Lasst uns lieben, vielleicht sind wir ja morgen tot.

Wahrscheinlich habt ihr damals dieses kitschige Video gesehen, in dem sich Fremde küssen, es war ein „viraler Hit“, wäh, ich hasse virale Hits, schon nur dieser Ausdruck. Jedenfalls wurde es 111 Millionen mal angeklickt, und ich glaube, mindestens die Hälfte der Klicks ist auf das sagenhaft schöne Lied im Hintergrund zurückzuführen. Es stammt von Soko (die übrigens auch küsst im Video, die mit dem Hut), und das Originalvideo dazu (von Soko selbst gedreht) ist so viel besser, schaut selbst:

Soko! Diesen Namen haben wir doch schon irgendwo gehört? Und diese mädchenhafte, rauchige Stimme? Genau! Das war diese junge Französin, Stéphanie Sokolinski, die damals diese Mädchenhymne geschrieben hat, „I’ll Kill Her“, in dem sie sich ausmalt, wie sie ihr Leben verbringen und Kinder haben würde mit dem Typen, in den sie verliebt ist.

I would have met your friends
We would have had a drink or two
They would have liked me
Cause sometimes I’m funny

Nun, der Typ hat sie in Wirklichkeit noch nicht einmal angerufen. Sondern ist mit einem blonden Mädchen zusammen. Das sie eben umbringen muss.

I’ll kill her
She stole my future
She broke my dream

Eine höchst hypothetische Geschichte, aber so ist das mit den Mädchen, die planen immer schon alles bis ins Detail durch und leben zeitweise in romantischen Fantasiewelten, von denen die Jungs und Männer keinen Plan haben. Natürlich war „I’ll Kill Her“ ein grosser Indie-Hit, auch wegen dieses unglaublich charmanten französischen Accents, viele dachten damals: Die wird gross.

I would have met your dad
I would have met your mom
She would have said
Please can you make some beautiful babies?
So we would have had a boy called Tom
And a girl called Susan born in Japan

Dann tauchte sie ab. Und verkündete auf MySpace (das Facebook für Musiker, ältere Leser erinnern sich): „Soko is dead.“

Glücklicherweise ist sie wieder auferstanden. Hat unterdessen zwei Alben herausgegeben, letztes Jahr „My Dreams Dictate My Reality“. Steht inzwischen eher auf Frauen, lebt vegan und angeblich noch immer Straight Edge. Ist immer noch hoffnungslos romantisch. Und klingt immer noch heiser – und sexy, auch wenn sie längst in Los Angeles lebt (wo sie auch noch bisschen schauspielert, natürlich), und ihr französischer Accent ziemlich abgeschliffen ist. Ihre Musik klang lange Zeit indie-folkig bis elektro, neuerdings ziemlich The Cure und 80s, ihre Texte scheinen nach wie vor sehr direkt aus ihrem Leben gegriffen, aber seit „We Might Be Dead By Tomorrow“ war da kein Hit mehr darunter.

soko

Das macht aber nichts. Denn immer noch erzählt alles an Soko eine Geschichte, und das ist es doch, was gute Musik, was gute Kunst überhaupt macht: Geschichten erzählen. Ihre ist die von der Sehnsucht nach dieser intensiven, tiefen, romantischen Liebe, die hoch über allem Alltagsscheiss schwebt. Soko ist der Protoyp der modernen jungen Künstlerin, die ihren Impulsen folgt und ihr Zeugs durchzieht und keine Setliste hat bei Konzerten und den Spagat macht auf der Bühne und ein bisschen zu offen und zu wild und verträumt und schwärmerisch ist, wie wir es auch mal waren und gern ab und zu wieder wären.

(…) to live a very passionate, full on, adventurous life.. with intense relationships.. and live every day as if it was my last, to it’s fullest.. trying to achieve to make it the richest and happiest and most loving.. to make sure that i can look back and be satisfied with all i’ve seen, felt, lived.. (Quelle)

Das wäre doch mal ein richtig guter Vorsatz. Aber ich muss jetzt erst mal abwaschen. Alltagsscheiss, you’ll kill me.

(Bild: Soko)

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