KOZO und die Sehnsucht nach der Zukunft

Eigentlich wollte ich diesen Artikel mit einem Architektenwitz beginnen, aber im Internet fand ich keinen. Auf jeden Fall keinen guten. Sind Architekten nicht lustig? Ich für meinen Teil hatte grossen Spass mit den Musikern von KOZO, im Tunefork Studio von Beirut, wo sie sich für eine Probe getroffen hatten. Und dies trotz oder vielleicht gerade wegen der Tatsache, dass drei der fünf Bandmitglieder Architekten sind.

Nach einem Gespräch mit KOZO konsultierst du Wikipedia häufiger als ein Inkontinenter pro Tag auf die Toilette rennt. KOZO sind muntere und auch sehr intelligente Leute. Vermutlich war es sogar das schlauste Interview, das ich je geführt habe.

Die Geschichte von KOZO lässt sich in einem Satz erzählen: Sie haben Filter Happier geschluckt (eine andere grossartige Band aus dem Libanon). Anders gesagt ist KOZO das Resultat von viel Mut. Es gab eine Zeit, in der Andrew Georges (Gitarrist) und Charbel Abou Chakra (Bass) Covers von Sigor Ròs spielten. Der Band fehlte aber ein guter Schlagzeuger. Filter Happier wiederum waren eine Band „in Auflösung“: Die Sängerin war nach Frankreich gezogen, der Bassist in die USA. Andrew sah Filter Happier spielen, die Band gefiel ihm und er nahm dann allen Mut zusammen und sprach sie an. Elie el Khoury, der Schlagzeuger, war sofort dabei, sich Andrews Band anzuschliessen. Später machten Georgy Flouty und Camille Cabbebé (beides Gitarristen und die zwei Nicht-Architekten bei KOZO) denselben Schritt. „Mit Georgy zu sprechen hat mir Angst gemacht“, sagt Andrew beim Interview. „Er ist ein Profi, er hat in vielen Bands gespielt, er hat in Europa getourt und hatte diese einschüchternde Aura.“ (Georgy: „Hä?“)

Cozy Besuch im Bandraum von KOZO

Und nun, einige Jahre später, haben KOZO ihr Debütalbum veröffentlicht. „Tokyo Metabolist Syndrome“ ist ein aussergewöhnliches Album, gerade auch für eine Band aus dem Libanon. Es ist ein Konzeptalbum, das den Metabolismus feiert, einen japanischen Architekturstil der Nachkriegszeit, und diesen mit dem Stand der Architektur im Libanon vergleicht. „Eigentlich mag ich den Ausdruck Konzeptalbum gar nicht“, sagt Andrew. „Es erinnert mich an wurzlige, kitschige Platten aus den 1970er Jahren.

Für die Interessierten und Hochbegabte erklären wir nun kurz, was Metabolismus ist (die anderen können gleich zum nächsten Abschnitt weitergehen). Metabolismus war eine Architekturbewegung, die innovative Konzepte entwickelte, um die im zweiten Weltkrieg schwer zerstörten japanischen Städte wieder aufzubauen. In ihren Entwürfen für neue urbane Gebiete betonten Metabolisten wie Fumihiko Maki, Kenzo Tange und Kisho Kurokawa die Notwendigkeit, organische Systeme nachzuahmen. Sie sahen Gebäude und städtische Strukturen (und nicht zufällig heisst KOZO Struktur auf japanisch) als lebende Körper, die aus autarken, dynamischen und selbstanpassenden Zellen bestehen.

Wie widerspiegelt sich die Architektur der Metabolisten in der Musik von KOZO? Andrew hat eine Antwort parat: „Die Idee der Architektur in der Musik ist die, an einem Prozess festzuhalten. Und dabei auch die kleinen Ungereimtheiten zu akzeptieren, die sich daraus ergeben. Man erhält ja manchmal so Zufallsergebnisse. Wir begrüssen diese und machen sie Teil unserer Musik.“

 

In der Musik von KOZO gibt es ein schweres Schlagzeug sowie einen Bass und drei kräftige Gitarren. Die Songs sind oftmals länger als das heute übliche Radioformat. KOZO nehmen sich Zeit, die Landschaften und Horizonte, die vor ihnen liegen, auszukundschaften. In bester Math-Rock-Tradition ist es von Nerds gemachte Musik, die trotzdem nicht allzu nerdig klingt. Diese Musik live zu spielen, ist recht anstrengend, sagt Elie. „Für alle von uns ist eine geistige Übung, auch weil wir viele schräge Taktarten benützen.“ Die Musiker geben zu, dass sie manchmal zu viel denken, wenn sie im Studio sind. „Erst wenn wir live spielen“, sagt Elie, „lassen wir wirklich alles los“.

Wie reagieren die Hörer auf KOZO, frage ich in die Runde? Sie wissen nicht, wann sie klatschen sollen, sagt Georgy, als Witz. Als sie einmal an einem Schulanlass im Norden Libanons auftraten, verliessen die Kids rasch das Konzert, aber die Eltern blieben. Die Band bekam schon grossartiges Feedback von demographischen Gruppen, die sie eigentlich nicht auf dem Radar hatten. Dann verrät mir Camille noch ein weiteres Geheimnis von KOZO: Wenn sie singen (und das tun sie nicht oft), dann singen sie in Arabisch! „Für ganz lange Zeit“, sagt mir Camille, „dachten meine Freunde, wir würden auf japanisch singen, wegen all den Referenzen auf Japan in unseren Songtiteln“.

Ja, genau, Japan. Warum diese Vernarrtheit in Japan, frage ich KOZO. Ihr ward ja noch nie in Japan und japanisch sprecht ihr auch nicht. Andrew atmet tief ein bevor er antwortet. „Als Architekten“, erklärt er, „hatten wir diese Faszination für die Konzepte des Metabolismus. Und dabei merkten wir, was Japan nach dem Krieg gemacht hat und was wir im Libanon gemacht haben. Traurigerweise haben wir das ganze Potential, das einmal da war, vernachlässigt und alles über Bord geschmissen. Die Musik von KOZO spielt mit dieser naiven Vorstellung, die wir von Japan haben und träumt von einer Architektur für den Libanon, die dieselbe Bedeutung hat wie es die Metabolisten für Japan hatten. Das waren Leute, die konkret an der Zukunft gebaut haben. Es mag vielleicht kindisch tönen, aber so eine Zukunft wünschen wir uns auch für uns“.

 

Wer 6 Minuten 44 hat, um genau zu verstehen, was Andrew Georges meint, soll sich “Tokyo Bay Plan” anhören, das letzte Stück auf KOZOs Album. Wer nur zwanzig Sekunden aufwenden kann, soll vorspulen bis fast zum Ende des Songs und sich auf Elie konzentrieren, wie er acht Sekunden vor Schluss eine letzte Salve auf seinen Drums abfeuert. Das ist Libanon, das ist der Orient, dieses Land der Verdammnis und der Erlösung, auf den Punkt gebracht.

Die Musik von KOZO, obwohl zumeist instrumental und ohne Worte, ist politischer als manche Musik von libanesischen Bands, die in letzter Zeit an den Pranger gestellt wurden. Die Libanesen sind ein Volk, das kollektiv unter dem Stockholm-Syndrom leidet: Sie wurden dazu erzogen, ihren schlimmsten Feind zu lieben, sich selber. KOZO sind sich dessen bewusst, wissen aber auch nichts besseres, als durchzuhalten. „Wir sind eine Band aus Beirut“, sagen sie, „wir könnten unsere Musik nicht anderswo schreiben“. Das mag für das erste Album durchaus zutreffend sein. Nun aber los, möchte man ihnen zurufen, ihr seid bereit, euren Kokon zu verlassen. Kommt nach Europa, geht nach Japan, spielt Konzerte, komponierte neue Musik, die Welt gehört euch. Die Japaner lieben Überraschungen. KOZO würden zweifellos eine sein.

 

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik. Und er betreibt seit Kurzem seinen englischsprachigen Blog The Open Enso.

 

(Bilder: zvg)

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.