Musique noire

Den Film noir haben die Franzosen schon lange erfunden – nun folgt die „schwarze Musik“. Auch wenn eine gewisse Melancholie zu den Grundzutaten eines Novelists-Songs gehört, ist die neue Platte aber nicht so düster ausgefallen, wie es der Titel vermuten liesse.

Finest Metalcore-Progressive-Sound aus Frankreich: Die Novelists. (Bild: novelistsofficial.com)

Für kraftvollen Hip Hop und verspielte Chansons ist Frankreich bereits bekannt. Eine spannende Garde junger Metal-Bands hat sich in den letzten Jahren aber auch dazu aufgemacht, ihre Heimat als Land der harten Töne zu propagieren. Wobei – neben den Metal-Riffs sind es vor allem die leisen, zarten Zwischenspiele, die die Musik der Novelists so besonders macht.

Der Erstling der jungen Franzosen erschien gleich bei einem der Labels für Metal-Bands und man kann Arising Empire/Nuclear Blast nur dazu beglückwünschen, eines der – meiner bescheidenen Meinung nach – besten Nachwuchs-Metal-Progressive-Alben der letzten Jahre releast zu haben. „Souvenirs“ war ein so in sich stimmiges, vor Gegensätzen und stimmungsvollen Momenten stotzendes Album, dass es sich die Novelists richtig, richtig schwer gemacht haben, das nochmal zu toppen. Die Eindringlichkeit, die variantenreichen Melodien und feinen Clear-Gesang-Refrains, die die Pariser auf ihrem Debüt zusammengemischt haben, suchen ihresgleichen.

Zwischenwarnung: Manchmal erlebt man auch als professionelle Schreiberin Momente, in denen man vorausschicken muss, dass man vielleicht nicht ganz objektiv ist und eine Review mit einer gewissen persönlichen Note verfassen muss. Zumindest geht es mir diesmal so, denn, wie gesagt, „Souvenirs“ ist einer meiner Top-10-Platten aller Zeiten und so fällt es mir schwer, den Vergleich mit „Noir“ ganz nüchtern und aus musikalischer, professioneller Sicht zu betrachten. Deshalb ab hier nun der Wechsel zur Ich-Form und die Warnung: Hier kommt mein ziemlich persönlicher Senf zur Platte!

Denn zumindest mich hat der heiss erwartete Nachfolger nicht ganz so mitgerissen, wie „Souvenirs“. Die Zutaten, mit denen „Noir“ angerichtet wurde, bleiben an sich die gleichen – Variantenreichtum und Melancholie herrschen weiterhin vor, dazu kommen Metalcore-Downer und starke, melodiöse Riffs. Und doch, nach dem ersten Durchhören bleibt nicht die Begeisterung zurück, die ich nach der Entdeckung des Erstlings verspürt habe.

Obwohl Florestan und Amael Durand, Matteo Gelsomino, Nicolas Delestrade und Charles-Henri Teule vorausgeschickt haben, dass „Schwarz die Atmosphäre zwischen den Zeilen des neuen Albums beschreibt“, ist die Platte für mich insgesamt weniger mit eben der düsteren, schmerzhaft schönen Melancholie erfüllt, so wie das letzte Album.

Die erste Auskopplung, „The Light, The Fire“, kann den Vorgänger-Singles noch am ehesten das Wasser reichen und ist eine starke Nummer mit einem spannenden Wechselspiel aus Growl- und Clear-Gesang und einem catchy Refrain.

Eine ebenfalls vor dem Release am 8. September 2017 veröffentlichte Single ist „Under Different welkings“ – für mich das perfekte Beispiel dafür, was mich an „Noir“ stört: Ein kraftvoller Start des Songs verliert nach den ersten Tönen massiv an Power und wird etwas beliebig – ein Gefühl, das mich beim Durchhören immer wieder befällt.

Spürbar einen Gang höher schalten die Französen mit „Grey Souls“. Es dürfte unter anderem der Anlegung als Konzeptalbum geschuldet sein, dass hier eine hörbar härtere Richtung eingeschlagen wurde. Denn:

Noir ist in vier Kapitel aufgeteilt, allesamt gekennzeichnet von einer ganz eigenen Stimmung, Gefühlen, Gitarrenklängen und sogar durch je eine eigene Art der Produktion/des Mixings.

Eigentlich bin ich ja als die Hardcore-Nudel der Rocketten verschrien – trotzdem befremden mich die chaotischeren, härteren Klänge in diesem Kontext eher, als dass sie mich zum Springen und Headbangen bringen.

Aber – das muss man an dieser Stelle mal sagen:

Ist es nicht geil, wenn man auf so hohem Niveau jammern kann? Denn, auch wenn die Magie des Erstlings für mich nicht mehr ganz spürbar ist, „Noir“ ist ein gelungenes Album, dass Progressive- und Metalcore-Fans gleichermassen begeistern wird. Mit Musik ist es eben ein bisschen wie mit gutem Wein: Manchmal schmeckt eine winzige Nuance in einem eigentlich grossartigen Wein einfach nicht mehr ganz so gut, wie bei der ersten Flasche.

Nachdem die Franzosen die Schweizer Metalcore-Helden Breakdown of Sanity im letzten Jahr bei ihrer Release-Show im Bierhübeli unterstützen durften, ist zu hoffen, dass sie ihrer aktuellen UK-Tour auch noch ein CH-Datum anhängen. Vielleicht überzeugt mich der Zutatenmix des neuen Albums live dann doch noch restlos.

NOVELISTS: „NOIR“, out (Arising Empire/Nuclear Blast)

(Bild: Arising Empire)

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