Kurts Korner: Pamela Méndez und das Prinzip des Nichteingreifens

Eine Mini-Kontroverse am Rockette-Geburtstag hatte einen angeregten bilateralen Austausch zur Folge: Unser Gastautor Kurt und die Berner Musikerin Pamela Méndez haben sich zu einer spannenden und, puh, ziemlich anspruchsvollen Plauderei über Popmusik getroffen.

Es ist ja immer diese Ernsthaftigkeit, mit der sie bei der Sache ist, die einem bei Pamela Méndez als erstes auffällt. Wie beim ersten Geburtstag von Rockette Mitte Februar im Musigbistrot Bern, beim Podiumsgespräch mit Zoë Howe. Pamela Méndez hat sich da zu Wort gemeldet und lange über Kunst und Künstlerinnen und die Herausforderungen des Kulturbetriebs gesprochen. Manche mögen dies für den übersteigerten Standpunkt eines Kopfmenschen gehalten haben, manch einen hats vielleicht genervt. Dabei ist es nur eine gut konstruierte Matrix, die sich Pamela Méndez ausgedacht hat, und die sie mit grosser Konsequenz und Beharrlichkeit vertritt.

2011 war Pamela Méndez schon einmal ziemlich weit. Sie hatte ihr Debütalbum „I Will Be Loved“ veröffentlicht, spielte Konzerte in der Schweiz und in Deutschland und ein Video lief auf Joiz und MTV. Und dann: fertig. Bis ihre Mutter im Sommer 2013 zu ihr sagte, „du musst es weiter probieren“. Pamela Méndez las Hannah Arendt und Arno Grün, übte E-Gitarre, hörte Grizzly Bear bis zum Abwinken und schrieb wieder einen ersten Song, „Open Sky„.

Ein paar Tage nach dem Podiumsgespräch treffe ich Pamela Méndez in einem Café zu einem Gespräch zu zweit. Aus dem ersten neuen Song im Jahre 2013 ist inzwischen ein ganzer Haufen Songs geworden, aufgenommen in Frankreich, produziert von dem irischen Musiker David Odlum und ready to go.

Im Café erklärt mir Méndez ihre Theorie des Songwritings. Diese fängt mit Ella Fitzgerald an, der Jazzsängerin, die sie verehrt, und die die Fähigkeit gehabt haben soll, dieselbe Geschichte immer so zu erzählen, als wäre es das erste Mal. Das möchte sie auch erreichen, sagt Pamela Méndez. Im Pop. „Ich habe mein Songwriting immer als Kunst betrachtet“, fährt sie fort. Das klinge jetzt banal, sagt sie – ich liebe Leute mit Ambitionen, denke ich -, doch Popmusik vom Kunststandpunkt aus zu schreiben, bedeute, den Kommunikations- und Bildungsauftrag, den man als Künstlerin hat, ernst zu nehmen.

Wie jetzt, frage ich, Pop als Kunst (obwohl man mir ABC’s „The Look of Love“ jederzeit als bedeutendstes Kunstereignis der 1980er Jahre verkaufen kann)? Ja, sagt Pamela Méndez, Popmusik kann in den Stand der Kunst erhoben werden, durch den Text und die Message dahinter. Möglicherweise steht sie mit dieser Meinung etwas alleine da. Sie weiss das. „Die Tatsache, dass es in Popsongs im Grunde genommen nur zwei Themen gibt, geglückte oder misslungene Liebe, weist schon darauf hin, dass es nicht üblich ist, den Songtexten eine Wichtigkeit zuzusprechen, wie ich es tue.“

Und dann sagt sie ein Wort, das ich im Kontext eines popmusikalischen Diskurses noch nie gehört hatte: Vektor. Man könnte auch Maxime sagen, meint die Musikerin, aber ihr gefalle Vektor besser, weil es um eine Art des Vorgehens und nicht um Regeln gehe. Ihre Matrix zu den Songtexten besteht aus vier Vektoren.

Genug der Schulmathematik! Hier geht es um Popmusik. Vektor Nr. 1 geht dann beispielsweise so: „Ich muss eine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln kennen, um sie für ein Lied zu verwenden“. Oder anders gesagt: Einschläferndes Selbstmitleid oder schmerzhafte Banalität sind in Songtexten zu vermeiden. Die Welt wird einbezogen. Und Vektor Nr. 4 verlangt bei Songtexten ein „Prinzip des Nichteingreifens“. Der Text soll die verschiedenen Aspekte eines Themas sachlich aufdecken, aber nicht werten. Für einen gründlichen Argumentationsprozess ist im beschränkten Rahmen der drei bis fünf Minuten eines Popsongs kein Platz.

Ok, ich verstehe. Aber sind derart gebaute Texte noch schön? Nein, sind sie nicht unbedingt, sagt Pamela Méndez. Bei den neuen Songs habe sie sich bewusst nicht um Textrhythmik oder ausgeklügelte Reime gekümmert. Die Texte mussten funktional sein. Für die Schönheit und das Subjektive sei die Musik verantwortlich.

Und die ist schön! Sie vibriert. Pulsiert. Begleitet von einer exzellenten Band mit Nicolas Stocker an den Drums, Luzius Schuler am Synthi und Adrien Guerne am Bass macht der Kopfmensch Pamela Méndez Musik, die treibt und groovt. Der Jazz von Ella trifft auf den Pop von Pamela.

Elektro-poppig ist etwa der Song „Eternal Love„. Geschrieben in der Kathedrale Notre Dame während eines Aufenthalts in Paris, mit einem Jesus am Kreuz vor Augen, ist dieser „stupid happy song“ eine geeignete Prüfziffer, um das System von Vektoren mit herkömmlichem Songwriting zu vergleichen.

Und tatsächlich, wo bei Mash larmoyant, ausgrenzend und ichbezogen die ewige Liebe herbeigesungen wird, ist Pamela Méndez das Thema allgemeingültiger angegangen. Immer im Bewusstsein, dass es sich bei der Idee einer romantischen Beziehung auch um die Gehirnwäsche unserer Konsumgesellschaft handeln kann. So wird dann Padi Bernhards „ewigi Liäbi, das wünsch ich diär; ewigi Liäbi, das wünsch ich miär; ewigi Liäbi, numä for üs zwei“ bei Pamela Méndez zu:

 

now that she grows older, she believes what she was told

now she is too ugly, she’s too old

if he just leaves she won’t mind

(because) love means to forgive (at the end of the day)

 

Too ugly, too old? Wie gesagt, für die Schönheit gibt es die Musik. Und die muss zuerst noch hinaus in die Welt gelangen. Pamela Méndez hat eine Crowdfunding-Kampagne am Laufen, um ihre neuen Songs auf die Reise zu bringen. Für Ella, für Pamela, für den Vektor!

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und gute Musik.

 

 

 

(Pressebild)

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