 

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