Nick Caves trauriges Nicht-Traueralbum

Man darf mir gerne Faulheit, mangelnde Differenziertheit und unprofessionelle Emotionalität vorwerfen. Aber ich bin noch nicht beziehungsweise wahrscheinlich nie bereit, etwas konstruktiv Kritisches über das neue Album von Nick Cave zu schreiben (genug andere haben es mehr oder weniger gut geschafft). Die Kombination Film „One more time with feeling“ über die Entstehung von „Skeleton Tree“ und das immer-und-immer-wieder-Anhören-des-Albums danach haben mich gelähmt. Nicht wegen der Musik, die mich im Gegenteil eher sanft hochhebt und davonträgt, weil ich daraus nicht nur düstere Fassungslosigkeit, sondern auch viel Wärme, Hoffnung und Versöhnlichkeit heraushöre – sondern wegen dem traurigen Schicksalsschlag, der das Gesamtwerk wie eine dunkle Wolke überschattet. Ich brauche nur das Bild von Nick Cave und seinen Zwillingssöhnen Arthur und Earl, das ich nach dem letzten sehr schönen Cave-Film „20’000 Days on Earth“ aufgehoben habe, anzuschauen und dazu „Jesus Alone“ oder „I Need You“ zu hören – und schon ist die Trauergefühlsinfusion am laufen.

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Arthur (links) ist tot, 2015 im Alter von 15 Jahren von den Klippen gestürzt, und er lebt auch im Herzen von Nick Cave nicht mehr. Das sagte der Musiker in Andrew Dominiks Dokumentarfilm, der am Donnerstagabend quasi als Vorwegnahme aller Statements Nick Caves zum neuen Album in ausgewählten Kinos gezeigt wurde, selbst. Der Tod ist aber, und das ist so ziemlich das einzige, was ich an dieser Stelle mit Bestimmheit sagen möchte, nicht der Grund dafür, dass „Skeleton Tree“ entstanden ist. Die Songs waren zu grossen Teilen geschrieben, als Cave und seine Frau Susie vom tragischen Schicksal ihres „little blue-eyed boy“ erfahren mussten. Komischerweise ist keiner so klar auf diese Tatsache eingegangen wie der „Rolling Stone„.

Es ist ja auch tatsächlich unmöglich, „Skeleton Tree“ ohne dieses Drama im Hinterkopf anzuhören. Ich persönlich muss wohl erst eine Art Trauerarbeit leisten, bevor ich das Album einfach als Album einordnen und beurteilen kann. Wahrscheinlich wird es mir bis dahin aber schon so lieb und wichtig sein, dass mir eine verkopfte Analyse noch unwesentlicher erscheinen wird als jetzt schon.

NICK CAVE AND THE BAD SEEDS: „Skeleton Tree“, out (Kobalt)

(Bilder: Kerry Brown und privat)

 

 

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