Lana Del Rey ist gegangen, um heimzukommen

God damn, man-child
You fucked me so good that I almost said, ‚I love you‘

Eine zarte, leicht aufbrausende Melodie erklingt, dann haucht Lana Del Reys Stimme diese provozierenden Worte und eröffnet damit ihr jüngstes Werk: „Norman Fucking Rockwell!“.

Derart langsame Klänge, gepaart mit ihrer sanften Stimme, charakterisieren die vierzehn Lieder auf „NFR!“ und rufen dabei Gefühle der Nostalgie und Sehnsucht hervor. Der Albumtitel, so Lana in einem Interview mit dem US-Radiosender KROQ, soll genau dies ausdrücken: „Nostalgie in ein paar Worten… und das Fucking in der Mitte verrät, dass irgendwo im Album noch ein bisschen Leichtigkeit drinsteckt“. „NFR!“, benannt nach Norman Rockwell, dem amerikanischen Albert Anker, dessen Illustrationen eine Reflexion der amerikanischen Kultur des 20. Jahrhunderts waren, sprudelt nur so von sehnsuchtsvollen Melodien und gezogenen, fast schmerzerfüllten Tönen von Klavier und Gitarre, die in den Zuhörern ewig vergessene Erinnerungen hervorrufen. All dies verschmilzt mit Del Reys ehrlichen Worten, die einen fühlen lassen, als würde sie jedem einzelnen direkt in Seele blicken, während sie Lyrics wie But if you hold me without hurting me/You’ll be the first who ever did ins Ohr flüstert.

Hold me, love me, touch me, help me
Be the first who ever did

Lana Del Rey ist gegangen, um heimzukommen. Ihre Texte sind vom Heimweh beeinflusst, das sie immer verspürt, wenn sie nicht in Kalifornien ist. Einen Track titelt Del Rey sogar „California“ und auch in anderen Liedern, und auf allen ihren Alben, wird ihre Heimat erwähnt. Zum Beispiel erscheinen Referenzen zu Long Beach in „The Greatest“, in „Venice Bitch“ und in „Bartender“. Es ist diese Nostalgie für etwas, das war, was nie mehr wieder sein kann, oder für etwas, das nie geschehen war, aber hätte sein können, die in allen ihren Liedern zum Ausdruck kommt. Sie stammt auch davon, dass Del Rey die meisten Ideen on the road hat. Lana Del Rey erfasst diese Wanderlust, die einen packt, wenn man die Häuser verschwommen vorbeiziehen sieht, in melancholischen Melodien. Wenn sie fährt, hat sie ihren Voice Recorder immer irgendwo im Auto platziert. Sie dichtet, summt und singt konstant.

Don’t leave, I just need a wake-up call

Mit ihrem neuen Album setzt Lana Del Rey ein Statement. Mit vielen Songs von einer Dauer über fünf Minuten, langen Intros und noch längeren Outros, zeigt sie, dass sie ihrer künstlerischen Vision treu geblieben ist. Die rasant ändernden Trends, die schnelllebige Musikszene der heutigen Zeit, lassen sie nicht davon abbringen, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und in ihrer musikalischen Luftblase zu bleiben, um sich selbst zu verwirklichen. Sie ist selbstsicherer und weiss nun besser, wer sie genau ist. So singt sie zum Beispiel in „Mariners Apartment Complex“ I’m the bolt, the lightning, the thunder/Kind of girl who’s gonna make you wonder/Who you are and who you been/…/I’m your man. Lana del Rey ist wieder da, echter und offener als je zuvor.

I watched the guys getting high as they fight
For the things that they hold dear
To forget the things they fear

Der Einzige, der bei diesem Album Zugang zu ihrer musikalischen Luftblase besass, war Jack Antonoff, ihr Produzent. Viele Instrumente wurden von ihm selbst gespielt und einige der Melodien, Akkordabfolgen und Textideen sind ihm zuzuschreiben. Sein Einfluss auf Del Reys Musik kann man vor allem in der Rohheit und Simplizität des Albums erkennen. Antonoff und Del Rey haben im Januar letzten Jahres angefangen zusammenzuarbeiten. Ursprünglich war geplant, dass sie nur ein Lied gemeinsam komponieren; aus diesem einen Song wurden dann zwei und später ein ganzes Album. Diese Tatsache alleine reicht, um aufzuzeigen, wie sehr diese beiden Künstler harmonieren und das Talent besitzen, sich auf den jeweils anderen einzustellen.

Happiness is a butterfly
Try to catch it, like, every night

„Norman Fucking Rockwell!“, dies anerkennt Del Rey selbst, ist kein Album, das explosionsartig alle Aufmerksamkeit verlangt, trotz dem Ausrufezeichen im Albumtitel. Im Gegenteil, es ist ein Stimmungsalbum. Man muss die Emotionen in sich aufnehmen, um es vollständig wertschätzen zu können. Die aufrichtigen Worte, die elegischen Klänge, die eindrückliche Stimme; all dies verleitet einen aufzustehen und sich zum Takt hin und her zu wiegen. „NFR!“ ist ein Meisterwerk, das berührt, inspiriert und nachdenken lässt; ein Album durchdrungen mit wunderschönen Melodien und tiefgründigen Texten: Nostalgie in wenigen Liedern.

and I
Would like to think that you would stick around
You know that I’d just die to make you proud

Lana Del Rey hat es geschafft, sich und ihrer künstlerischen Vision treu zu bleiben, sich in ihren Liedern, aber nicht sich selbst zu verlieren. On the road, weit weg von Kalifornien, flossen ihre Texte aus dem Herzen direkt aufs Papier. Mithilfe von Jack Antonoff konnte sie diese Ideen in ein gefühlserregendes Album zaubern. „Norman Fucking Rockwell!“: nostalgisch, sehnsuchtserweckend und doch eben auch leicht, hoffnungsvoll und vor allem eins: echt.

Is it safe, is it safe to just be who we are?

LANA DEL REY: „Norman Fucking Rockwell!“, out (Interscope Records, Polydor)

 

GUESTLIST: Charlotte Werren ist 18 Jahre alt und im letzten Jahr an der Kantonsschule Aarau. Sie hört so ziemlich alles ausser Death Metal und trägt häufig Adiletten. Ihr Onkel ist unser Gastautor Kurt – it’s all in the family.

(Titelbild: Facebook Lana Del Rey)

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.