Zerstörerische Schönheit

Kim Gordon sieht sich als bildende Künstlerin, und wenn als Sängerin, dann als nicht singende. Ich liebe Kim Gordon, die ehemalige Sonic-Youth-Musikerin: für ihre Kreativität, für ihre Statements, FÜR IHR BUCH, für ihren hässigen Ton und auch für ihr Flüstern.

Sonic Youth war mir zu Zeiten von Sonic Youth immer zu abstrus. Den Zugang zum Experimentellen fand ich erst durch Rockette. Als ich nicht mehr das Gefühl hatte, ich müsse über ein hochgestochenes Musikjournalisten-Vokabular verfügen, um darüber reden zu können.

Sonic Youth gibt es nicht mehr. Ein Grund dafür war die Trennung von Kim Gordon und Thurston Moore nach 27 Jahren Ehe. Ich weiss alles, ich habe Gordons Autobiografie „Girl in a Band“ – die es by the way auf deutsch und englisch bei Bookette gibt – gelesen. So viel Kunst, so viel Musik, so viele (nicht nur positive) Gefühle, so viel Inspiration in diesem Buch. Ich war damals dermassen angefixt vom Arty-Sein, ich habe fast selber angefangen, Noise zu machen.

Kim Gordon war es aber schon immer ernster damit als mir. Vor wenigen Tagen hat die 66-Jährige „No Home Record“, ihr erstes Soloalbum nach jahrzehntelanger Karriere veröffentlicht – es ist dunkel, disharmonisch, fast zerstörerisch zum einen, verspielt und lustvoll zum anderen. Die Texte sind oft aus einzelnen Wörtern zusammengesetzt, wirken wie spontan erfunden. Nein, Ausdrücke wie „fetter Beat“ und „röhrende Stimme“ werde ich bestimmt nicht auspacken, um den Sound zu beschreiben – auch wenn sie passen würden. Aber diese Songs sind viel mehr als die Summe einzelner abgedroschener Floskeln. Sie sind Orte. Wenn man so will.

„Sketch Artist“ beispielsweise ist die Treppe hinunter in den Underground-Club. Da sind Menschen in schrillen Outfits, vibrierende Mauern, krasse Verführung, die Aussicht auf eine Nacht mit ungewissem Ausgang. „Murdered Out„, die Nummer mit dem verlässlichsten Bass-Riff des ganzen Albums, ist für mich der logische Folgesong, auch wenn er auf dem Album erst später kommt. Da seh ich die Menschen im Club, im Sog von Musik, Drinks und Vergessen. Und „Hungry Baby“, das ist für mich ein Auto von Innen. Eins, das über die Autobahn brettert, einem sehr sehr lang ersehnten Ziel entgegen.

Übrigens: Thurston Moore hat fast gleichzeitig ein neues Album veröffentlicht. „Spirit Councel“ heisst es und umfasst drei Songs von insgesamt sage und schreibe zweieinhalb Stunden. Mir gefällts aus noch nicht ganz ausformulierbaren Gründen nicht annähernd so gut wie sein Vorgänger „Rock N Roll Consciousness“ (damals lag ich ja ab vor Glück). Und im Vergleich zu Gordons Solodebüt ist das Album geradezu zum Einschlafen.

KIM GORDON: „No Home Record“, out (Matador Records)

(Bild: Natalia Mantini/Matador)

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