Lucy Dacus – alle anderen sind Bonus

Würde ich all die Männermusik, die ich in den letzten Monaten tagein tagaus gehört habe, in eine Waagschale legen, dann bräuchte es auf der anderen Seite nur das neue Album von Lucy Dacus, um ein perfektes Gleichgewicht herzustellen. Die Amerikanerin ist alles, was ich mag, zusammen.

Nicht erst, seit mich ein Taxifahrer begrapscht hat und ich ihn erst aus Faulheit, dann aus Vergesslichkeit nicht anzeigte, geb ich zu: Ich bin eine schlechte Feministin. Ich hab schon davor immer nur über Musiker geschrieben, nicht selten, weil sie einfach gut aussahen. Dies, obwohl ich total für Gleichberechtigung bin und dafür, dass wir gerade bei Rockette auch die vielen vielen talentierten Künstlerinnen dieser Welt zeigen. Anstatt nur über den Frauenmangel an den SMA zu motzen. Sowieso, eh, ich liebe Frauen, ich hatte ja sogar mal was mit einer. Es hätte Lucy Dacus sein können. Also von mir aus. Oh Gott, wenn es doch bloss Lucy Dacus gewesen wäre.

Die Musikerin aus Richmond, Virginia, veröffentlicht am Freitag ihr zweites Album. Für mich das erste diesen Winter, das mich auf einen Schlag aus meiner Halbgefrorenheit riss. „Historian“, schon allein der Name, sei ein Album, das sie habe machen müssen, sagt Dacus. Ihr ultimatives Statement als Musikerin und Songschreiberin – everything after this is a bonus.

„Historian“ beginnt mit einem spitzzüngigen Breakup-Song, „Night Shift“. Dem einzigen, den Dacus je zu diesem Thema geschrieben hat, wie sie sagt. Dass er den Anfang macht, gehört zu ihrem Konzept. Die Musikerin verarbeitet in zehn Nummern und unzähligen zitierwürdigen Zeilen ihre Eindrücke und Erlebnisse der letzten Monate – darunter ihr eigenes kreatives Burnout, den Tod ihrer Grossmutter aber auch eine durch die US-Politik ausgelöste Weltuntergangsstimmung und Themen wie Rassismus. Und weil das Album trotz all den Tiefschlägen ein positives Gefühl hinterlassen soll, kommen die schlechten Nachrichten zuerst. Es starte dunkel und ende hoffnungsvoll, schreibt Lucy Dacus in ihrem Pressetext. So wolle sie zeigen, dass sich Optimismus, selbst in einer noch so unschönen Welt, stramm halten könne.

Das Wechselbad der Gefühle spiegelt sich in der Musik wieder. Das Intensitätsspektrum reicht von sehr zart und leise bis laut und wuchtig, von langsam bis schnell. „Historian“ zieht rauf, drückt runter, ist genau so viel Singer-Songwriter-Ballade wie Rock’n’Roll. Es ist ein Album wie ein richtig gelebtes Leben, nach dem alles, was noch kommt, Bonus ist.

Kommt mir in den Sinn: Vor ziemlich haargenau einem Jahr hat mich schon einmal ein Album aus den Socken gehauen. „Prisoner“ von Ryan Adams. Und auch da ging es um Hoffnung. Der nahende Frühling ist einfach die richtige Zeit dafür.

LUCY DACUS: „Historian“, 02.03. (Matador / Remote Control) 

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