„Ich bin der Musik ausgeliefert“

Die Bieler Sängerin Paquita Maria wirkt wie eine unkonventionelle Lebenskünstlerin. Aber da ist mehr. Sie ist eine Poetin. Und all ihre Songs sind melancholisch. Warum nur?

„Ich fahre morgen spontan nach Berlin. Danach gehe ich nach Frankreich. Vielleicht komme ich im Mai zurück. Vielleicht aber auch nicht.“ Das sagte mir Paquita Maria am Telefon, als wir versuchten, einen Termin zu finden für unser Treffen.

Ich dachte, dass ich meine Geschichte genau daran aufhängen würde. Ich wusste, dass die junge Frau aus Biel, die vor kurzem ihr erstes Album „Recherche“ getauft hat, schon einige Jahre in Berlin gelebt hat, dass sie kreativ und viel unterwegs ist. Mal hier, mal dort einen Job annimmt – zuletzt im Bieler Café Atomic. Sie ist ein Freigeist, rastlos, künstlerisch, unkonventionell, dachte ich.

„Schubladen gefallen mir nicht“

Als wir uns am selben Abend in Biel in einer Beiz treffen und sie mir erzählt, dass sie und ihr Freund fast drei Jahre lang ohne feste Bleibe waren und stattdessen jeweils für ein paar Monate in verschiedenen Städten und Dörfern Europas lebten, scheint sich mein Bild zu bestätigen.

Dann aber sagt Paquita: „Schubladen gefallen mir nicht. Die sind eng und zu bequem. Ah, Freigeist, zack, und dann eine Geschichte rund um mich aufbauen. Aber jeder Mensch hat – wenn er sich dazu entscheidet – die Möglichkeit, ein freier Geist zu sein. Dafür muss man nicht einen Koffer nehmen und nach Berlin reisen. Ausserdem ist die Musik das Essentielle, nicht meine Person.“

Okay gut. Ich fühle mich ertappt. Ich schäme mich meines Bünzlitums, das ich eigentlich nicht zu leben glaubte.

Zum Glück habe ich mir auch einige Gedanken über ihre Musik gemacht. Und die interessiert mich tatsächlich genauso wie Paquitas Lebensführung.

Paquita Maria (Bild: Fabian Flury)

Der Weg zur Musik

Als Paquita vor zehn Jahren nach Berlin zog, kaufte sie sich als erstes ein Klavier. Sie hatte die Gnossiennes von Erik Satie gehört. Und „es war wie ein Coup de Foudre, ein Blitzeinschlag. Ich MUSS das lernen. Ich will das UNBEDINGT spielen“, habe sie gedacht. Nach ein paar Klavierstunden, die ihr nicht zusagten, brachte sie sich das Stück selber bei. Später komponierte sie Musik für Theaterstücke und hatte schliesslich Lust, losgelöst vom Theater zu komponieren.

So entstand das Album. 

Surrealistische Chansons

Die Musik darauf lässt sich am ehesten als Chanson beschreiben. Anders irgendwie, lange habe ich nichts Vergleichbares gehört. Vielleicht erinnert es ein wenig an die frühen Sophie-Hunger-Songs. Paquita verwendet verschiedenen Instrumente: mal ein Klavier, eine Orgel, mal ein Cello oder eine Gitarre und da ist ihre zarte und doch eindringliche Stimme. Sie singt berndeutsch, deutsch oder französisch. Die Texte sind zum Teil tiefgründig, widersprüchlich, surrealistisch.

Hier nur ein paar Beispiele:
„D Zit isch ä Schäri, wo unufhörlich schnit … bruchsch nid z zögere, bruchsch nid z zoudere, si schnit sowieso … „; „Gang furt, lah mi nid ällei“; „Metamorphose, du schmärzschöni, ewigi Rose“; „Aus deiner Elfenbeinstirn/ Wuchsen schwarze Tannen / Und goldene Scherben / dir rannen / An einem Mondzwirn / Aus Deinen Augen, den schlauen / Sangen gläserne blitzende Pfauen / Sangen wie ein Schauen / Den hundertjährigen Schneekanon.“

Paquita Marias Lieder tönen alle melancholisch. (Bild: Gansan Sri)

Und immer sind die Lieder melancholisch. Warum nur, wirkt sie doch fröhlich und lebenslustig. Sie lacht viel während des Gesprächs, fasst einen an und löffelt alle Erdnüsschen direkt aus dem Glas. Warum also die Melancholie? „Ich bin dänk viele. Eine in mir ist melancholisch, und eine andere fröhlich.“ Warum hauptsächlich ihre wehmutvolle Seite Eingang in die Musik gefunden habe, wisse sie nicht. „Melancholie ist voller Schönheit. Und es liegt auch eine ganz eigentümliche Art von Hoffnung in ihr.“

Später schreibt sie mir aus dem Zug nach Berlin: „Was die Frage anbetrifft, warum die Musik oft melancholisch sei, so erscheint mir die Antwort im Nachhinein eigentlich ganz simpel. Nämlich: Das entscheide gar nicht ich. Ich bin der Musik ausgeliefert. Sie diktiert. Und ich führe aus. Ich habe nicht im Griff, was da rauskommt. Das ist ja das Spannende. Meine zeitweiligen Versuche, bewusst ein solches oder solches Stück zu komponieren, schlugen allesamt fehl. Komponieren heisst für mich zuhören.“

Nach solchen Ausführungen ist mir klar, dass man Paquita Maria tatsächlich mit einigem Bünzlitum begegnen muss, um sie auf eine Hippiesängerin, die lange ohne Wohnsitz war, zu reduzieren. Von ihr ist definitiv mehr zu erwarten als gesellschaftskritische Plattitüden und pseudo-tiefgründiges Philosophieren. Und eigentlich merkt man das schon beim Hören des Albums.

Und noch was

Das Album ist auf Vinyl erschienen.

Ah ja, jetzt habe ich so viel geschrieben, aber eigentlich wollte ich auch noch sagen, das Artwork haben Paquita und ihr Bruder, der Grafiker Santino Safari gemacht, der auch sonst schon Albumcovers gestaltet hat. Von dem bin ich übrigens auch ziemlich Fan. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.

Paquita Maria: „Recherche“, out

(Beitragsbild: Rica Rosa)

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2 thoughts

  • Die Idee des Ausgeliefertseins an die Kunst, die man betreibt, gefällt mir. Vielleicht kann echte Kunst tatsächlich erst in diesem Moment entstehen. Der Urtext oder die Urpartitur sind immer schon da, wir übersetzen nur. Noch schöner als von Paquita Maria zu hören, ist: Paquita Maria zu hören. Danke für dieses kostbare Album!

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