Marianne Faithfull siebt das wilde Leben und zeigt, was bleibt

Shit, irgendwie dachte ich, mit ein bisschen Übermut und Zuversicht sei das Alter dann schon schön und lustig. Nun gibt Marianne Faithfull mit ihrem neuen Album „Negative Capability“ ganz schön Gegensteuer. Weise von ihr. 

Zum Einstieg ein kleiner Exkurs: „Fear of Dying“ von Erica Jong, müsst ihr mal lesen, Frauen und Männer, die auch schon „Fear of Flying“ geliebt haben. Darin geht es im Wesentlichen um die weibliche Lust – auf Sex, auf das Leben – in einer Zeit, in der das Umfeld gebrechlich wird und wegstirbt. Die Amerikanerin schreibt von einer verheirateten Frau in ihren Sechzigern, die alles hat: Familie, Liebe, Geld, Freunde. Bloss kein richtiges Sexleben mehr. Weshalb sie sich online mit Männern verabredet, sich also nimmt, wonach sie sich sehnt. Das moralische Dilemma gibts gratis dazu. Und Jong stellt sich die Frage, ob mit dieser Diskrepanz zwischen der zunehmenden Nähe zum Tod, dem Hinnehmen der Umstände und der noch immer nicht annähernd gebändigten Lust nicht vielleicht doch irgendwie cleverer umzugehen wäre. Indem man einfach mal zufrieden ist, mit dem was man hat, zum Beispiel.

Und nun kommt Marianne Faithfull, 71-jährige Diva und Ikone der Swinging Sixties, mit einem Album daher, das einem vor Augen führt: So viel ist es leider Gottes nicht, mit dem man im Alter noch zufrieden sein kann. I hate to lose old friends („Born To Live“), singt sie, Please don’t go baby, don’t go too soon, To be an atom, like Lucretius said, Somewhere on the moon („Don’t Go“) oder You might be the loneliest person in the world, But you’ll never be as lonely as me („Loneliest Person“). Dafür, so interpretiere ich es, werden die paar bleibenden Dinge umso wichtiger.

Reflexion, Erkenntnisse etwa, aber auch die Melancholie, die, wenn sie klingt wie die Musik von Marianne Faithfull, soooo schön, so beruhigend und so berührend sein kann (Leonard Cohen lässt mit „You Want It Darker“ grüssen). Man hat ja gelebt. Bestenfalls in vollen Zügen genossen. Und all die wilden Zeiten, die Experimente und Abenteuer setzen sich nun, und werden zu dem, was für immer bleibt: Liebe.

Love is real, love is here, The only thing I know for sure, Love lasts longer, have no fear. 

MARIANNE FAITHFULL: „Negative Capability“, out (BMG Rights Mgmt France SARL)

(Bild: Yann Orhan)

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