Let’s do some serious reading

Sodeli. Die Tage werden kürzer und Weihnachten steht vor der Tür und endlich nimmt dieser Druck zum Socializen in überschätzten Hipstercafés ab. Endlich kann man wieder sinnlos lange zuhause abhängen und einfach nur lesen. Zum Beispiel Hip-Hopper-Tatsachenberichte, Gitarren-Halbwahrheiten oder reine, aber äusserst charmante Bandfiktion.


George Watsky erklärt uns „Wie man es vermasselt“. Grossartige Lebensschule! Zum Beispiel, wie er einen Narwalstosszahn von Kanada in die USA schmuggelte. Oder wie er im (neuen) Club The Fillmore San Francisco, dem Konzert-Nirvana seiner Jugend, einen Auftritt ergatterte. Am Ende sackt er (Watsky) ab, wie Kollege Sommer hier sehr schön beschreibt, aber immer wieder gibt er Sätze zum Niederknien von sich. Zum Beispiel: „Wie viele rastlose Menschen fahre ich für mein Leben gern Auto.“ (Dem Sommer hat das auch gefallen). Wann lesen? Immer wieder, vor allem aber, wenn man auf der Suche nach verrückten Ideen für das eigene bescheidene Leben ist. (George Watsky: Wie man es vermasselt, Diogenes)

„Vintage“ ist surreal. „Vintage“ ist spannend. „Vintage“ ist geil. Grégoire Herviers Krimi über einen Gitarrenverkäufer, der auf der Jagd nach der Supergitarre Gibson Moderne, der legendärsten Gitarre aller Zeiten, ungefähr dreimal fast ums Leben kommt, richtig guten Sound hört und dabei immer cool bleibt („Aber dann kam im Radio ein wunderbarer Blues, It Hurts Me Too von Elmore James, und meiner begann sich zu verflüchtigen“). Wann lesen? Wenn man sich eine Gitarre kaufen will. Oder Elvis mag. Oder sich sonstwie für Rockgeschichte interessiert. Ach, lests halt einfach. (Grégoire Hervier: Vintage. Diogenes)

„Die Melodie meines Lebens“ klingt ja ein bisschen wie eine Rubrik aus dem NEON. Ist es aber nicht. Sondern eine nette Geschichte, weniger über Musik denn über unerfüllte Träume und verpasste Chancen – und die grosse Frage: Was wäre gewesen, wenn? Antoine Laurain („Der Hut des Präsidenten“) stellt diese Frage supercharmant, indem er uns Alain näher bringt, der mit seiner New-Wave-Band fast berühmt geworden wäre. Aber die Einladung der Plattenfirma kommt 30 Jahre zu spät, die Post hatte den Brief verschlampt. Natürlich ist zu bezweifeln, dass ein Song der „We are made the same stuff dreams are made of“ heisst, wirklich Erfolg gehabt hätte. Aber eben … Wann lesen? Wenn man sich zum siebenunddreissigsten Mal überlegt, ob man damals vor 20 Jahren dieses oder jenes hätte sollen und es nicht getan hat. (Antoine Laurain: Die Melodie meines Lebens, Hoffmann und Campe)

(Bild via Giphy)

Tags:

Schreibe einen Kommentar