Plattenladen: Vinyl Biel

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Menschen wie Bruno Mutti gibt es kaum mehr. Er gehört einer vom Aussterben bedrohten Spezies an (kauziger Freak. liebenswürdiger Kauz. idealistischer Individualist). Nicht wegen seiner Leidenschaft (Töfffahren) sondern wegen seiner wahren Leidenschaft (Musik). Brünu führt den einzigen in Biel noch existierenden Plattenladen mit dem melodiösen Namen Vinyl Biel, vor zwei Jahren zügelte er seine LP-Sammlung aus dem Osten der Stadt (Bözingen) mitten in den Kuchen (Freiestrasse 2) und macht dort seine Sache als Platzhirsch so gut, dass er ab nächstem Jahr NUR noch das machen will.

Brünu. Er ist bald 60, hat mal Koch gelernt, ist in Basel geboren aber dann mit seinen Eltern rund 17 Mal umgezogen, lebt seit 35 Jahren im Seeland, ist verheiratet und hat zwei Töchter, dafür hat er weder Handy noch Homepage, er steht auf harten Sound und beendet den Satz „Musik bedeutet für mich…“ mit dem Wort „Emotionen“. Und: Brünu macht hier den Auftakt zu unserer neuen Serie über die schrägsten, schönsten, coolsten Plattenläden und deren BetreiberInnen. Die Serie ist auch zu verstehen als Huldigung an diese Exoten und auf ihre Weise beinahe religiösen Verehrer der schönsten Sache der Welt. Sie wissen nicht nur, dass Musik glücklich macht – sie predigen, zelebrieren und leben es auch. Auf dass die Plattenläden nienieNIE aussterben!

Ein Samstagvormittag im Juni, milchiges Wetter, bei Bruno Mutti im Vinyl Biel läuft Dylans „Hard Rain“, eine von rund 7000 Platten aus seiner Sammlung, Kunden kommen und gehen, nie ist der Laden leer. Das ist schön.

Brünu, was ist das Schönste, was das Blödste an deinem Job?

Das Schönste ist sicher der Kontakt mit den Menschen und mit ihnen über Musik zu sprechen. Blöd ist eigentlich nichts… es wird hier zum Glück auch nur selten geklaut. Das war anders, als ich meine Platten noch an Börsen verkauft habe.

Kannst du von deinem Plattenladen leben?

Momentan arbeite ich noch zu 50 Prozent für die Stadt Biel auf verschiedenen Baustellen. Damit höre ich aber Ende Jahr auf. Ab 2017 will ich nur noch in meinem Laden arbeiten. Und ja, ich kann davon leben, das habe ich durchgerechnet. In 10 Jahren habe ich mehrere 100’000 Franken für Schallplatten ausgegeben – und nie habe ich daran gezweifelt, dass dieses Geld wieder reinkommen wird.

Die Kunden kommen von weit her zu Brünu, weil sie wissen: Hier gibt es gute Qualität zu fairen Preisen. Brünu deklariert jedes Stück. Er markiert jede LP-Hülle mit einem weissen Kläberli: Abkürzungen erklären darauf die Vorzüge oder die Makel der entsprechenden Platte. Er hört jede einzelne durch, bevor sie im Laden landet.

Wie hoch ist der Anteil männlicher beziehungsweise weiblicher Kunden?

Die Kundschaft besteht zu 95 Prozent aus Männern. Ich kann mir das Phänomen nicht erklären. Vielleicht scheuen sich die Frauen, einen Plattenladen zu betreten, wenn da schon vier Typen drinstehen. Also ich hätte da umgekehrt überhaupt kein Problem (er grinst. Er grinst viel und herzhaft)! Die 5 Prozent Frauen sind dann meistens eher jung, kaufen Reggae oder etwas von den Doors. Die stehen heute tatsächlich immer noch auf Jim Morrison (er grinst wieder).

Warum kostet es so viel Überwindung, einen Plattenladen zu betreten?

Ich finde nicht, dass das viel Überwindung kostet. Aber du fragst das ja als Frau – und da wären wir wieder bei diesem für mich unerklärbaren Phänomen.

Wie kauft man in einem Plattenladen korrekt ein, damit man sich nicht blamiert? 

Hier blamiert sich doch keiner. Die meisten kommen rein und beginnen gleich mit der Fachsimpelei … der Anteil wissender Freaks ist weitaus grösser als jener von Kunden, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Viele hören sich die Platten hier im Laden an. Tausend Worte sagen schliesslich weniger aus als ein paar wenige Töne.

Brünu sammelt Musik seit er 18 ist. Seinen ersten Plattenspieler kaufte er sich mit dem ersten Lehrlingslohn als Koch. Doch musste er den Spieler kurz darauf wieder zurückgeben: Der Verkäufer hatte ihn seiner Mutter geklaut.

Wunderst du dich manchmal über die Geschmäcker gewisser Kunden?

Nein, ich habe doch kein Recht zu sagen, welche Musik schlecht und welche gut ist. Musik ist etwas derart Individuelles. Es kam schon vor, dass jemand den Laden betrat und mir als erstes durch den Kopf gibt: Klassik ist nicht im Angebot. Und derjenige sich dann in der Hardrock-Abteilung verwühlte.

Gibt es eine Anfrage oder einen Einkauf, den du nie mehr vergisst? 

Früher habe ich mal als DJ in einem Club gearbeitet. Da kam ein besoffener Walliser auf mich zu und wollte mir für eine Platte von Crowbar 200 Höger in die Hand drücken. Nein, du kannst sie für 80 haben, sagte ich ihm. Er schwankte davon, kam dann aber eine Woche später tatsächlich wieder und bezahlte mir 200 Franken für die LP. Ich schenkte ihm dafür zwei zusätzliche Platten.

Sonst eine Anekdote aus dem Ladenleben?

Nach dem Tod von Prince im April habe ich innerhalb von einer Woche 27 Prince-Platten verkauft. Das ist doch unglaublich.

Hast du Stammkunden? Wie regelmässig kaufen die bei dir ein?

Der Grossteil besteht aus langjährigen Stammkunden. Einer kommt beispielsweise jeden zweiten Samstag und kauft dann auch gleich für 500 Franken bei mir ein. Das sind eben die wahren Raritätenjäger und Sammler.

Brünu hat jede Woche eine halbe Kiste neues Material in seinem Laden (in eine Kiste passen 120 LPs, Anm. d. Red.). Im Sortiment ist quasi alles zu finden, ausser Klassik, Volksmusik und Schlager. Als Fachmann bezeichnet sich Brünu in der Sparte Südstaaten-Rock.

Welche Musik läuft bei dir im Moment im Hintergrund (Dylan hat fertig)? 

Frumpy, eine Hamburger Rockband aus den Siebzigern. Für mich hat Inga Rumpf die allerbeste Stimme im deutschen Rockbusiness.

Welche Promis haben bei dir schon eingekauft?

Einmal war einer von Methusalem hier und hat gestaunt, dass seine Platte im Regal steht – sogar signiert! Dann habe ich gehört, Nati-Goalie Yann Sommer sei ein grosser Plattensammler. Aber das ist vielleicht nur ein Gerücht. Er war jedenfalls noch nie hier.

Welches sind so die Bestseller?

Also absolut idiotensicher sind Bob Marley, Doors und AC/DC.

Und die Ladenhüter?

Ufff, da gibt es leider viele… aber irgendwann verschwinden auch die aus der 5-Franken-Kiste.

Die teuerste LP, die hier im Regal steht?

Ich habe nicht mehr so viele sehr teure. Aktuell ist es „the power of the picts“ von Writing on the Wall für 450 Franken. Vor ein paar Jahren habe ich eine Scheibe von Paternoster für 1900 Franken verkauft. Aber im Schnitt kostet eine Platte bei mir zwischen 5 und 30 Schtutz.

Warum dürfen kleine Plattenläden nie aussterben?

Weil es nichts Schöneres gibt, als eine Platte in den Händen zu halten, sie anzuschauen, abzuspielen. Vor allem bei den älteren Produktionen ist das sehr wertvoll, um deren Qualität zu überprüfen – an sowas kommt das Internet nie heran, da landen Kunden dann oft Fehlkäufe. Der zweite Grund: Musik bedeutet Emotionen. Musik macht glücklich. Das weiss man auf der ganzen Welt. Wer reist, spricht mit anderen Menschen über zwei Themen: über das Essen und über Musik. Das ist, was verbindet.

Vinyl Biel: Bruno Mutti, An- und Verkauf von LP’s und CD’s, Freiestrasse 2, Biel, 032 341 33 34.

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(Fotos: Enrique Muñoz García)

 

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