„Ich liebe diese Art von Sound, von voll in die Fresse bis ruhig und enstpannt nach dem Ausbruch“

Ein Jazzalbum hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. „II“ von That Pork, einem Trio aus Lausanne. Tieftraurig und zum Schreien kratzbürstig zugleich, lautete mein Fazit nach dem ersten Durchhören. Ein Gespräch mit unserem Jazz-Berater (und meinem ehemaligen Schulgspänli) Christoph Steiner hat mir geholfen, das Album und überhaupt diesen ganzen Jazz ein bisschen besser zu verstehen.

Miriam: Wow, beim ersten Song kommen mir im Fall die Tränen. Das ist mir bei Jazz jetzt wirklich noch nie passiert.

Christoph Steiner: Eine wirklich wunderschöne Nummer. Jazz ist ja auch nur Musik, von daher sollte das mit den Tränen auch hier zwischendurch klappen.

Das Stück heisst ja Raindeer. Ich denke aber ehrlich gesagt weniger an ein flinkes Rentier, wenn ich das höre. Eher an einen schwerfälligen Elch, der sich ein schönes Plätzchen zum Sterben sucht.

Das hat etwas, obwohl ich bei solcher Musik eher hoffnungsvolle Melancholie verspüre. Aber eine verschneite Waldlandschaft passt auch gut ins Bild.

Der Song bewegt mich sehr. Dabei habe ich immer das Gefühl, Jazzmusikern geht es weniger darum, ihre Zuhörer zu berühren, als sich selber auszutoben. Jazzmusiker sind schon ein bisschen ego, nicht?

Klar, unbedingt! Das sind doch alle Musiker, fast noch schlimmer als Sportler… Nein, im Ernst. Jeder Musiker hat andere Gründe, Musik zu machen. Die Virtuosität, die im Jazz oft durchscheint, hat durchaus den Sinn, emotional zu bewegen. Es ist einfach ein ganz anderer Ansatz als bei einem Popsong mit wunderbaren Lyrics. Und es gibt ja auch den sportlichen Aspekt. Ich selber habe gerne virtuose Musik, wenn es nicht um einen Show-Off geht. Ich will nicht jemanden üben hören, sondern hören, wie jemand seine Fähigkeiten in den Dienst der Musik stellt. Das kann total einfach oder auch sehr komplex passieren, hauptsache es ist ehrlich und eben nicht selbstverliebt und selbstdarstellerisch. Gerade Ganesh Geymeier (der Saxophonist von That Pork) ist da ein super Beispiel. Er ist instrumental mit allen Wassern gewaschen und kann richtig in die Vollen gehen, zeigt hier aber auch eine viel ruhigere Seite seines Spiels.

Du hast mir mal gesagt, du kennst jemanden von That Pork persönlich. Bringt dich das in eine blöde Situation, wenn du mit mir über das Album sprichst?

Ich kenne leider nur Ganesh persönlich, aber auch nicht sehr gut. Ich würde als aktiver Musiker nicht Musikjournalist sein wollen und kritisieren müssen. Hier habe ich ja die dankbare Rolle des Jazz-Beraters und nicht des Rezensenten, drum geht das prima.

Können Jazzmusiker gut mit Kritik umgehen?

Wenn du Musiker werden willst und hohe Ansprüche an dein Spiel hast, musst du das unbedingt können, sonst kommst du nicht weiter. Ich musste auch viel einstecken und lernen damit umzugehen. Aber klar, manchmal darf man auch weghören. Wenn eine Platte kritisiert wird, ist das ja auch immer nur eine von vielen Meinungen, und die können bekanntlich sehr unterschiedlich ausfallen.

That Pork können ja eigentlich beruhigt sein. Also ich zumindest finde „II“ u huere schön! Wie könnte ich das jetzt in jazzy Worten ausdrücken, damit mir die Band meine Freude abnimmt?

Ich finde „huere schön“ ganz gut. Das würde mich jedenfalls freuen. Aber schön kann auch nahe an sehr langweilig und belanglos sein. Ich bin froh, muss ich nur die Musik liefern und nicht die Worte dazu, das fällt mir nicht so leicht. Jedenfalls ist bei That Pork auffällig, dass sie sich aus einem sehr breiten stilistischen Fundus bedienen, also auch viele Rockeinflüsse hörbar sind. Das ist etwas, was einerseits oft gemacht wird, hier aber besonders stimmig und eigenständig.

Etwas hat mich beim Durchhören des Albums ein bisschen gestört. Schöne Passagen werden manchmal wie extra mit so disharmonischen Zwischenteilen niedergetrampelt. So als wäre es dem Zuhörer nicht gegönnt, einfach mal zurückzulehnen und seine Nerven zu entspannen.

Das kann ich gut verstehen. Wunderbar passiert das im Song „Memo“. Der Song ist von Anfang an etwas zerzaust und baut dann eine Spannung auf, um am Schluss wieder in eine schöne Torkellandschaft zu fallen. Grosses Kino! Ich denke da sehr gerne in Spannung und Entspannung. Kontraste sind eine enorm wichtige Komponente. Das Nichtgönnen der Ruhe führt zu umso mehr Entspannung im Nachhinein.

Der Song „Dimo“ ist auch ein gutes Beispiel. Der kratzt mich so auf, ich muss ihn jedesmal überspringen. Dabei hiess unser erster, heiss geliebter Familienhund Dimo … ausgerechnet.

Klar, das soll auch aufkratzen. Aber da sind auch viele Rockanleihen zu hören. Aber mit einer Jazzästhetik verarbeitet. Wunderbar, die Nummer. Ich liebe diese Art von Sound, von voll in die Fresse bis ruhig und enstpannt nach dem Ausbruch. Dann nochmals eine Eruption dieses eigenartigen Vulkans und dann groovt es einfach grossartig und die dissonanten Harmonien tun ihr eigenes, um dich aufzukratzen. Ziel erreicht würde ich sagen, ein grossartiges Stück!

Gibt es einen Ausdruck für diese instrumentalen Eskapaden, dieses Gedudel und Gezirpe?

Nicht so richtig, deine Umschreibung trifft also schön zu. Natürlich gibt es Leute, die in dieser Richtung eine sehr genaue Sprache zur Beschreibung und Nuancierung entwickelt haben. Ich selber bin da sprachlich zuwenig genau und brauche manchmal auch irgendwelche Begriffe dafür. Einerseits ist mir die Klangsprache und Suche nach neuen Klängen sehr wichtig, aber ich bin da kein Dogmatiker, sondern gehe damit auch humorvoll um, weil ich weiss, dass das für viele Hörer auch schwierig zugänglich ist.

Ich liebe ja Songs, die mit der Zeit anschwellen. „KIZ“ ist ein gutes Beispiel dafür.

Allerdings! Eine wunderbare Komposition, das Stück hat Zeit. Diese Art von Aufbau ist ja auch nicht ganz jazz-typisch sondern erinnert eher an Indie-Bands, die sich Zeit für diese epischen Momente lassen. Hier kommt eben genau diese Stilmischung zum Tragen. In den Jazzkorb gehören heute viele Sachen, was ich persönlich begrüsse. Die Frage ist nur, ob Jazz da noch ein akkurates Wort dafür ist. Für mich ist das einfach moderne, instrumentale Musik mit all ihren Möglichkeiten.

Kannst du in diesem Album ein Konzept erkennen? Gibt es etwas, das du so noch nie gehört hast?

Ich höre nicht in dem Sinne ein Konzept, sonder eher einen tollen Bandsound, der sehr stimmig ist und sich durchs Album zieht. Die Stücke fügen sich nahtlos aneinander und die Spielfreude der Musiker ist deutlich spürbar. Die Besetzung der Band ist indes speziell, weil sie auf einen Bassisten verzichten, also der Pianist mehr Verantwortung in den Bässen übernehmen muss. Ich liebe diesen Space, der so entsteht, und es fehlt nie etwas. Die Band stellt spielerisch Dichte her, wo sie nötig ist, und da wo es eben Sinn macht, entsteht sehr viel Raum. Für meine Ohren sind das schon bekannte Welten, was aber keineswegs negativ ist. Ich höre ja viel Musik aus dieser Ecke. Aber diese Platte ist definitiv ein tolles Exemplar, auch was den Klang angeht. Rundum zu empfehlen!

THAT PORK: „II“, out 13.05. (Irascible Music)
Konzerte: 05.08., Jazz en Rade, Le Pont;  20.08., Festival Jazz sur Plage, Hermance; 26.08. Festival „Arcades“, Sion


steini

Christoph Steiner ist ja selber ein sehr umtriebiger Jazzdrummer. Die Liste seiner aktuellen Projekte ist beachtlich. Er spielt bei Hildegard Lernt Fliegen, Hello Truffle, Broken Soul, der brandneuen Truppe von Mario Batkovic, Werner Hasler – The Outer String (Das Album „>OUT<“ erschien kürzlich bei Everest Records) und mit Tobi Diggelmanns Mi Tse „gerade ein paar Gigs“. Mit seinem eigenen neuen Trio Escape Argot ist er am 04.06. im Sonarraum im Progr in Bern zu sehen (mit Florian Favre und Christoph Grab).

 (Bilder: zvg That Pork / Christoph Steiner)
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