Andri Perl darf Norah Jones anrufen – Deal!

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Andri Perl von Breitbild: Auf diesem Bild wie auch als Politiker links

Würde Andri Perl als Model arbeiten, wäre er für seine Wandelbarkeit begehrt. Der Churer sieht auf Bildern jetzt echt immer anders aus, für jedes seiner Ämter hat er einen eigenen Look, scheint es. Und er ist immerhin Dramaturg, Literat, SP-Grossrat und Twitter-User. Das Telefongespräch mit Rockette führt er als Rapper der Bündner Gruppe Breitbild. Gott weiss, wie er dabei gerade aussieht.

Hallo, hier ist Miriam. Moment, ich muss kurz auf Lautsprecher stellen. Gut, hallo?

Hallo!

Hallo?

Hallo! Sorry, war ich das? Egal. Nur so zum Sagen: Ich bin im Fall absolut keine Hip-Hop-Expertin.

Das habe ich nicht erwartet.

Eigentlich rufe ich dich ja an, weil ich von dir lernen möchte, wie man ein Hip-Hop-Album ordentlich bespricht.

Ich glaube, man kann durchaus ähnliche Standards anwenden wie für andere Alben. Man darf sich auf sein musikalisches Gespür, sein musikalisches Wissen verlassen. Das heisst: Stimmt es rhythmisch, sind die Songstrukturen spannend, wird man da und dort überrascht? Der Vergleich mit der Literaturkritik ist vielleicht etwas hoch gegriffen, aber es geht ja schon auch darum, den textlichen Aspekt zu beurteilen. Werden Geschichten erzählt, wie funktionieren die Reimstrukturen? Das ist vielleicht etwas technisch. Man kann sich auch fragen: Was für ein Gefühl kommt sprachlich rüber, ist es etwas, das in sich geschlossen ist?

Ich sollte jetzt auflegen, euer neues Album nach ebendiesen Kriterien nochmal durchhören und dich wieder anrufen. Aber machen wirs unkompliziert: Wie findest dus denn eigentlich?

Musikalisch waren wir so akribisch wie noch nie. Wir achteten sehr stark auf Genauigkeit, waren streng miteinander. Ich glaube, wir haben es geschafft, einen Sound zu finden, bei dem die klassischen Hip Hop-Elemente wie die Samples mit guten, anspruchsvoll komponierten Sachen verbunden sind. Ohne dass man dem Ganzen zu stark anhört, wie lange wir dran waren. Die Songs haben irgendwie ihre Lockerheit behalten.

Wie lange wart ihr denn dran?

Die ersten Titel haben wir schon vor dreieinhalb bis vier Jahren geschrieben. Wir hatten überhaupt keinen Zeitdruck, haben die Arbeit immer mal wieder ein bisschen ruhen lassen. Dann nahmen wir den Faden jeweils wieder auf und machten weiter bis zuletzt ein sehr intensiver Schaffensprozess von rund dreiviertel Jahren folgte.

Du schreibst ja auch Bücher. Wie anders ist das, das Schreiben, mein ich?

Die Sprache ist der markanteste Unterschied. Ob man hochdeutsche Texte schreibt oder im Bündnerdialekt rappt, das ist ein anderer Ansatz, ein anderes sprachliches Register, das einem zur Verfügung steht. Und dann ist da auch noch die Form. Es macht einen riesigen Unterschied, ob man an etwas herangeht mit dem Vorsatz, in anderthalb Jahren 150 Seiten zu schreiben. Oder ob man sagt: Ich mache jetzt mal einen Entwurf für eine Strophe von 16 Zeilen und zeige die dann mal den Jungs.

Möchtet ihr mit diesem Album einen Swiss Music Award gewinnen?

Wenns passiert, dann passierts.

Hallo?

Sorry, mein Handy.

Ach, vielleicht liegt es auch an mir.

Hey, wenn man dich bildergoogelt, dann siehst du zum Teil aus wie Jürg Halter!

Ja, das haben mir schon ein paar Leute gesagt. Ich wurde auch schon mit Jürg angesprochen.

Vielleicht ist Halter ja deshalb nicht mehr Kutti MC, weil es ihn in der Hip Hop-Szene schon gibt.

Wobei, ich muss sagen: Wir haben einfach eine ähnliche Brille.

Und einen ähnlichen Bart.

Ohne Brille und Bart würden man uns sicher nicht verwechseln.

Man sollte euch mal nebeneinanderstellen. Du bist übrigens der erste Schweizer, den wir in dieser Rubrik interviewen. Bisher haben wir nur mit internationalen Promis geredet.

Holla.

Mit wem würdest du gerne mal telefonieren? Aus der Musikszene – und nenn doch wenns geht eine Frau, wir sind hier so männerlastig.

Das ist jetzt überhaupt nicht aktuell, aber ich hatte schon immer eine Schwäche für Norah Jones. Ich stelle mir vor, dass es mega angenehm ist, mit ihr zu telefonieren, dass es da nie einen Moment der unangenehmen Stille geben würde.

Weisst du was, wenn es mal eine Gelegenheit gibt, dann machst du für uns den Phoner mit Norah Jones. Das wäre doch lustig.

Ja, das mach ich.

 

Und weil ich nach dem Gespräch das Gefühl habe, das fünfte Studioalbum von Perl und seinen Leuten viel zu wenig gewürdigt zu haben, höre ich es erneut an. Mehrmals. Mit meinem guten alten musikalischen Gespür, einem ganz neuen Ohr und extrem zugekniffenen Augen, damit ich mich auf die schnelle Sprache konzentrieren kann. Das ist kein Spass-Rap hier, das hat was von Literatur, ganz klar. Textpassagen wie „will die wilde Johr denn eba doch nid ende wend: True Talk“ („Einsam“), „Bang bang Boogie-Woogie Feminismus“ oder „falte mini Händ uf dinere Bruscht und i bete, miteme verklärte Blick uf de Tempel, mini Spiritualität isch simpel“ („Halleluja“) verzücken sehr (Rechtschreibung im Booklet nochmal nachsehen nicht vergessen!).

Und …
Rhytmus: stimmt.
Songstrukturen: spannend.
Lieblingssongs: „Halleluja“, weil abwechslungsreich, lustig und dank „anspruchsvoll komponierten Sachen“ mindestes ebenso interessant wie „Würfel“, meine Lieblings-ehm-Rapballade?
Fazit: Breitbild schieben mal wieder ganz schön nach vorne (hab ich von Lexs, den Ausdruck)

BREITBILD: Single: „30 ISCH DS NEUA 50“ Out now; Album: „BREITBILD“ Out: 18.03.2016 (Sony)

Konzerte: 15.04.2016 – Wetterhorn, Hasliberg; 22.04.2016, Kofmehl, Solothurn

(Bilder: Hangar Productions/Lukas Maeder; Google)

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