„Ich bin auf Instagram manchmal ein Arschloch – aber das bin ich auch in echt“

Es gibt eine esoterische Vorgeschichte mit Bordeaux-Lip-Frontmann Neil Nein und mir. Die tut hier nichts zur Sache, aber sie gäbe eine ganz gute Idee davon, was das neue Album der St. Galler Band in mir bewirkt. Ein Mindfuck nämlich. 

Ernsthaft. „Colourgraded“ von Bordeaux Lip ist das erste Album, das mir so nahe geht, dass ich behaupte, es könnte von mir sein. Kann es natürlich nicht, weil ich weder so dramatisch geile Rocksongs schreiben, noch ein Instrument spielen, noch in eine Garage gehen, mit Elektronik rumexperimentieren, singen und aufnehmen kann. Doch was ich mindestens ebenso gut wie Neil Nein kann, ist Gefühle auf die harte Tour zeigen, das Sanfteste aus mir rausschreien, gerne auch betrunken und zu Musik und so herzzerreissend, dass es weh tut. Und ich kann jetzt schon eine ganze Einleitung lang ichbezogen sein, wie Neil Nein, der, wie ich, aber auch ganz anders kann. Ein Instaview.

Wie alt bist du?

Hm, soll ich die Wahrheit sagen oder dir einen Seich auftischen? Ich bin 26. Aber ich war gerade heute beim Coiffeur und jetzt sehe ich wieder aus wie 14. Als ich heute Prosecco gekauft habe, musste ich zum ersten Mal seit langem wieder meinen Ausweis zeigen.

 

 

Wie oft denkst du aktiv, Moment, ich muss noch schnell eine Zigi für das nächste Insta-Bild anzünden?

Ich habe hauptsächlich deshalb mit Rauchen angefangen, weil ich nicht wusste, was ich sonst mit meinen Händen machen soll…. rauchst du?

Ja.

Ah okay, also eben, so hat das bei mir angefangen. Mit diesem awkward feeling, wenn du beispielsweise irgendwo rumstehst und wartest. Rauchst du in einem solchen Moment eine Zigi, bildest du dir ein, etwas zu tun. Du machst was mit den Händen. Ich werde sehr sehr ungern fotografiert. In die Kamera schauen, Shooting-Situationen, das ist immer alles so inszeniert. Mit einer Zigarette steh ich wenigstens nicht blöd rum.

Zerstör meine romantische Vorstellung davon, dass du ein saufender, rauchender Skandalmusiker bist, mit einem Satz.

Mit einem Satz kann ich das ganz sicher nicht… du sagst es selber, romantisch, ich habe eben auch dieses Ideal des romantischen verliebten Säufers. Gestern habe ich zum ersten Mal seit langem nicht getrunken. Darauf bin ich sehr stolz. Morgen trinke ich auch wieder nicht. Heute kam es spontan dazu – und ich werde mich nicht total betrinken.

Moment mal, hast du sie jetzt zerstört, meine romantische Vorstellung?

Nein, muss ich? Kann ich nicht, leider. Ich finde trinken etwas sehr romantisches. Man ist sehr ehrlich und gibt seine Gefühle preis, wenn man betrunken ist. Das ist etwas, was ich mag. Ich hab mein ganzes Album betrunken eingesungen.

Das überrascht mich nicht. Und ich fürchte, dass ich genau darauf angesprochen habe.

Aus Jugendschutzgründen muss man natürlich schon sagen: Es ist nichts Gutes. Und ich hab manchmal Angst, dass ich zu sehr in die Richtung abdrifte.

Wie gut lernt man dich kennen, wenn man deinen Instagram-Account anschaut?

Was ich nie posten würde, ist so blöder Ad-Scheiss. Ich will mich nicht prostituieren für ein gutes Insta-Föteli. Man lernt mich sehr sehr ehrlich kennen. Aber nur einen Teil von mir. Ich bin manchmal ein Arschloch da drauf. Aber das bin ich auch in echt. Und dennoch bin ich überzeugt davon, dass ich ein guter Mensch bin. Ich kann sehr verständnisvoll und feinfühlig sein – wenn ich will.

Du postest ja auch Katzenbilder.

Ah ja stimmt, meine Katze! Die ist super. Manchmal kann ich auch herzig sein. Das ist ja auch ein Teil der Romantik – irgendwo im Säufer steckt ein weicher Kern. Auch meine Songs sind zu einem gewissen Grad romantisch. Sie drehen sich ja oft um die Liebe.

Du stehst bei Bordeaux Lip sehr klar im Vordergrund. Ist das okay für deine Band?

Ein Teil von uns macht seit zehn Jahren mit mir Musik. Aber es ist schon irgendwie mein Projekt. Das heisst, ich habe der Band gesagt, dass wir uns nicht auflösen, wenn irgendeiner aussteigen will. Keyboarder und Bassist sind beispielsweise derzeit mit dem Velo auf Weltreise. Jetzt machen wir ohne sie weiter. Doch wir sind Freunde, schreiben auch die Songs zusammen, ich bin halt einfach das Zugpferd. Und hinter allem steht meine Attitüde – vielleicht bin ich ein bisschen mehr dabei als andere…

… oder die anderen trinken einfach weniger?

Ha, da meinsch jetzt du! Die trinken alle fast noch mehr als ich. Aber ich steh halt an der Front, da ist es automatisch etwas ichbezogen. Vorhin wollte ich etwas Intelligentes sagen, aber es kommt mir nicht mehr in den Sinn.

Apropos Intelligenz. Dürfen wir deine Bachelor-Arbeit bei uns veröffentlichen?

Oh Gott, nein, die ist huere schlimm!

Aber es ist so ein geiles Thema.

Ja, das Thema find ich auch geil. Aber die Methode ist komplett für den Arsch, imfall.

Wie bist du drauf gekommen?

Ich bin selber Musikjournalist, schreibe jede Woche Albumkritiken für „20 Minuten„. Ich ertappe mich selber, wie ich mich manchmal thematisch von einem Pressetext leiten lasse. Das passiert dir ja sicher auch.

Jaja.

Wenn eine Review Eins zu Eins dem Pressetext entspricht, muss man dann Musikjournalist sein?

Es würde mir ohnehin schwer fallen, euren Pressetext in eine Review umzumünzen.

Siehst du, es war auch mein Ziel, die Leute damit ein bisschen herauszufordern. Es gibt so viele Pressetexte, die zum kotzen sind.

Was ist denn eine gute Albumkritik, für dich als Musiker?

Ich mag es nicht, wenn es zu fest in die Superlative geht. Irgendwann nehm ichs den Leuten nicht mehr ab. Kürzlich hat einer geschrieben, meine Stimme nerve, das fand ich super. Wenn jemand sagt, eine Stimme nervt, dann besteht die Chance, dass jemand reinhört. Ich kenne viele Leute, die meine Stimme extrem ungeil finden – aber sie bleibt immerhin hängen.

Du machst ja nun auch nicht klassischen Gesang.

Nein, ich hatte auch nie eine Gesangsausbildung. Es soll weh tun manchmal. Die Stimme darf zu nasal sein und zu betrunken…

Ich weiss auch nicht, irgendetwas ist mit eurem neuen Album. Es rührt mich, so blöd das klingt. Auch wenn das andere nicht so sehen mit der Romantik in den Songs, ich glaub, ich weiss, was die Essenz von dem ist, was du machst. 

Das freut mich. So kommt es halt aus mir raus…

Ich will euch ganz sicher baldmöglichst live sehen blablablaschmachtschmeichel…

Live ist es noch viel schlimmer.

 

LIVE: 08.12. Werkk, Baden, 09.12. Elchclub, Bern

BORDEAUX LIP: „Colourgraded“, out (Radicalis)

(Fotos: Instagram Bordeaux Lip)

 

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