„Flucht wäre für mich, wenn ich Songs über das Tanzen oder einen Telefonanruf schreiben würde“

Im Vogtland, in der Stadt der Spitze, Plauen heisst sie, sitz ich jetzt also, lehne mich an das mittelalterliche Gemäuer des Malzhauses und lausche dem Soundcheck. Ungläubig. Bin ich jetzt wirklich gerade von Bern nach Berlin, ein paar Stunden später nach Leipzig, dann mit viel Ärger und grosser Verspätung in einem aus einem einzigen Wagen bestehenden Zug in diesen Ort, der nur wenige Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt liegt, gereist? 24 Hours to Nowhere sozusagen, wo der australische Musiker Hugo Race, mit dem ich mich hier zum Interview verabredet habe, doch eine Woche davor in Genf und in Zürich gespielt hätte?

Ja, so wichtig ist mir dieses Treffen. Wenige Minuten später folge ich Race die Treppe hoch und in ein Zimmer mit langem Tisch, Wein und viel Essen. Ich gehe extra ganz langsam, damit ich ihn nicht dauernd überhole. Der Mann läuft schweren Schrittes, als hätte er Steine in den Schuhen.

 

Hugo Race, in Ihrem Buch „Road Series“ schreiben Sie, Musik sei das einzige, was Sie zusammenhält. Gleichzeitig sind Sie aber oft innerlich zerrissen, gerade weil Sie Musiker und so oft unterwegs sind.

Es ist das Paradox des Lebens, dass die Dinge, die uns ausmachen gleichzeitig die Dinge sind, die uns zerstören. Jede grosse Leidenschaft hat die Kraft, uns aus der Bahn zu werfen. In meinem Fall ist es eben die Musik.

Sind sie deswegen manchmal böse auf sie?

Nein, das ist nicht ihr Fehler. Ich fühle mich auch nie schlecht wegen der Musik, sondern eher, weil ich so oft auf Reisen bin und in dieser Zeit andere wichtige Dinge nicht tun kann. Heute hatte ich übrigens zwei grossartige Erlebnisse mit Musik. Als wir hierher fuhren, fand ich heraus, dass unser Drummer Diego SapignoliTo Love Somebody“ von den Bee Gees nicht kennt. Also haben wir es uns angehört und ich fand das super, weil ich diesen Song sehr liebe. Er ist cheesy aber grossartig. Dann hatte ich einen ruhigen Moment zum Arbeiten und hörte Benjamin Britten. Das ist auch unglaublich schöne Musik, mit der ich mich immer besser fühle.

Ich kenne Sie ja nicht persönlich, aber es wirkt ein bisschen so, als würden Sie Musik immer über alle anderen Liebschaften stellen?

Wenn ich etwas wirklich tun will, dann bin ich bereit, Opfer zu bringen, ja. Aber je älter ich werde, desto mehr habe ich zu verlieren. Wenn man jung ist, denkt man, man sei unsterblich und habe unendlich viele Chancen. Ich werde mir immer mehr bewusst, dass jeder Mensch nur eine bestimmte Anzahl von Chancen hat. Ich nehme die Chancen, die sich mir bieten, sicherlich ernster.

Heisst das, Sie denken darüber nach, weniger zu touren?

An dem Punkt bin ich noch nicht ganz angekommen. Aber ja, das Unterwegssein war immer schwierig. Ich komme nun mal aus Australien, habe da zwei Kinder und dennoch lange in Europa gelebt. Ich musste die ganze Zeit hin und zurück fliegen. Dazu braucht es wohl so etwas wie eine gespaltene Persönlichkeit. Astrologisch gesehen bin ich ein dreifacher Zwilling, ich trage also sogar übermässig viele doppelte Persönlichkeiten in mir.

Die Astrologie ist doch immer eine super Ausrede.

Ich habe erst gestern einen Artikel über Curtis Mayfield gelesen, einen amerikanischen Soulmusiker, der vor etwa 20 Jahren gestorben ist. Gerade ist das erste Buch über ihn erschienen, geschrieben hat es sein Sohn. Dieser erklärt das Verhalten seines Vaters mit dessen Sternzeichen: Zwilling. Manchmal suchen wir Erklärungen in der Psychologie, manchmal in den Sternen, und manchmal geben wir auf und schauen gar nicht mehr hin.

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Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Mein Zuhause ist in Melbourne. Bloss fühlte ich mich da nie so richtig zugehörig.

Überhaupt kommt Australien in Ihrem Buch nicht so richtig gut weg?

Ist das so?

Ich finde schon. Einmal beschreiben Sie, wie Italiener zu Ihnen kamen und von Australien schwärmten, und sie schwiegen, um ihnen die Illusion nicht zu zerstören.

Ach ja, stimmt. Ich habe schon oft das Gefühl, dass Leute überall auf der Welt denken, Australien sei ein hoffnungsvoller Ort, ein Land der Zukunft. Wenn ich die dortige Politik betrachte, dann wage ich das ehrlich gesagt zu bezweifeln. Aber eben, eigentlich rede ich lieber gar nicht darüber. Vor allem deshalb nicht, weil ich nicht will, dass andere Australier mir sagen, ich mache unser Land immer schlecht.

Welche Stellung haben Sie eigentlich in der australischen Musikszene?

Eine komische. Als ich hauptsächlich im Ausland war, ist eine ganze Generation von Musikern herangewachsen ist, die ich nicht kannte. Es gab Zeiten, da kam ich zurück und hatte Mühe, mich mit anderen über Musik zu unterhalten. Das hat sich ein bisschen geändert, seit ich wieder vermehrt in Australien toure.

Was zog Sie denn eigentlich seinerzeit nach Europa?

Australien ist taff, es schaut von aussen attraktiver aus, als es sich von innen anfühlt. Da zu touren bedeutet, grosse Distanzen zurückzulegen, um vor kleinem Publikum zu spielen. Man muss wirklich lieben, was man tut. Dazu kommt, dass ich mich schon in jungen Jahren sehr stark für Geschichte interessierte und glaubte, den wahren Sinn des menschlichen Daseins nur ausserhalb des Landes zu finden. Ich habe mich auch extrem für die Dada-Bewegung interessiert. Berlin, Zürich, all die Plätze auf der Dada-Karte wurden enorm wichtig für mich.

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In Ihrer Musik sind die Liebe und die Romantik sehr wichtig.

Ich will die Menschen auf positive Art berühren, will ihnen nicht ihre Träume stehlen, oder ihr Selbstbewusstsein. Im Gegenteil, ich will sie ermuntern, ihre Träume zu leben. Romantik ist die Geschichte, die wir um die Verbindung zweier Menschen kreieren. Und diese Verbindung wiederum gibt allem eine Bedeutung und kreiert neues Leben. Sie ist ein heiliger Ort. Somit sind auch Songs über Romantik irgendwie heilig. Sie sind mehr als sie zu sein scheinen.

Flüchten Sie in diese romantische Welt, um andere Dinge hinter sich lassen zu können?

Flucht wäre für mich, wenn ich Songs über das Tanzen oder einen Telefonanruf schreiben würde. Natürlich, das sind Themen grossartiger Popsongs, aber keine für mich.

Sie haben nie wirklich beschrieben, wie Sie einen Song schreiben.

Weil ich nicht weiss, wo meine Songs herkommen. Die Ideen hinter den Songs auf meinem aktuellen Album „24 Hours to Nowhere“ beispielsweise – keine Ahnung, wie die entstanden. Da waren mal ein paar Lyrics, ein bisschen Musik, und zu dem Zeitpunkt, als ich den Song mit der Band zusammensetzte, wusste ich schon gar nicht mehr, woher die Ideen kamen. Ich vergleiche das immer ein bisschen mit einer Geburt, das ist zwar irgendwie doof aber auch treffend. Girls können sich ja meistens auch nicht genau erinnern, wie alles abgelaufen ist. Da werden unergründliche Kräfte frei, da geht so viel ab zwischen dir und dem Universum, Dimensionen verschieben sich, und wenn man zuviel darüber nachdenkt, ruiniert man alles. Am Ende hat man dann einfch ein Baby, oder eben ein Album, vor sich und weiss nicht mehr genau, wo es herkommt.

Sie waren Gründungsmitglied der Bad Seeds. Warum haben Sie die Zeit mit Nick Cave im Buch so stiefmütterlich abgehandelt?

Die Bad Seeds (Hugo Race hat auf Caves Album „From Her to Eternity“ Gitarre gespielt. Anm. v. Rockette) waren für mich in erster Linie eine lehrreiche Erfahrung. Ausserdem gehe ich in meinem Buch absichtlich nicht in Details, ich gebe nur ein bisschen Beschreibung. Das war zum einen eine stilistische Entscheidung aber auch aus Respekt vor anderen Leuten.

So ist Nick Cave in „Road Series“ auch einfach nur Nick …

Ja, ich wollte die Menschen bloss skizzieren.

Wie stehen Sie eigentlich zum Berühmtsein?

Ich habe erfahren, was es heisst, berühmt zu sein, als ich mit den Bad Seeds und The Wreckery unterwegs war – und ich habe es nicht sehr gemocht. Aus dem Grund habe ich in der Zeit danach nie wieder viel Promotion betrieben. Ich kenne viele Künstler, die nicht mit ihrer Berühmheit klar kamen, die entweder drogensüchtig wurden oder aufhörten, kreativ zu sein. Ich versuche, meinen eigenen Weg zu finden.

 

„ROAD SERIES“hier als Buch erhältlich, hier als eBook.
„24 HOURS TO NOWHERE“ – out (Glitterhouse Records)

 

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Hugo Race Fatalists in Plauen

(Bilder: Stefan Postier vom Malzhaus, Facebook, Rockette)

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