Noch mehr Jahrmarkt, oder: Sziget II

DSCN2168Die längste Schlange gabs vor dem Zirkuszelt. Dort traten Akrobaten von überall auf und jene atemberaubenden Vorführungen sind Sinnbild für das Sziget Festival, dem grössten Festival in Europa. Budapest ist Anfang August während einer Woche Jahrmarkt (der Eitelkeiten) und heisst dann nicht mehr Budapest, sondern Sziget, was so viel wie Insel bedeutet. Weil alle Wege führen eben dorthin, auf die eine Donauinsel, es gibt Foodstände, Tattooshops, ein Schachzelt, täglich Yogaklassen, Theateraufführungen, H&M-Outlets, eine halbe Million Leute, auf dem ganzen Gelände Igluzelte (die, liegengelassen, gewaschen und an Flüchtlingsorganisationen verschenkt werden), ungarischer Schnaps, Recylingvorträge, und, und, und, mir schwirrt der Kopf noch jetzt. Hier ein schöner Eindruck, wie man sich das vorstellen muss (nein, an der Schaumparty war ich nicht).

DSCN2121Und da ist Musik. Ich bin jetzt gerade zu faul, um die genaue Anzahl Bands herauszusuchen, die dieses Jahr auftraten, aber ist ja egal, man kann eh immer nur einen Bruchteil hören/sehen, und auch der ist eigentlich schon zu viel. Man wird dann so ein bisschen ah, Editors spielen, nice, und ach, Kaiser Chiefs, schon wieder, und: Muse, geil. Mir ging es jedenfalls so, und obwohl ich süchtig nach der Stimme von Bastille-Dan-Smith bin, ich meine, richtig süchtig, im Sinne von, ich hab mir den nächtelang sozusagen intravenös zugeführt, hörte ich während drei Songs zu und zog dann weiter, immer noch ein bisschen verstimmt, weil ich John Newman verpasst hatte, dessen Stimme mich regelmässig genauso flachlegt. Oder so.

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I Ministri auf der Europa-Bühne.

Ich also einiges gehört und auch entdeckt, ich kann hier jetzt nicht alles auflisten. Nur ein paar Sächelchen, ich fang mal mit den Italienern an, und zwar mit Mau Mau. Einer Enttäuschung. Im Programm u.a. als Folk/Country-Band beschrieben, war das dann einfach eine unerträgliche World-Music-Session, die ich tanzend dazu nutzte, die in Pesto-Sauce DSCN2152ersoffenen Pasta zu verdauen. Aber da waren ja noch I Ministri, mitten in der Nacht spielten die, und ey, da flog einem viel Amore um den Kopf und allerlei anderes, und es war eine Wucht. Ich lächelte idiotisch vor mich hin. Und vergass, dass ich ja einen Burrito essen wollte (den gabs bei der Europa-Bühne. Nein, passt nicht. Ja, hab ihn dann doch noch probiert. Dazu aber später). Jedenfalls, super Band, der Sänger machte dann auch noch Stage-Diving, und ich dann bald mal Bed-Diving.

Und dann verlor ich die Übersicht über die Tage, einfach so. Es war nur noch Festival, schlafen, essen, trinken, Festival, wie das halt jeweils so ist. Von den drei Schweizer Bands hab ich unseren Starschnitt ABU verpasst, shame on me. Die liebe Julia vom Fri-Son hat mir aber ein ganz entzückendes Bild geschickt, grazie mille.IMG_2524 An Serafyn lief ich zufällig ran. Das heisst, ich hörte vielversprechende Klänge und stapfte zwischen ein paar Zelten durch zur Europabühne (ja, die hatte wirklich was zu bieten). Sie machten Soundcheck und hatten einen Zuschauer, den Mirco aus Basel. Als es dann losging, warens ein bisschen mehr, verdient hätten sie aber ein volles Haus respektive eine volle Wiese. Zauberhaft, was das Folk-Quintett spielt. (Notiz an uns: Unbedingt mal was machen mit denen). DSCN2133

Ich war dann so doof und ging zur Zeltbühne. Weil zeitgleich Boy spielten. Boy: So sympathisch, wirklich, ich könnte die lange, lange anschauen. Und sie spielen wie die Grossen! So richtig souverän, weltfrauisch. Aber der Sound: Halt ein bisschen … langweilig. Ich wünschte, es wäre anders. Aber wenn da nicht ein Michael auf der Bühne einen Heiratsantrag gemacht hätte (seiner Freundin, nicht den Boys Valeska Steiner und Sonja Glass), wär ich stehend eingeschlafen.

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Oh Boy.

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Das Sziget-Festival hat übrigens auch etwas von einem Pfadilager. Nicht, weil überall Zelte stehen und alle mit verdreckten Schuhen herumlaufen. Sondern weil man Stempfel einsammeln konnte. An Dutzenden Stationen. Was man für ein volles Büchlein erhalten hätte, hab ich bis zum Schluss nicht gecheckt. Ich hatte sowieso nur den vom Klassikzelt. Da hing ich nämlich ziemlich viel rum. Da würd ich auch zelten, wenn ich noch Festivalzelt-Mumm in den Knochen hätte. Weil: Es ist einfach entspannend. Sogar, wenn man zwischen den Konzerten Klatschübungen mitmachen muss, (vom Dirigenten orchestriert, hihi). Ich hab ja keine Ahnung von Klassik und klatschte dann und wann auch daneben, und deshalb konnte ich mit Sicherheit nur diesen Auszug aus der Zauberflöte ausmachen. Irgendwelche Spitalbetten wurden herumgeschoben und so. Herrlich. Oper zum Znüni, zum Zmittag und zum Znacht. DSCN2141

Was war da noch? Norma Jean Martine. Aaaah. Sie ist ja ziemlich cool geschminkt immer. Natürlich ist aber interessanter: Sie hat mit Ronan Keating den Titelsong für sein neues Album geschrieben. Und ey, die kennen wir doch:

 

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Norma Jean Martine, super geschminkt imfall.

Das war ein schönes Konzert. Auch wenn es Momente gab, da dachte ich: Ist auf CD irgendwie fast noch schöner. Vielleicht wars auch nur zu heiss im Zelt. Und dann war er plötzlich da: Børns! Da muss ein ! hin. Weil: Der wird ganz gross. Ist ganz gross. Natürlich: Man möchte ihm auf die Bühne rufen, Bub, iss doch wieder mal was! Und natürlich – er sieht aus wie ein 50 Jahre jüngerer Mick Jagger, kühl und geschlechtsneutral und asexuell. Als Zuschauer wird man hin- und hergerissen, was ist los, sind wir in den 80ern? Oder in der fernen Zukunft? Man versteht kaum, was er sagt, dabei zwitschert er erstaunlich oft zwischen den Songs, wie ein Entertainer, also ob er da oben auf der Bühne leben würde, was wiederum nicht passt zum Engelsstimmchen im digitalen Lichtspektakel, irgendwie.

Und dann covert er Benny And The Jets!

Und dann Bowie, Heroes.

Und im Publikum machen selbst Obercoolios Victory-Zeichen Richtung Bühne.

Ganz gross, der Børns. Und weil ich vor lauter Auf-die Bühne-Starren vergessen habe, Fotos zu machen, hier ein Video:

 

DSCN2160Was war noch? Noel, der alte Haudegen. Ein Highlight, weil so bodenständig. Steht da mit Gitarre und sagt zum Fan in den vorderen Reihen: „You’re from Argentina? I fucking love you!“ Und dann:

While we’re living
The dreams we have as children
Fade away
While we’re living

I fucking love you.

DSCN2166Aber Chvrches liebe ich eben noch ein bisschen mehr. Das heisst, vor allem, Lauren Mayberry, kleine Sia, Sharleen Spiteri 2016, Kreuzung aus den braveren Nena und Kim Wilde. Wann wurde die Band aus Glasgow so gut? Nur an der Kommunikation müssten sie vielleicht noch ein wenig feilen. Irgendwann hat der Doofste (so viele Männer im Publikum!) begriffen, dass Chvrches zum ersten Mal in Budapest sind. Natürlich streicheln auch sie die Herzen, die sich nie ganz von den 80ern lösen werden können. Das jedenfalls erinnert mich dann schon sehr an sowas.

In meinen Notizen steht übrigens noch: wenn der dings dungt. Haha (die Übersetzung wäre wohl: Wenn der Iain Cook singt. Leider folgen keine Ausführungen dazu. Bei Rotwein werde ich eben nicht nur rührselig, sondern treffe die Tasten nicht mehr, vielleicht hatte ich ja auf der falschen Handyseite getippt, ist mir auch schon passiert. Also, Rotwein: Ich hatte eine Menge zu trinken. Weil ich nämlich fröhlich rief „a big one“, als mich der Weinverkäufer fragte, ob kleiner oder grosser Becher. Der Wein hiess Indian Summer. A big one war ein halber Liter)!DSCN2164

Gut, also, und dann war da eben noch Sia. Mit einer Viertelstunde Verspätung. Das finde ich doof. An einem Open Air. Aber wer weiss, vielleicht hat Noel ja die Hauptbühne nicht zügig geräumt. Jedenfalls: Da sass sie. Mit Perücke natürlich, ich habe das auf den Screens gesehen, denn da waren ungefähr eine Viertelmillion Leute, und überhaupt, zu sehen gab es ja nicht viel. Das zweite Lied war „Diamonds“ und alles noch gut. Augen schliessen und Sterne sehen. Bald aber fragte man sich halt schon: Warum die Clips auf den Bildschirmen? Die nerven. Sie will inkognito bleiben, ein Phantom. Das ist lobenswert. Aber am Festival irgendwie … blöd.

Natürlich blieb ich trotzdem. Eine Stunde Sia ist wie ein Vulkan am ersten August. Verhalten zu Beginn, aber glitzernd, und dann plötzlich dieser Funkenregen, der anhält und gefangen nimmt, und den man nicht richtig geniessen kann, weil man weiss: Jetzt ist dann grad fertig.

Ich bin ja ein „Chandelier“-Kind, und mein Herz blieb stehen, als sie das brachte. Es war das letzte Lied.

„Thank you so much. You are awesome!“

Ein Vögelchen in der dunklen Nacht. Drei, vier Minuten später wurde ich dann fast von den verdunkelten Vorstadtpanzern überfahren, die von Backstage Hauptbühne hervorschossen, Sia sass in einem der Autos mit Polizeibegleitung und verliess Sziget so schnell, wie sie es berauscht hatte.

Es war so schön.

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(Bilder: Rockette, Instagram (Sia))

 

 

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