Kurts Korner: Irisches aus Beirut

Sam Wehbi ist ein Musiker, wie es viele gibt: Er spielt verdammt gut Gitarre und verdient nichts mit seiner Kunst. Er lebt in Beirut und versucht gerade, sich mit irischer Folkmusik einen Namen in der lokalen Szene zu machen. Wie funktioniert denn das? Kurt Werren hat mit Sam Wehbi gesprochen.

Hallo Sam, wie geht es Ihnen? Welche Musik ist gerade trendy in Beirut?

Viele hören oder machen elektronische Sachen, mit Effekten, um die Musik aufzupeppen. Namen werde ich aber keine nennen.

Warum nicht?

Mein Ansatz ist ein anderer. Man könnte sagen, er ist organischer Natur. Ich zähle mich zur Beiruter Singer-Songwriter-Szene und ein grösseres Publikum muss diese erst noch entdecken. Sie fühlt sich frisch und irgendwie weich an; der Künstler steht im Mittelpunkt – und nicht eine Maschine. Mein Ziel ist es, dieser Szene einen Schub zu geben.

Was steht denn bei Ihnen zuoberst auf der Playlist?

Da steht gerade Oswin Macintosh, ein Komponist. Ich liebe alles, was mit Fantasy zu tun hat, Musik, Filme und deren Soundtracks.

Auf Facebook habe ich Ihren Namensvetter Sam Wehbi gefunden, einen Zauberer aus dem Libanon. Was ist in Ihrem Leben magisch?

Magie ist Wissenschaft, die sich nicht erklären lässt.

Steven Wilson, der früher bei Porcupine Tree gespielt hat, sagte kürzlich, er habe für die Musik auf eine Familie verzichtet. Was opfern Sie für die Musik?

Ähnlich wie Wilson: einen Teil meines Soziallebens, Freunde, Verwandte, Familie.

Wären Sie gerne ein Astronaut?

Ja, das wäre ich gerne. Aber ich glaube, ich habe meinen Sinn im Leben gefunden. Ich kann meine Gedanken und Gefühle über die Musik weitergeben. Es ist allerdings ein schwieriger Weg, mit viel Konkurrenz.

Neverland, Graceland oder La La Land?

Neverland!

Ich weiss nicht mehr genau, wie ich darauf komme, aber haben Sie eigentlich brasilianische Wurzeln? Können wir nächstens ein Bossa Nova Album von Ihnen erwarten?

Ja, stimmt, ich habe einmal drei Jahre in Brasilien gelebt und so das Land entdeckt. Musikalisch habe ich mich aber nicht wirklich wiedergefunden. Ein paar Songs sind allerdings in Südamerika entstanden.

Erzählen Sie mir von Ihrer neuen Single „The Jig„. Die tönt so irisch. Wann waren Sie das letzte Mal in Irland?

„The Jig“ habe ich geschrieben, als ich in Brasilien war. Ja tatsächlich, nicht in Irland. Ich dachte über unsere Gesellschaft nach, die Verantwortungslosigkeit und die Oberflächlichkeit von allem.

Dann waren Sie also noch gar nie in Irland?

Ich war immer ein Fan der irischen Folkmusik, aber dort war ich noch nie. Nun ja, vielleicht als Seelenwanderer, wer weiss.

Wie können Sie als Musiker überleben, wenn „The Jig“ in den ersten zwei Monaten nur 47 Aufrufe auf YouTube hatte?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nur aus Liebe Musik mache. Das habe ich vielleicht gesagt als ich 15 oder 16 Jahre alt war. Heute aber muss auch ich die Rechnungen bezahlen und deshalb arbeite ich zusätzlich in einem Reisebüro.

Gibt es Sponsoren?

Wir leben in einem Land und in einer Region, wo Kunst nicht viel zählt, und die Künstler nicht unterstützt werden. Es sei denn, eine Whiskymarke sieht in dir eine gute Werbefigur.

Wie sieht Ihr Karriereplan aus?

Ha! Wir können es kurz machen. Mein Ziel ist es, glücklich zu sein mit dem, was ich besitze, was ich entschieden und gemacht habe.

Sagen Sie mir etwas zu Donald Trump.

Donald Trump ist der ehrlichste rassistische Präsident, den ich mir vorstellen kann.

Verbringen Sie zu viel Zeit auf Facebook?

Überhaupt nicht.

Bedauern Sie es, nicht mit einem goldenen Löffel geboren zu sein?

Wer sagt, dass ich das nicht bin? Aber als ich mit der Kunst in Berührung kam, war das Geld für mich nicht mehr wichtig.

Wären Sie lieber ein guter Musiker, aber arm, oder ein schlechter Musiker, aber reich?

Als guter aber armer Musiker wäre ich immerhin ehrlich mit mir; ich hätte mein Talent nicht mit Geld und teuren Maschinen gekauft, die auch einen untalentierten Dödel erfolgreich machen.

Welches ist der beste Ort in Beirut für Livemusik?

Ganz eindeutig das Onomatopeia.

Als ich Sie im letzten September genau dort gesehen habe, haben Sie einen Song gespielt, der glaube ich „The Mountain“ hiess. Ich fand ihn  super eingängig. Wieso haben Sie den noch nicht als Single herausgebracht? Zu kommerziell?

Nun, ich dachte zuerst, ich würde den Mountain Song als nächste Single nach „The Jig“ veröffentlichen. Aber nun spare ich ihn für eine EP auf, die bald erscheinen soll.

Dann kommen Sie mal in die Schweiz. Hier gibt es viele Berge.

Ich würde sehr gerne in der Schweiz spielen. Und dann könnte ich auch gleich in euren schönen Bergen wandern gehen. Natur passt mir eh besser als Betonwüsten.

 

Sam Wehbi als Gitarrist bei Sandmoon.

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik.

 

 

 

(Bilder: zvg)

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