Im Rausch von Risha

Es gibt Musik, die sucht man nicht, die findet einen. In diesem Sommer war ich mal in Lausanne, beruflich, es war einer dieser verdammt heissen Tage, eigentlich hätte ich mich nach getaner Arbeit locker in ein klimatisiertes Abteil Richtung heimwärts setzen können, aber der Grind gabs nicht zu, wenn schon in Lausanne, dann wenigstens noch schnell in einen Plattenladen.

Meine Mission war das neue Album von Alice in Chains auf Vinyl zu finden, das in allen mir sonst bekannten Läden vergriffen war. Der welsche Arbeitskollege gab mir den Tipp, ins Obdingens zu gehen, irgendwo Nahe dem Zentrum, ich kenne mich nicht aus, eigentlich mag ich Lausanne so gar nicht, weil es immer obsi oder nidsi geht, aber ich habe den Laden dann doch gefunden, also den Bücherladen Basta!, weil der Plattenladen Obsession ist im Sous-Sol dieses Bücherladens voller Studis versteckt.

basta obsession

Eine schmale unscheinbare Treppe führt hinunter, und dann dieser Raum, so wunderschön, hell und mit viel Stil eingerichtet. Ich bin abgekämpft, müde, verschwitzt, wirke vielleicht auch etwas orientierungslos. Ich bin die einzige Kundin, hinter einem Regal verstecken geht nicht, aber der Verkäufer lässt sich zumindest nichts anmerken und fragt mich sehr nett, ob er mir helfen könne. Ich stammle Alice in Chains. Nein, die habe er nicht, die müsse er bestellen. Das will ich nicht, ich müsste dafür ja zurück nach Lausanne. Deshalb frage ich ihn, was er mir in diese Richtung sonst empfehlen könne, da packt er ein paar Sachen raus, erklärt ein bisschen, aber ich höre nicht wirklich, was er sagt. Es ist mir zu heiss, es ist Französisch und eigentlich wäre ich gerne alleine in dem Laden, der so wohlig ist wie ein Wohnzimmer. Ausser Chelsea Wolfe kenne ich wieder einmal nichts von seinen Vorschlägen. Christine Owman, Lift To Experience, Wolfe und Risha stapeln sich auf dem CD-Player zum Reinhören. Ich setze mich ins bequeme Fauteuil, der Verkäufer verschwindet hinter seiner Zeitung.

obsession risha

Ich geniesse dieses Kleinod, mitten in der Stadt, eine Insel, in der die Zeit zu stehen scheint. Hier kann ich mich trotz derangiertem Gemütszustand auf die Musik einlassen. Eigentlich dachte ich, dass ich mit dem Album von Owman rauslaufen würde, aber das war leider trotz Kollaboration mit Mark Lanegan überraschend langweilig. Chelsea Wolfe kaufe ich vielleicht ein andermal. Aber Risha, Risha nimmt mich mit auf eine Reise, hievt mich gedanklich aus dem Sessel, auf einmal sitze ich auf einem fliegenden Teppich, elektronische und orientalische Klänge, Country, Indie, Rock, eine prägende Stimme und einen noch prägenderen Klangteppich. Risha, so heisst nicht die Band, wie zuerst angenommen, sondern das Album. Risha heisst auf Arabisch Feder und ist das erste gemeinsame Werk des Amerikaners David Eugene Edwards und dem Deutschen Alexander Hacke. Bekannt sind die beiden durch ihre ehemaligen Bands, 16 Horsepower auf der anderen Seite des Atlantiks, Einstürzende Neubauten auf dieser. Edwards, ein strenggläubiger Christ, Enkel eines Wanderpredigers, Hacke ein Atheist und Schulabbrecher. Eine Platte, die nur dem Namen nach federleicht daherkommt. Komplex sind die experimentellen Klangwelten von Hacke, tiefgründig die poetischen Texte von Edwards.

Ich höre die letzte Platte auf dem Stapel gar nicht mehr an, kaufe Risha, sehr bestimmt, der Verkäufer scheint erstaunt. Ob ich denn Lift to Experience nicht noch anhören möchte? Doch ich bin völlig berauscht von Risha, diesen Zustand will ich halten, ohne ihn mit Neuem zu überlagern. Zu Hause lege ich das Album nochmals auf. Und nochmal. Kann gar nicht mehr aufhören. Die Platte wird natürlich auch vorgespielt, für ebenfalls geil befunden, erinnere an The Young Gods. Hat was, same same, but different. Seit langem bin ich wieder so richtig begeistert von neuer Musik, der Teppich trägt mich nun fast täglich durch den Orient, die amerikanische Wüste, die Gottestäler. Jetzt werde ich pathetisch. Merci les Welsch. Ich kann es kaum mehr erwarten, wieder in diesen Laden zu gehen, im Sofa zu versinken und mich einem neuen Rausch hinzugeben.

Das Duo spielt diesen Freitag im Bogen F. Und wir dürfen hier Tickets verlosen.

RELEASE: „Risha„, David Eugene Edwards & Alexander Hacke (Glitterhouse Records), out
ON STAGE: 2.11.2018, Bogen F.

(Bilder: privat/facebook)

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