Hip-Hop-Praktikum vol. 1: Respect

Für Rock und Pop werde ich in den nächsten Monaten nicht mehr so viel Zeit haben – ich bin im Hip-Hop-Praktikum. Zum Auftakt gab mir der Basler Rapper Sherry-ou, der letzte Woche sein Album „Streber“ veröffentlichte, Tipps, wie ich mir als Journalistin ohne blassen Schimmer in der Szene Respect verschaffen kann.

Lektion 1: Auch ein Raum hat eine Attitude
  • 1. Kein Übereifer: 2Pac und Diddy zu kennen, ist nicht das Wichtigste. Lieber soll ich mich erst einmal über die Szene in der Heimatstadt informieren – und das Wissen dann allmählich auf die ganze Schweiz ausbreiten.
  • 2. Namedropping: Namen wie S.O.S, Mimiks, Xen (hat vergangenen Freitag die EP „Dämone“ veröffentlicht), Didi und Ali muss ich scheints kennen, bevor ich mich mit Insidern zum Interview treffe – und natürlich Black Tiger. Ohne über sie informiert zu sein, darf ich mich beispielsweise unter gar keinen Umständen bei Pablo Vögtli  oder Ugi zur Schnupperlehre anmelden.
  • 3. A jour bleiben: LYRICS, das Magazin für alles rund um Schweizer Rap ist fortan mein Lehrmittel Nummer eins.
  • 4. Basiswissen: Hierzulande unterscheiden die Rapper nicht zwischen East- und Westschweiz. Wenn man sich gut findet, kommt man, egal woher, irgendwann zusammen / Nicht gleich alle Bro nennen. Bro ist ein guter Freund oder zumindest jemand, mit dem man schon einiges erlebt hat, ein Bro eben … apropos Sprache:
  • 5. Vokabular: Nie Digge, yo, real und rules in die Sätze einschmeissen, nur um bei einem Rapper Eindruck zu schinden. Anglizismen haben nicht in erster Linie mit Hip Hop zu tun – man benutzt sie oder man benutzt sie nicht. So tun als ob, kann peinlich sein.
  • 6. Urteilsvermögen: Nicht jeden Beat super finden, nur weil ich es nicht besser weiss. Es gibt schon Kriterien, die guten Rap kennzeichnen. Beispielsweise Texte, die keinen belanglosen Scheiss enthalten.
  • 6. Rapper erkennen: Sprechgesang und Kapuzenpulli machen noch lange keinen Rapper (man kann auch „über Pop rappen“ und kein Rapper sein). Laut Sherry-ou kommt es auf die Attitude vor dem Mik an, darauf, ob einer einem mit Überzeugung eine Message direkt ins Gesicht rappt. Mit Druck auf der Stimme, ehrlich, ohne Umschweife.
  • 7. Genau hinhören: Es ist 2017, Rap klingt nicht mehr gleich wie im letzten Jahrtausend. Seit einiger Zeit hat sich beispielsweise die „Generation Mumble-Rap“ etabliert. Sherry-ou gehört definitiv nicht dazu, ihm ist es wichtig, dass man jedes Wort, das er rappt, versteht. Keins von beidem ist besser oder schlechter solange Emotionen transportiert werden.
  • 8. Stilrichtungen: In der Schweiz, so Sherry-ou, gibts alles. GeilerAsDu sind oft politisch, unfassbar, Tommy Vercetti dagegen fein und gefühlvoll. Aber das sind Finessen, die man erst mit der Zeit erkennt. Wer sich nicht so auskennt, unterscheidet vorerst eher zwischen zwei Richtungen: dem fröhlich-poppigen und dem destruktiven Hip Hop.
  • 9. Weiter denken: Es ist immer schön, wenn man bei einem Interview mit einem Rapper auch den Produzenten kennt. Produzenten sind das A und O, der Beat ist nun mal sehr wichtig. Manche Rapper sind mehr oder weniger in die Produktion involviert. Sherry-ou etwa eher mehr. Er lässt sich nicht einfach einen Beat machen und that’s it.  Der Musiker, der übrigens als Tenor in einem Chor jiddische Volkslieder singt und Perkussion spielt, setzt gerne eigene Ideen um.
  • 10. Direkte Rede: Wer über Hip Hop schreibt, sollte es ähnlich angehen wie die Rapper: ehrlich, direkt, authentisch.

Sherry-ou ist zwar nicht aus meiner Heimatstadt, doch zum Praktikumseinstieg kann es eigentlich keinen aufbauenderen Soundtrack geben als „Streber“ (produziert vom deutschen Produzententeam The Cratez, ha!). Es sei ein sehr persönliches Album, über positive Gefühle, darüber, in seinem Leben aus Schlechtem Gutes zu machen, am besten mit Unterstützung seiner Crew.

Da fällt mir ein, in der gleichen Beiz, in der ich Sherry-ou traf, war zur gleichen Zeit auch Rockette-Telefonjoker Mario Batkovic. Rap sei nicht so sein Ding, sagte er, abgesehen von diesem Clip.

SHERRY-OU: „STREBER“, out (NoHook!)

(Bilder: Facebook/Rockette)

 

HIP-HOP-PRAKTIKUM: Aus persönlichem Interesse, aber auch, weil wir diese Musikrichtung bisher so stiefmütterlich behandelt haben, werde ich mich während rund einem Jahr von Rappern und anderen Szenis zur halbwegs ernstzunehmenden Hip-Hop-Journalistin ausbilden lassen. Die Prüfung ist das Royal Arena Festival 2018. Digge, ich bin en Streber (Sherry-ou, „Tate“).

 

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