Jazz in meinem Kopf

Ich bin Verfechterin der systemübergreifenden Kritik. Oder sagen wir, des Austauschs. Ergo: Auch wenn ich mit seinen Äusserungen nicht einverstanden bin, muss ich einen Büezer die aktuelle politische Lage in der Schweiz kommentieren lassen. Ich schreibe ja hier auch, dass ich das neue Album desselben Büezers nicht schön finde, obwohl ich weder Mundarttexte singen noch einen graden Ton auf der Gitarre spielen kann. Warum bloss druckse ich so wahnsinnig lange herum, wenn es um Hello Truffle, eines der vielen spannenden Projekte unseres Jazzberaters Christoph Steiner, geht? Kann es denn wirklich am Jazz liegen? Seit Tagen gehe ich mit „Malen nach Mahler“ auf den Ohren dieser Frage nach. Nicht dass ich eine Antwort darauf gefunden hätte. Aber etwas Ähnliches.

Wenn ich Jazz höre, und dafür ist „Malen nach Mahler“ schon allein vom Titel her ein Musterbeispiel, entstehen Bilder in meinem Kopf. Diesmal habe ich extra viel Entfaltungszeit eingeplant, bin mit der Musik Zug gefahren, durch Strassen gelaufen, zur Arbeit und zurück. Im Wesentlichen baute sich vor meinem inneren Auge eine Stadt auf, eine im Stile von New York bei Nacht und Nebel („Malen nach Mahler“), wo die einen im Jazzclub sitzen, die anderen sich in irgendeinem Hinterhof den Mantelkragen hochschlagen („November“). An jeder Ecke erwartete mich eine neue (Klang-)Welt. Ich vergass mich.

Und ha, da ist sie, meine Erkenntnis: Ich bin überhaupt nicht sichtbar in diesen vom Jazz gemalten Bildern. Ich habe gar keine Zeit, manchmal auch keinen Nerv, um mich auf die Gefühle, die die Musik in mir persönlich auslöst, mein Schwelgen, mein Träumen, mein Leiden zu konzentrieren. Was um mich herum erschaffen wird und geradezu über mein Ego hinauswächst, mich zum Staunen bringt, mitreisst, auf jeden Fall von mir selber ablenkt, nimmt mich voll und ganz in Beschlag. Ich behaupte jetzt mal, das geht den Jazzmusikern nicht anders. Sie hirnen im Moment des Musikmachens wohl kaum an sich selbst und ihrer Befindlichkeit herum, sondern widmen ihre ganze Aufmerksamkeit den Welten, die sie erschaffen. Und zwar spontan, in vielen Fällen.

Natürlich habe ich jetzt nicht das Gefühl, ich hätte den Jazz erlickt. Aber ich habe einen Unterschied zur Art und Weise entdeckt, in der ich mich mit anderen Musikstilen auseinandersetze. Mit Sound, der in mir Bilder auslöst, in die ich ganz klar integriert bin, mit all meinen Gefühlen, die durchaus stärker sein können als der Song selbst. Beim Jazz kann ich nicht abschalten. Der fordert mich durch seine Komplexität und Verspieltheit so sehr, dass ich dann eben nach Worten ringe.

Umso dankbarer bin ich, dass mir Steiner, der alle Nase lang in irgendeiner Konstellation ein Album herausgibt, ausgerechnet „Malen nach Mahler“ zum Reinhören zu geben hat und nicht ein total abgefahrenes Stück Free Jazz. Denn in den acht Stücken sind Einflüsse zu hören, die mir durch meinen regen Pop- und Rockkonsum vertraut sind, zu denen ich ein Vokabular habe. Passagen, die mir auch mal Zeit zum Formulieren geben, weil sie nicht aus einem Hickhack von Tönen und Geräuschen bestehen, sondern aus Melodien, Harmonien, treibenden Beats. „Scratch“ ist ein gutes Exempel: Ein Song, der untendurch ein bisschen nach Knight Rider, obendurch nach Stromgitarren-Orient klingt. Darin fühl ich mich wohl – und mit mir ganz sicher auch viele andere, die Berührungsängste mit Jazz haben.

HELLO TRUFFLE: „Malen nach Mahler“, out (Unit Records)

Konzerte: 11.11., Les Murs du Son, La Chaux-de-Fonds; 17.01., Moods, Zürich

(Pressebild)

 

 

 

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