Mit Jazz warm werden

Diese Scheiss-Berührungsängste mit dem Jazz. Wochenlang habe ich alle möglichen Kapriolen gemacht, um den richtigen Zugang zu „Still Writing Letters“ von Escape Argot zu finden. Im Fitnesscenter wars dann soweit. 

Wäre es nicht die Platte seiner eigenen Band, dann hätte ich unseren Jazzberater Christoph Steiner um Unterstützung gebeten. Doch so sass ich erst im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen am Tisch, tief atmend am Waldrand, ich legte mich ins Bett und einmal sogar splitternackt auf den Wohnzimmerboden, um irgendeinen vermeintlich jazzigen Approach zu seinem neusten Album zu finden. Bis ich merkte, dass es keiner totalen geistigen Abschottung bedarf, um sich auf die Musik einlassen zu können. Jazz braucht keine Sonderbehandlung, nicht einmal die geballte Aufmerksamkeit, so hochstehend, faszinierend und finessenreich er auch sein mag. Jazz braucht eine normalo Herangehensweise.

Ich habe „Still Writing Letters“ ins Fitness mitgenommen. Was ist passiert? Auf dem Crosstrainer, mit Blick auf all die anderen Trainierenden, hab ich Jazz auf einmal bildlich vor mir gesehen. Ich habe jedem Anwesenden ganz automatisch ein Instrument zugeteilt. Weil sich der eine tatsächlich im Takt des Klaviers der andere in jenem der Bläser und ich selber im Tempo des Schlagzeugs bewegt habe. Und ich dachte, Jazz hat was von dieser Szenerie. Jeder Beteiligte tut dasselbe, in seinem eigenen Tempo, nach seinem Gusto und mit unterschiedlich festgelegten Verschnaufpausen.

Und seit ich dieses Bild im Kopf habe, gelingt es mir, „Still Writing Letters“ immer wieder neu zu hören. Ich folge mal dem einen, mal dem anderen Instrument und habe nicht mehr das Gefühl, dass die Töne ständig übereinanderstolpern. Zumal Escape Argot sehr gerne auch mal im Gleichschritt unterwegs sind. Und zwar in jenen Passagen, die mein Popmusikherz höher schlagen lassen. Bei denen ich aufstehen und flashmobben möchte – wenn sie denn nicht so schnell, wie sie begonnen haben wieder vorbei wären.

Ich bin mir ganz sicher, dass sich Escape Argot zum besinnlichen Stillsitzen in einer ausgewählten Location wunderbar anhören. Aber diejenigen, die ihre Beziehung zu Jazz bisher wie ich als kompliziert bezeichnet haben: Versucht doch mal, diese Musik aus ihrer Komfortzone heraus, zu euch, auf den Hundespaziergang, mitten ins pralle Leben zu holen. Dahin, wo jedem Ton ganz ohne Überstrapazieren des inneren Auges das passende Bild zugeordnet werden kann. „Still Writing Letters“ eignet sich perfekt dafür.

ESCAPE ARGOT: „Still Writing Letters“, out (TRAUMTON Records)

LIVE: 01.12. BeJazz, Bern; 04.12. Moods, Zürich; usw

(Bild: Facebook)

 

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