Pizzorno macht seine Träume wahr und wird Goboi

Ich hab mir als 14-jähriger Mod versprochen, nie an eine Techno-Fuer zu gehen – auch nicht nach Roggu! Nun, das war gelogen.

2015 war es soweit: Kasabian am Rock en Seine in Paris. Der Auftritt hatte mutz etwas mit dem 2004er Debutalbum, das mich seinerzeit angefixt hatte, gemein. Strobo, eine Donnerslautstärke, Instrumente nur optisch wahrnehmbar und als dann noch Noel Fielding „Vlad the Impaler“ gab und auf der Bühne rummunkelte (bleich, wohl nicht geschminkt), war klar: Das ist kein Gig, das ist eine Techno-Fuer. Nichts mehr mit „L.S.F.„, „Club Foot„, „Me Plus One“ und „British Legion„. Nein, Mucke musste missverstanden werden. Aber hey: Kein Vorwurf – ich wünschte den Jungs alles Gute. Den ganzen heissen Scheiss, den sie sich immer erträumten im mauen Leicester, gönnte ich ihnen von Herzen, aber – verdammt – ich musste aussteigen, ich fühlte mich zu alt.

Musik lohnt jede Wartezeit. Vor einigen Wochen war dem NME exklusiv zu entnehmen, dass das neue Album gemäss Master Sergio Pizzorno eine melodieselige Rocknummer wird. Kasabian hauen also wieder auf die Pauke. Mucke wird donnern!

Nun höre ich das Resultat. Ist ein sexy beast, dieses „For Crying Out Loud“. Vielleicht mal so: Es fühlt und hört sich an, als gingst du knappe sieben Meter neben Pizzorno durch die Wüste. Meighan, Edwards und Matthews sichern euch den Weg. Du hörst die Kieselsteine, die euren Boots weichen. Die Landschaft sieht aus wie in Leone-Filmen. Ihr hattet einen „Good Fight“. Eastwood gibt euch Feuer und grummelt „You’re In Love With A Psycho“. Du hast eine Krumme, Pizzorno eine Rössli 7. Hie und da galoppieren wilde Pferde vorbei. Die wollen in die Disco. „Are You Looking For Action“? Ihr nehmt Notiz. Ihr habt keine Eile. Die Disco wartet, „The Party Never Ends“. Wer weiss, was in den „Sixteen Blocks“ auf eurem Weg noch passiert? Euch entgegen kommen einige abgehalfterte „Comeback Kids“, absolut „Wasted“. Mehr als euch den Weg zu weisen, liegt nicht mehr drin. Mürbe. In der Ferne seht ihr, unter der sengenden Hitze glimmernd, die Umrisse eines Städtchens. Bereits hört ihr die Chöre unter der Anleitung Morricones. Und irgendwoher ertönt eine Steve-Jones-Gitarre. Was der nach den Sex Pistols genau machte, war ja nie klar. Bis jetzt. Ihr seid mittlerweile auf Höhe des Saloons angekommen, wo die Klänge rausdringen. „Ah, ‚Bless This Acid House'“, murmelt Edwards. Einkehren mit Kasabian – das ist natürlich genau was du immer wolltest. „Put Your Life On It“!

Ich habe es damals in Paris geahnt. Es ist wie eine feste Freundschaft, die sich aus geografischen Gründen verschiebt – aber nicht zum Schlechten. Sieht man sich wieder, ist es, als wär das letzte Mal gestern gewesen. Eine sichere Bank, diese Kasabian.

KASABIAN: FOR CRYING OUT LOUD; out (Sony Music)

LIVE: 10.07., Montreux Jazz Festival, 05.11. Halle 622, Zürich

 

GUESTLIST: Jengi Krigu ist unter anderem Musiker und Texter. Er ist Wanda, nicht Bilderbuch. Züri West, nicht Patent Ochsner. Forever Beatles und ender weniger Damian Lynn. Und wenn es einer schafft, eine verirrte Rockette zurück in die Bahn zu lenken, dann er mit seinem unerschütterlichen Musikgeschmack. Doch: Auch Krigu hat guilty pleasures – und wenn er die zum Besten gibt, dann Walkt der boom boom boom boom Boomerang on Sunshine.

 

(Bilder: Kasabian / privat)

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