Mit Skizzen zum Kunstwerk

Meine kleine Schwester ist gross geworden. Und mit ihr auch ihre Band I Made You A Tape. Und mein Stolz. Die Freude: unermesslich. Hiermit folgt der offizielle Aufruf an alle, am Samstag in der Spinnerei in Bern ihr neues Album „Proud and Young“ zu feiern. Los! [:herzemoticon:]

Eines vorneweg: Ich bin total voreingenommen und auch keinen einzigen Halbton neutral. Doch was ich in den nächsten paar Zeilen über die beste Band der Welt schreiben werde, stimmt einfach. Vorbehaltlos.

Wenn ich meine Schwester Sibill auf der Bühne sehe und singen höre, oder eigentlich reicht auch schon nur der Gesang auf dem neuen Album „Proud and Young“, dann geschieht was mit mir, das ich gar nicht in Worte zu fassen vermag. Es ist so ein Kribbeln, Fingerspitzen, Zehen, feuchte Hände, mir wird leicht schwindelig, Härchen stellen sich auf, glücklich, unkonzentriert, nervös und vor allem: unendlicher Grosser-Schwestern-Stolz. #proudandalillbitolder

Gut, das ist ja eigentlich einfach bloss Chemie, denk ich dann. So Gefühle und so halt. Passt aber eigentlich haargenau auf die Musik von I Made You A Tape. Irgendwas naturwissenschaftliches, naturbelassenes, bodenständige Physik. Elektronik. Handgemachte Musik. Kein Laptop. Kein Click im Ohr. Analoge Photographie. Schwarzweiss.

Gepaart mit endloser Melancholie und Nostalgie.

Doch warum entsteht, wenn vier engste Freunde praktisch das ganze Leben miteinander teilen, keine freundschaftlich-fröhliche Musik? Liebeslieder gibt es schon genügend, so Sibills einfache Antwort. Nun ja, es ist auch kein Standard-Pop mit drei Dur-Akkorden und Schrummelgitarre. Es ist eher ein Soundteppich. Nik gar kein Gitarrist, sondern eher ein Klangsucher. Die vier Freunde haben sich dem New Wave verschrieben. Oder Post Punk vielleicht. Brouillard Indie wurde ihre Musik auch schon genannt. Energievoll und ungezähmt fronen sie den sphärischen Klängen.

Während Sibill hinter einem Synthieturm verschwindet und abwechslungsweise auf den verschiedenen Tasteninstrumenten spielt – Davoli, Korg, Virus, Logan, alle irgendwo aus den Siebzigern bis Neunzigern, analog ausser der Virus – und auch mal in ein Telefon singt, Nik im Klang seiner Gitarre badet, Belinda den Bass gibt und Mirko an den Drums die Welt erklärt, mischt sich beim stets aufmerksamen Publikum (wirklich!) alles zu einer homogenen Masse, die einem unaufhaltsam auf eine Reise in Englands 80er-Jahre schickt. Neblig und düster. Inspirationsquelle der Truppe. Metronomy. Joy Division. Depeche Mode.
Sibill

Und nun ist es da: Das neue Album. Das erste Studioalbum. Ein Konzeptalbum. Höchste Musikalität, unglaubliche Coolness. Mit Musikskizzen zum Kunstwerk. Im Studio zu Ende komponiert. Anderthalb Jahre Arbeit. Auf Vinyl. In weiss. Am Samstag wirds getauft. Das Cover: irgendwelche englische Strassenjungs. Analog. Schwarzweiss.

Frühling 2017, Aufnahmestudio Bern, erstes auditives Aufeinandertreffen. Meine Reaktion: glückliche Schockstarre. Glücksstarre.

Sibills Stimme klarer denn je. Ihr klassisches Klavierstudium hinterlässt Spuren in der Komposition. Niks Ohr für elektronische Sounds welche in den Synthieklängen. Da schrüblet er bis es stimmt. Mirkos Beats tight wie ein Maschinchen. No mau vo voorä. Und doch: alles konsequent ein Gemeinschaftsprodukt. Kein Hauptdarsteller, kein Solist, keine Frontfrau. Ich bin proud. Die sind young.

#proudandyoung Der titelgebende Song handelt von Mittzwanzigern, die gerne und viel mit Hashtags um sich werfen und leicht narzisstisch veranlagt sind. Und von der Ambivalenz des Erwachsenwerdens. Verantwortung übernehmen. Jugendlichkeit bewahren. Und das Ganze mit einer Prise Ironie. Die Musik: selbstsicher. Bewusst.

Und worauf sind sie als Band stolz? Dass sie dagegen halten. Sich nicht verbiegen für den Erfolg. Ihren Weg gehen und sich treu bleiben. Und genau das hat sich gelohnt. Denn wer sich an die Anfänge von I Made You A Tape erinnern kann, weiss, dass manche Songs fast überladen daher kamen. Zu viele verschiedene Teile. Zu lange. Und sowieso keine Musik fürs Radio. Nun haben sie die Pubertät hinter sich gelassen.

Radios werden sie noch immer fürchten. Schlanker sind die Songs geworden, minimalistischer. Doch nie langweilig, nie plump. „I Made You A Tape“ bewegt sich mit „Proud and Young“ genau auf der Kante des schmalen Grates zwischen betörendem Hörgenuss und aparter Überraschung. #loveit

Sie wissen was sie tun. Und sie kennen sich in- und auswendig. Das hört man, das fühlt man, das sieht man. Das Proben macht es nicht unbedingt einfacher, denn sie gehen sich was an. Aber es hilft auch. Sie unterstützen sich. So wie jetzt, mit Sibills gebrochenem Handgelenk. Sowohl Plattentaufe, wie auch darauffolgende Deutschlandtournee werden ohne zu zögern durchgezogen. Sibill spielt nun einhändig. Die linke Hand übernimmt Mirko, ausgelöst mit gezielten Schlägen auf seiner Drummachine. So weiss ich auch nicht genau was uns erwartet am Samstag in der Spinnerei. Aber ich bin sicher, es wird bombastisch (übrigens neu nun auch mit Lichtshow)!

Wer sich von eingängigen Melodien und der ewiggleichen Radiomusik weg wagt, sich an hochkarätige, überraschende und doch unglaublich coole Kompositionen traut, der kommt am Samstag in die Spinnerei. Unbedingt. Und alle anderen auch. Es ist ein Fest. Mit ganz viel Chemie im Körper. Garantiert.

Ps: übrigens, an alle Radiosender: zieht euch mal den Opener des Albums rein „Chlorine“. Dauert auch nur dreieinhalb Minuten. Oder „One Way Mirror“. Ohne Worte.

I MADE YOU A TAPE: „PROUD AND YOUNG“: 29.09 (BlauBlau Records)
Aufnahmen: QFLM Studio St. Gallen und Influx Studio Bern / Mix: Stefan Allemann Biel / Mastering: Adi Flück, Centraldubs Bern

LIVE: 30.09., Spinnerei Bern  (Plattentaufe)

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GUESTLIST: Vera Urweider mag die guten Dinge, die Details, das Zwischendrin und die ganz grossen Gefühle. Sie schreibt sich manchmal um Kopf und Kragen, für In- und Ausland. Zu Hause ist sie überall und nirgends, verwurzelt irgendwie immer noch in Biel. Innerlich ruhig sitzt sie selten still und tanzt auf den verschiedensten Bühnen, liebt die Zwischentöne der deutschen Sprache, die anderen Töne der anderen Sprachen, das Geräusch der Stille, das Knarren des Holzbodens, die Regentropfen auf der Dachluke, das entdecken neuer Musik, träumende Filme, filmende Träume, Übertreibungen, Vertrauen, Sinnlichkeit, Kargheit, Ironie des Pathos, sprudelnde Ideen, grosses Theater, die heissen Strahlen der Sonne und die faszinierende Welt des dunklen Glitzers.

(Bilder: zvg / Vera Urweider)

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