Hut ab, James

Neues Album. Neuer Look. Ich hatte das Vergnügen, James Bay beim Tourauftakt in London live zu sehen. Die Highlights des Abends: viele Gitarren und eine Hose. Aber auch abseits der Bühne blieb mir so einiges in Erinnerung.

James Bay hat sich von der stylischen Kopfbedeckung und seinen langen Haaren getrennt. Der neue Look kommt nicht von ungefähr, denn am 18. Mai erscheint, drei Jahre nach dem Debüt „Chaos and the Calm“, sein zweites Album „Electric Light“.

Ich muss gestehen, nach der Veröffentlichung der ersten Single-Auskopplung „Wild Love“ war mir etwas mulmig zumute. Auf den mir vertrauten James Bay, Singer-Songwriter mit Folk- und Blues-Pop-Allüren, der mit Titeln wie „Hold Back the River“ oder „Let It Go“ grosse Erfolge verbuchte („Chaos and the Calm“ brachte James zweifach Platin in England und eine Grammy-Nominierung), liess bei dieser Nummer nicht mehr viel schliessen. Hoffentlich verbiegt er sich nicht zu sehr, zugunsten einer guten Chart-Platzierung, betete ich. Zuletzt live gesehen hatte ich James Bay 2016 am Gurtenfestival, wo er mich absolut begeisterte. Umso gespannter war ich nun auf den Auftakt seiner diesjährigen Tour in Brixton.

Um es gleich vorweg zu nehmen, ja, der James, der hier in London vor mir auf der Bühne stand, war tatsächlich ein anderer. Als erstes ins Auge stach seine Hose. Die war nämlich extrem eng, wahrscheinlich aus Leder und mit massiven Ketten und Reissverschlüssen versehen. Weg mit den unauffälligen Holzfällerhemden und den zurückhaltenden Erdtönen. Eng, ganz in schwarz und hie und da mit Glitzer (strassbesetzte Jeansjacke) musste es jetzt sein. Immer wieder strich er sich mit den Fingern durch die neu kürzeren und dunkleren Haare. Rockstar James Bay ist geboren – und das zum Glück nicht nur optisch.

Bay ist nach diesem Konzert mein aktueller Gitarrengott. Meine Güte, kann der spielen! Zu jedem Song wechselte er die Gitarre und holte wirklich alles aus dem Instrument heraus. Und dann diese Stimme. Bei mir geht sie direkt ins Herz und macht mich glücklich. Neben den grössten Mitsing-Hits seines ersten Albums stimmte er auch diverse neue Songs an. Da zeigte sich dann rasch: Meine Sorgen waren unbegründet. Rockig, abwechslungsreich, energiegeladenen, tolle Texte, Gospel-Vibes, ich finde das neue Material wirklich toll. Kein Grund, Vergangenem nachzutrauern. Oder mit den Worten von Buddha: „Nichts existiert, das von Dauer ist. Das einzig Dauerhafte ist die Veränderung.“ James Bay hat sich eben einfach weiterentwickelt. Als Künstler und vermutlich auch als Mann.

Vier Bier und ein Ryan: Ein Erlebnisbericht aus der Menge

Laaaange musste ich draussen anstehen. Und hatte dabei deutlich das Gefühl, etwas zu verpassen. Auf der anderen Strassenseite feierte Netflix nämlich gerade Premiere der vierteiligen Miniserie „The Defiant Ones“ um Dr. Dre und Jimmy lovine. Mit rotem Teppich und allem. Verlockend, aber James wartete und schliesslich hatte ich reichlich Mitstreiterinnen um einen Platz in den vorderen Reihen.

Endlich drin, wollte ich dann erst einmal meine Jacke loswerden. Kleiner Tipp, falls ihr jemals ein Konzert im Electric in Brixton besucht: Setzt definitiv auf Garderobe A. Leider kann ich nicht beurteilen, ob es bei Garderobe B immer so riecht (ich erspare euch Details), aber ich machte jedenfalls gleich wieder rechtsum kehrt. Oder vielleicht verzichtet ihr am besten gleich aufs Abgeben oder die Jacke generell. Zu beiden Garderoben ist es nämlich eine gefühlte Weltreise. Darauf gönnte ich mir dann ein Bier. Als mich die Bardame nach meinem Ausweis fragte, freute ich mich irgendwie, als sie mir dann den Preis für den Becher (5.30 £, gute 7 Franken) nannte, nicht mehr so.

Nächster Punkt: Ich sicherte mir einen guten Platz in der Menge. Dachte ich zumindest. Bis sich Ryan und seine Begleitung neben mich stellten. Warum ich weiss, dass der Typ Ryan hiess? Als seine Begleitung kurz aufs Klo verschwand, verriet er es mir. Auch dass er Ire ist. Dass er schon vor Konzertbeginn sehr betrunken war, brauchte er mir nicht zu sagen. „I always make new friends“, brüllte er mir ins Ohr. Soweit würde ich nicht gehen, Ryan, sorry. Nur weil ich kurz dein Bier gehalten habe. Mit gleich vier Bechern hatte der clevere Kerl vorgesorgt, alle gleichzeitig zu halten, fiel ihm aber sichtlich schwer. Mein einziger Gedanke: Der muss ganz schön Kohle scheffeln, bei den Preisen!

Als Ryan dann auch noch anfing, Justin-Bieber-Songs zu krächzen, ging um uns eine Welle kollektiven Augenrollens und Schnaubens durch die Menge. Kurz vor Konzertbeginn stieg die Stimmung zum Glück wieder. Aber nicht etwa nur, weil das Konzert gleich anfing, sondern auch, weil der schwankende Ire und seine Begleitung – die doch tatsächlich NICHT durchs Klo-Fenster abgehauen war – sich verdrückten.

ALBUM: „Electric Light“ (Republic Records/Universal) erscheint am 18. Mai 2018.

LIVE: Das Konzert in Brixton lieferte den Auftakt zu James Bays 2018 Tour. Ein Auftritt in der Schweiz ist bisher leider noch nicht dabei. Alle Tourdaten hier.

Bild: Facebook @jamesbaymusic / GIFs: giphy.com

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