Nils, der Klangmanipulator

Eigentlich sollte man sich Nils Frahm nur über Kopfhörer anhören. Ganz sicher nicht über Lautsprecher, das wirkt irgendwie platt und gibt seine Klangwelt nur ungenügend wieder; man verpasst die Nuancen seiner Musik, die groben und die feinen, und wird nie ganz Teil des Kraftraums, den Nils Frahm mit seiner Musk immer wieder aufs Neue baut. Ein Kraftraum wie am vergangenen Donnerstag das X-TRA in Zürich, wo Frahm im Rahmen seiner Welttournee auftrat. 

Auf der Bühne sieht es aus wie in einem Rechenzentrum der 1970er Jahre, als die Computer laufen lernten: zwei Dreierketten von Tasteninstrumenten – Pianos, Keyboards, Synthesizers – in neunzig Grad Winkeln angeordnet, dazwischen ein wenig Platz für Nils Frahm, um sich von Instrument zu Instrument durchzuhangeln. Nils Frahm kommt auf die Bühne und präsentiert sich als der nette Typ von nebenan, trägt Adidas Turnschuhe, Dächlikappe und Hochwasserhosen und winkt erst mal bescheiden ins Publikum. Dann setzt er sich hin und es fängt ein bisschen an wie in der Kirche. Eine Orgel füllt den Raum, Töne kommen und gehen, lauter und leiser, und Frahm tastet sich auf den Tasten seines Instruments langsam in die Gehörgänge seines Publikums vor. Er ist alleine auf der Bühne, aber mehr Personal braucht es auch nicht.

Geboren ist Nils Frahm in Hamburg, aber heutzutage operiert er von Berlin aus, wo er sich im Funkhaus – früher der Sitz des Rundfunks der DDR, heute der grösste zusammenhängende Studiokomplex der Welt – permanent eingerichtet hat mit seiner Infrastruktur. Sein letztes Album „All Melody“ hat Nils Frahm ebenda eingespielt und auf dieser Aufnahme gibt es nicht nur Keyboards à gogo, sondern auch Frauenchöre, Trompeten und die Marimba, eine Art Holzxylophon. Gerade bei den Frauenchören hört man die perfekte Akustik des Funkhauses am besten: Alles ist Raum, Tiefe, Wärme.

Nils Frahm ist einer dieser Künstler, die berühmt bei Millionen, aber noch unbekannt beim Mainstream sind. Bekannter geworden ist er mit „Spaces“, einer Sammlung von Liveauftritten, die er 2013 veröffentlicht hat. Vorher nahm er „Felt“ auf, da hat er Fellstücke um die Klaviersaiten gezwirbelt, um die Schwingungen zu dämpfen und den Ton leiser zu stellen, dazu hat er das Mikrofon direkt ins Klavier hineingestellt. „Felt“ ist die ideale Platte zum Einschlafen: Man ist mittendrin im Knochengerüst des Klaviers, hört die Holzkonstruktion ächzen und schnaufen, und schnauft dann bald selber ruhiger, und wacht erst am nächsten Morgen wieder auf, die Kopfhörer noch immer im oder auf dem Ohr.

Die Journalisten schubladisieren die Musik von Nils Frahm als „Neo-Klassik“, was vor allem die Freunde der klassischen Musik nervt, weil an Mozart und Schubert kommt für die keiner heran, und neo ist bei denen schon gar nichts, weil es schlechte Klavierspieler auch früher schon gab. Im Clavio-Forum, wo man sich normalerweise über klassische Werke und deren korrekte Interpretation unterhält, wird denn auch diskutiert, ob Nils Frahm „eine angenehme Abwechslung“ sei, oder doch eher „uninspiriertes, langweiliges Geklimper“.

Dem Frahm kann das egal sein. Er hat sein Publikum gefunden und dieses applaudiert enthusiastisch, schon gleich nach dem ersten Stück. Zürich ist heiss auf Nils Frahm. Auch eine kleine Melodie am Klavier (nicht nur die grossen Sounds) bewegt, wenn Frahm sie spielt. Das Publikum ist still und lauscht. Es ist, wie wenn einer leise spricht und dabei etwas Interessantes erzählt. Man hört dann gut zu, gespannt und gebannt.

Die Musik ist bei Frahm das eine; wie er ohne Unterlass die Tasten drückt, die Regler schiebt und die Knöpfe dreht, das andere. Dabei windet er sich und verbiegt sich und das Publikum kann gar nicht anders, als sich mitzuwinden und mitzuverbiegen und zu schreien und zu jauchzen, wenn die Spannung unerträglich wird und alles auf einen musikalischen Orgasmus zuschreitet. Nils Frahm hat seine Musik im Griff und sein Publikum sowieso. „Wieso ich Leute manipulieren will, spielt keine Rolle“, sagte er dazu einmal in einem Interview mit dem Guardian, „wichtig ist, dass meine Manipulation funktioniert“.

Jeden Abend auf der Bühne kocht Nils Frahm sein musikalisches Menü von neuem, von Klavierplattitüden bis Goa Trance, nimmt seine Handvoll Zutaten, schmeisst sie in die Pfanne und heizt und heizt, bis es den Deckel von der Pfanne haut. Dann serviert er alles in einem Teller mit Goldrand. Könnte er nicht einfach eine Fertigpizza aus dem Ofen anbieten, ein Band laufen lassen, oder seine Klangmaschinen vorprogrammieren und es sich für zwei Stunden auf der Hängematte bequem machen? Tut er nicht. In einer Welt der künstlichen Intelligenz, und Robotern, welche die Menschheit bald überflüssig machen, zeigt sich Nils Frahm als Mensch herkömmlicher Machart, der die Maschinen noch beherrscht und mit ihnen spielt.

Nach über zwei Stunden kommt Nils Frahm zum Schluss und spielt eines seiner bekanntesten Stücke, bei dem er die Saiten seines Flügels mit zwei WC-Bürsten traktiert, wie ein Appenzeller sein Hackbrett. Im Prinzip könnte Frahm auch andere Bürsten nehmen, aber WC-Bürsten sind und tönen halt cool, gerade wenn gewisse Kritiker seine Musik für Scheisse halten.

Er selber auch? Auf jeden Fall kündigt er „Says“, sein letztes Stück vor der Zugabe, als musiktechnischen Schwachsinn an und erklärt launig und lang, was im Song dann gerade so ablaufen wird: nämlich nichts wirklich Gescheites im klassisch-musikalischen Sinne. Das kann doch nicht sein, denkt das Publikum, beim Nils ist doch alles gescheit und lässt sich willig auf diesen Steigerungslauf in C-Moll und F-Moll ein, Applausexplosion inklusive. Nils Frahm, dem Klangmanipulator, gefällts. Mir auch.

 

www.nilsfrahm.com

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und gute Musik.

 

    (Bild: Facebook)
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