Die Johanna steht der Gaga viel besser!

Gerüchteweise hat Heath Ledger während der Dreharbeiten zu „The Dark Knight“ jeden ignoriert, der ihn nicht mit Joker angesprochen hat. Der junge Schauspieler hat die Kunst des Method Acting für diese Rolle ausgereizt – nicht selten wurde seine bedingungslose Identifikation mit seiner Filmrolle als Grund dafür genannt, dass er sich mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln zu betäuben versuchte.

Auch Stefani Joanne Angelina Germanotta lebte ihre Rolle zuletzt derart intensiv, dass der Mensch hinter der Kunstfigur Lady Gaga zu verschwinden drohte. Mit ihrem Album „Artpop“ trieb sie diese nach dem Erfolg mit „The Fame“, „The Fame Monster“ und „Born this Way“ auf die absolute Spitze. Mother Monster, wie sich die Sängerin gerne für ihre Fanbase, die Little Monsters, bezeichnet, schien beinahe von dem Ungeheuer aufgefressen zu werden, das sie selbst erschaffen hatte.

Zwei Jahre lang widmete sich die Lady nach dem umstrittenen Studioalbum „Artpop“ erst der Jazz-Musik, dann der Schauspielerei und vermochte in jeder Rolle zu überraschen. Mit ihrem neuen Album „Joanne“ schafft es die Künstlerin aber endgültig, ihre Kritiker zu entwaffnen, die nur darauf gewartet haben, den Fall der einstigen Pop-Königin auszuschlachten. Anstatt auf ihren üblichen hochhackigen Monster-Plateau-Schuhen daherzustöckeln und sich an ihren exzentrischen Kostümen festzukrallen, reisst sich die Sängerin ihre Maske einfach selbst vom Gesicht und gibt sich mit ihrem neuen Album so nahbar und persönlich wie nie zuvor. Ihre Familiengeschichte, insbesondere der frühe Tod der Schwester ihres Vaters, Joanne, habe sie zu ihrem neuen Album inspiriert, so die Sängerin. Ihre Tante habe nie eine Chance gehabt, ihr Leben zu leben.

In „Memento Mori“-Manier erinnert sich Lady Gaga nun daran, dass hinter der Kunstfigur, die eine kunstvolle, perfekt inszenierte Show abliefern will, auch ein Mensch steckt, der öfter seinen Vater anrufen und sein Leben auskosten sollte. Sie habe während der Entstehung des neuen Albums immer eine Frau vor sich gesehen, die mit ihren Kindern und einem Glas Pinot-Grigio-Wein in der Hand unter Tränen jede Zeile ihrer neuen Songs, darunter passenderweise auch der Titel „Grigio Girls“, mitsinge. Erst gegen Ende habe sie erkannt, dass diese Frau sie selbst sei, wenn sie nicht berühmt wäre. Zwischen ihr und uns Normalos gäbe es absolut keinen Unterschied, es sei alles bloss eine perfekte Illusion, so Lady Gaga, die den gleichnamigen – leider noch etwas blassen – Song dann auch gleich als erste Single und Vorbote ihrer neuen Rolle gewählt hat.
Aber: Auch, wenn die Sängerin im Video zum Song einen ganz neuen Look präsentiert und neuerdings statt auf Fleischkostüme auf Jeans-Shorts und Cowboy-Hut setzt – die Künstlerin hat nicht umsonst unter anderem einen Golden Globe für ihre Darstellung in der Serie „American Horror Story“ erhalten. Egal in welcher Rolle, Stefani Germanotta ist und bleibt eine begnadete Schauspielerin.

Als Method-Actress lebt die Sängerin aber auch ihre neue Rolle zwischen Folk und Country mit jeder Faser ihres Daseins und überzeugt deshalb trotz extremem Image-Wechsel. Joanne ist nun einfach ihr zweites Gesicht und ein wirklich guter Weg, um der Kunstfigur Lady Gaga wieder die Menschlichkeit und Authentizität zu verleihen, die sie braucht, um in einer digitalisierten Welt Emotionen zu schüren. „I confess, I am lost in the age of the social“ gesteht sie in „Angel Down“ und spricht vielen Menschen direkt aus dem Herzen. Lady Gaga ist nämlich nicht nur eine überzeugende Schauspielerin – nicht zuletzt ist sie eine talentierte Songwriterin, der es gelingt, um sich herum eine ganze Welt zu erschaffen. Und zwar eine, die ihre Fans nicht nur in ihren Bann zieht, sondern deren Ängsten und Emotionen Gehör verleiht. Als Lady Gaga hat sie ihre Little Monsters in eine Kunstwelt entführt, in der jeder Glitzer tragen und seine innersten Sehnsüchte leben darf – mit „Joanne“ steigt Queen von ihrem Thron herunter, legt die Krone in die Ecke und trink mit Menschen ein Glas guten Wein, die sich nach realen Gefühlen und Freundschaften fernab Sozialer Medien sehnen.

LADY GAGA: „JOANNE“, out (Interscope Records)

GUESTLIST: Gin Ironic will grad noch anonym bleiben, passt aber wunderbar zu den Rocketten: Sie braucht Musik wie Gin das Tonic und sucht die guten Töne im Leben auf allen Wegen – manchmal mit mehr oder weniger Ironie. Gibt nicht nur in knackigen Texten gerne ihren Senf dazu, sondern würzt damit einfach alles.

(Bild: via Giphy)

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