Kikagaku Moyo zeigen ihre Seele

Gestern Abend in Oslo, heute Abend in Bern, morgen Nachmittag an einem Festival auf einer Alp im Wallis: Kikagaku Moyo schonen sich nicht, wenn es darum geht, ihre Musik zu den Leuten zu bringen.

„Letzte Nacht haben wir gar nicht geschlafen“, erzählt mir Go Kurosawa, Schlagzeuger und Gründer der japanischen Band, vor dem Konzert im ISC in Bern. Das Konzert in Oslo sei erst um 2 Uhr fertig gewesen, um 4 Uhr waren sie im Hotel und schon zwei Stunden später mussten sie los zum Flughafen. „Was machst du, um den Tourstress zu lindern? Trainieren?”, frage ich Go. „Nein, ich bin Schlagzeuger“, antwortet er, „das ist ja schon ziemlich körperlich. Ich erhole mich auf der Bühne, wenn ich spiele. Und wenn ich richtig müde bin, dann sage ich mir, du kannst dich wirklich glücklich schätzen, das tun zu können, was du am liebsten machst.“

Kikagaku Moyo gibt es seit 2012. Ihr letztes und bislang bestes Album, „Masana Temples„, ist von 2018, aufgenommen und produziert in Portugal. Neben Go besteht die Band aus seinem Bruder Ryu an der Sitar, Tomo Katsurada an der Gitarre und allerlei Schlaginstrumenten, Daoud Popal an der Gitarre und Kotsu Guy am Bass. Kikagaku Moyo machen psychedelische Musik: Sie improvisieren gerne und nehmen sich Zeit für lange Songs.

Psychedelische Musik stammt aus einer Zeit in den 1960er Jahren, in der man dachte, mit Drogen würde die Musik besser klingen. Psychedelische Drogen wie LSD führten bei Konsumenten zu einer Bewusstseinserweiterung, die sich dann einerseits auf die Musik auswirkte, die unter dem Einfluss dieser Drogen komponiert und gespielt wurde. Andererseits hatte diese Musik auch den Effekt, das Erlebnis der Drogen nochmals zu vertiefen und auszuweiten. Eine klassische positive Rückkopplung also, die für Aussenstehende nicht immer ganz nachvollziehbar war.

„Kann man psychedelische Musik auch ohne Drogen spielen“, frage ich Go. „Ich denke schon“, antwortet er. „Früher nahm ich auch Drogen, heute aber nicht mehr. Es geht ja darum, mit deinem Bewusstsein zu experimentieren. Den gewünschten Zustand kannst du auch ohne Drogen erreichen. Klar, die Drogen haben eine wichtige Rolle in der Geschichte der psychedelischen Musik gespielt, aber alles auf die Drogen zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen. Psychedelisch ist wie eine Philosophie: Es geht auch um die sozialen Bewegungen in den 1960er und 1970er Jahren, es geht um Literatur und auch um Mode.“ (In der Tat sind Kikagaku Moyo eine Band mit Stil und sehen zweifelsohne gut aus. Vom Herrenmagazin GQ wurde sie deshalb kürzlich als “die möglicherweise bestgekleidete Band des Jahrzehnts“ gehyped.)

Den gewünschten mentalen Zustand lässt sich jedoch nicht mit Zwei-Minuten Songs erreichen. Der wahre Trip fängt erst an, wenn die Musik sich länger hinzieht. Kikagaku Moyo versuchen dann, fünf Individuen auf eine einzige Sache zu konzentrieren und unter diesem Brennglas etwas einzigartiges zu kreieren. Das ist eine Art kollektive Meditation und wie in Trance bewegt sich die Band mit ihrer Musik vorwärts. „Für mich als Schlagzeuger ist dieser Zustand relativ einfach erreichbar“, sagt Go. „Ich sitze hinten auf der Bühne, im Dunkeln, und kann in meine eigene Zone eintauchen, etwas weg vom Publikum. Ich denke dann fast gar nichts mehr und meine Arme und Hände arbeiten automatisch. Alles ist nur noch Musik und es gibt kein Ich mehr.“

Das Publikum in Bern verfällt schon schon beim ersten Song des Abends in eine Instant Trance. Eine repetitive Basslinie, Ryu an der Sitar, Go der am Schlagzeug sitzt und singt: Die gespannte Schläfrigkeit der Band passt gut zur schlafwandlerischen Spiritualität ihrer Musik. Die Köpfe der Zuhörer wippen nach wenigen Minuten schon gewaltig. Kikagaku Moyo suchen immer wieder die Vereinigung im Sound, bis ein grooviger Bass einsetzt und die Band aus der selbstgewählten Sackgasse führt. Zwischendurch wird das Schlagzeug auch schon mal auf der Seite gelassen. Tomo hat allerlei Schlaginstrumente im Repertoire– Triangel, Gongs, Cowbells – und Go versucht sich auf der Flöte. Das sind Spezialeffekte fast wie beim Filmemachen.

Auch mir eröffnen sich beim Hören von Kikagaku Moyo Assoziationen und das bereits ab Konserve und nicht erst im Konzert. „Dripping Sun“ zum Beispiel fängt als Sergio-Leone-Italowestern an und geht dann rasch über in einen 1970er Cop-Film (es könnte auch etwas von Quentin Tarantino sein, „Jackie Brown“ vielleicht). Dann sehe ich eine Autoverfolgungsjagd (oder ist das sogar ein Helikopterüberflug?). Der zweite Song auf dem „Masana Temples“-Album blendet dann ruhig zurück ins vorstädtische Japan, zu Leuten, die auf den Bus warten und dabei die Sonne geniessen (hätten sie denn die Musse dazu). Über ihre Sony Walkmen rieselt der City-Pop von Tatsuro Yamashita in ihre Ohren. Die Lage ist aber ernster als man glaubt. In Kalifornien rasen die Gitarren und im Meer draussen tanzen die letzten Delphine. Am Schluss des Stücks sind wir wieder beim Polizeifilm. Dieser steuert langsam seiner Entscheidung zu. Noch ein letztes Mal denkt der Protagonist zurück an Japan. Dann geht auch für ihn die Sonne unter.

Und das wirklich alles ohne Drogen?

Nicht Guillaume Hoarau ist heute Abend der Lieblingsspieler des Berner Publikums, sondern Daoud Popal, der Gitarrist von Kikagaku Moyo. Seine Fuzz Gitarre schneidet immer wieder tiefe Furchen in den Wohlfühlacker voller gewaltfreier Musik, den seine Kollegen lächelnd bestellen. Assistiert wird er dabei von Ryu Kurosawas Sitar. „Die Sitar ist wirklich ein besonderes Instrument, sie könnte fast ein ganze Band ersetzen“, sagt Go Kurosawa dazu. „Früher gab es ja schon etliche Bands mit Sitars. Wir möchten aber, dass die Sitar bei uns nicht wie indischer Kitsch tönt, sondern modern. Deshalb brauchen wir die Sitar wie ein Gitarre, mit Verstärkern und Effektpedalen.“

Ich nehme an, dass Greta Thunberg viel psychedelische Musik hört. Wenn nicht, sollte sie damit anfangen, um ihrer Botschaft noch mehr Tiefe zu geben. Achtsamkeit – den Mitmenschen gegenüber, der Natur gegenüber, gegenüber sich selber – ist zeitgemäss. In diesem Sinn ist auch die psychedelische Musik zeitgemäss. Die Botschaft von Kikagaku Moyo ist heute vielleicht notweniger als damals, als diese Musik ihren Urknall hatte. Sie geht über ein blosses „Peace and Love“ hinaus. Es geht darum, im wahrsten Sinn des griechischen Ursprungs von psychedelisch, die Seele sich offenbaren zu lassen und das Potential des menschlichen Geists Schritt für Schritt weiter zu entwickeln. Dann  vermag man auch den kleinen Dingen wieder ihre verdiente Wertschätzung zu geben. Das mag vielleicht als wenig erscheinen. Aber irgendwo muss man ja anfangen.

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik. Und er betreibt seit Kurzem seinen englischsprachigen Blog The Open Enso.

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