Liebe aus dem Untergrund

Seine Zahlen auf Spotify sind eher bescheiden. Als ich mit Andrea Kaiser spreche, der für die meisten einfach „Kaiser“ ist, erzähle ich ihm, dass er zehn monatliche Hörer auf Spotify habe (und einer davon bin ich). So geil!, ruft Kaiser, er müsse diesen zehn einen Blumenstrauss schicken. Das ist Teil 4 unserer Bern-Serie*.

Den Massen zu gefallen, war nie Kaisers Ziel beim Musikmachen. Er würde sogar sofort seinen Stil ändern, sollte dieser je Mainstream oder – noch schlimmer – kommerziell erfolgreich werden. Im Oktober 2019 ist dazu kein Anlass. Soeben hat Kaisers Band Dnepr ihr neues Album „Songs of No Return“ veröffentlicht und bei einer Plattentaufe in der Berner Reithalle dem Publikum vorgestellt. Kaiser ist der Gründer und momentan das einzige Mitglied von Dnper; die Band startete weit unten in Berns musikalischem Untergrund der 1980er Jahre, und viel weiter nach oben hat sie es bis heute nicht geschafft.

Dneprs erste Platte hiess „Songs of Nihilon“ und war inspiriert von Alan Sillitoes Roman „Travels in Nihilon“, in dem eine Gruppe von Leuten ins imaginäre Land Nihilon geschickt wird, um Material für einen Reiseführer zu sammeln. In Nihilon ist Ehrlichkeit verboten, betrunken Auto fahren obligatorisch und der Nihilismus ist die Staatsdoktrin. Die Nachrichten am Fernsehen und am Radio fangen mit „Hier sind die Lügen!“ an. Solch subversive Ideen sind genau Kaisers Fall. Seine Musik und die Haltung dabei sind nichts für Weicheier. Seit immer war es Kaisers Absicht, zu provozieren, die Leute zu verarschen, wenn es gerade gäbig geht, und potentielle Fans zu verschrecken (aber dafür diejenigen, die ihm geistig und musikalisch folgen können, umso stärker an sich zu binden). Das fängt mit dem Bandnamen an – „Dnepr ist eine grossartige Töffmarke aus der Sowjetunion und ich wollte einen Namen für meine Band mit einem östlichen, sozialistischen Touch“ – und geht mit der Musik von Dnepr weiter, die Kaisers beissende Gitarre auf innovative und progressive Weise mit Elementen aus Post Punk, Prog Rock und New Wave kombiniert.

Wie kann man denn den Zugang zu Dnpers Musik finden? Zum Beispiel mit der Erkenntnis, dass Dnpers Musik trotz aller Ernsthaftigkeit auch Spass machen kann. Für die einfacheren Gemüter fängt das vielleicht mit halbwegs humoristischen Songtiteln an; hier bieten sich „Come back (I want to kick into your ass)“ – wer will das schon nicht? – oder „Stuck in Burgdorf“ – wer war das nicht schon? – aus früheren Platten von Dnepr an. Die anspruchsvolle Hörerin lässt sich möglicherweise über einen langen Songtitel (aber nur einem kurzen Song) wie „The definitive Birth, the ultimate Life and the absolute Death“ zu überschiessenden philosophischen Gedanken inspirieren. Die intellektuelle Brillanz war schon immer eine Spielform des Sexappeals. Den Technikfreak spricht vermutlich „Figures in a Landscape“ von Hellhome an, Dnpers Album von 1993. Dabei spricht eine computergenerierte Stimme englische Wörter, die Kaiser (der auch Software-Ingenieur ist) dem Computer vorgängig gefüttert hat. Ja, liebe Kinder, es gab mal eine Zeit, da war das mit den Computern noch gar nicht so selbstverständlich wie heute.

Heute ist 2019 und nach langer Abwesenheit sind Dnepr zurück in der Szene. Kaiser spricht nur unter vier Augen darüber, was ihn so lange von der Musik und von der Bühne ferngehalten hat. Bevor er dann, langsam langsam, reanimiert und hat sein Nihilitz Studio reaktiviert wurde. Das erste neue Album war dann „The Nine Gates“, und obwohl eigentlich der Platz in diesem Artikel zu knapp bemessen ist, um darüber lange Worte zu verlieren, mache ich es trotzdem (weil Kaiser mir sagt, noch nie hätte ihn jemand über „The Nine Gates“ befragt und endlich könne er nun erklären, um was es dabei geht).

Kaiser erklärt es dann so: „Die erste Assoziation zu diesem Titel sind die neun Pforten zur Hölle. Mit meiner Interpretation der neun Schwangerschaftsmonate entsteht die Gleichung „Leben = Hölle“ (nach den neun Pforten sind wir in der Hölle, nach den neun Schwangerschaftsmonaten im Leben). Die meisten Leute finden das Leben ja ganz okay, weil der einprogrammierte Verdrängungsmechanismus greift, ohne den wir gar nicht existieren könnten, Bei mir blättert der langsam ab, vielleicht leide ich auch unter einem Software-Virus, der mein Grundprogramm schädigt. George Orwell hat mir geholfen, mich da nicht ganz alleine zu sehen: Jedes Leben von innen gesehen ist eine Kette von Niederlagen.“

So tickt er halt, der Kaiser (und die drei zusätzlichen Tracks auf „The Nine Gates“ sind dann die Nachgeburten). Das ganz neue Album, „Songs of No Return“, besteht auch wieder aus zwölf Songs und Kaiser hat es, wie sein Vorgänger, ganz alleine komponiert und eingespielt, bei sich im Keller unten (eben: die Nihilitz Studios). Solo geht am besten, sagt er dazu, es ist effizient, ohne Diskussionen und fragen muss man auch niemanden. Würdest du dich als Kauz bezeichnen lassen, als Einzelgänger, frage ich Kaiser. „Schon ein bisschen“, antwortet er, „aber asozial bin ich nicht“.

An dieser Stelle grosse Worte über Dneprs neues Album zu verlieren, geht definitiv nicht mehr, dafür reicht die Aufmerksamkeitsspanne der heutigen Durchschnittsleser nicht mehr aus (wir sind schon bei mehr als 800 Wörtern). Kaiser ist da noch aus anderem Holz geschnitzt. Er liest gerne – lange, schwierige Lesestoffe von zumeist toten Autoren – und er kennt seine Bücher in- und auswendig. Nun hat er sich von diesen Büchern für „Songs of No Return“ zu wortlosen musikalischen Interpretationen verleiten lassen und diese in viel Gitarre und etwas Keyboards gegossen. Am glücklichsten wird, wer es selber hört (hier gibts das volle Programm).

Glaubst du an die Liebe, frage ich Kaiser zum Abschluss unseres Gesprächs. (Weiss der Herrgott, woher mir diese Frage kam, aber etwas muss mich berührt haben, als ich mich durch Dneprs Werk durchhörte.) Trotz seiner Unwilligkeit, mit der Meute zu laufen, trotz aller dystopischer Klanglandschaften, die Kaiser mit seiner Musik entwirft (und auf die Gefahr hin, als Freizeitpsychologe geoutet zu werden): Dnepr is Love. Kaisers Botschaft der Liebe kommt von tief unten – aus dem Berner Untergrund, aus dem Keller der Nihilitz Studios, aus Kaisers versteckter Seele – und wird getragen von grossen Wellen einer Hoffnung für die Menschlichkeit, die aus den Saiten seiner Stromgitarre fliessen.

Sollte ich mit meinem Schuss ins Blaue daneben getroffen haben, dann lässt mich Kaiser das nicht merken. Es ist nur wegen der Liebe, dass wir auf diesem Planeten sind, philosophiert er. Ohne Liebe würden wir gar nichts machen, auch keine Musik. Wir würden bloss am Boden hocken und in der Nase bohren..

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und Männer sowie gute Musik. Und er betreibt seit Kurzem seinen englischsprachigen Blog The Open Enso. Das ganze Gespräch zwischen ihm und Kaiser gibts hier in voller Länge zu hören.

* In der von der Burgergemeinde Bern unterstützten Bern-Serie stellen wir Musikerinnen und Musiker aus der Hauptstadt vor. Lo & Leduc kommen nicht vor. Sorry. Eher Neu-Entdeckungen. Das nächste Mal gehts um die Nu-Metal-Band A Small District. Alle anderen Teile sind hier zu finden.

(Bilder: Patrick Principe)

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