Polo, Chester und meine Grossmutter… euer Jessi Bradshaw

Rockstar-Tagebuch-Autor Jessi schreibt nicht über Chester Bennington und Polo Hofer, weil die Rocketten zu deren Todeszeitpunkt in den Ferien waren, sondern weil er etwas zu schreiben hat.

Da werde ich von den Rockette Girls angefragt ob ich (auch noch!) einen Nachruf auf Linkin-Park-Sänger Chester Bennington schreiben könne. Klar, ist meine Kernkompetenz, Lobeshymnen auf tote Musiker. Also die offizielle Anfrage klang eher so: Jessi, du warst doch mal Tourmanager von Linkin Park!? Nein, war ich nicht, ich war auf etlichen Konzerten dabei, wegen meiner Arbeit und der Software, die Linkin Park benutzten, um ihre Musik dem Pöbel CD-reif zu präsentieren. Ich habe damals oft mit dem Mischer zusammengearbeitet und andere Netzwerktätigkeiten ausgeführt, wie zum Beispiel Kunden eingeladen, das FOH und das Monitorsystem erklärt. Das war es auch schon.

Welche Berührungspunkte ich mit Chester hatte? Im Hallenstadion war ich zur falschen Zeit am falschen Ort, das heisst, die zwanzigköpfige Security, Typ 3×3-Meter, hat mir befohlen, den Gang sofort zu verlassen, da die Band gleich durchkomme. Ich habe dem Herrn zu erklären versucht, dass meine Scheisse genau gleich schlimm sei wie deren – und schwupps standen sie vor mir. Also: An insgesamt zirka 18 Konzerten war dies unsere einzige Begegnung. Und das reicht ja auch. Die Jungs sind normalerweise 30 Sekunden vor dem Konzert in die Halle gekommen und 15 Sekunden nach dem Konzert in der Limo verschwunden.

Den genialen Nachruf, den ich hier verfassen soll, könnte jeder Fan, der ein „Meet and Greet“ gewonnen hatte, besser schreiben. Ich kann nur interne und absolut geheime Fakten vom Stapel lassen. Bitte nicht weitererzählen, sonst verliere ich noch meinen Job. Auf der Stadion-Tour galt absolutes Rauchverbot, das ist ja nichts Ungewöhnliches, aber die von Linkin Park definierte Verbotszone hat sich 100 Meter um das Stadion erstreckt. Also ich, Raucher mit zwanghaftem Verhalten, habe mich vor die Tür begeben und wurde von diesen 3×3-Meter-Monstern darauf hingewiesen, dass ich bitte die Strasse überqueren soll. Und zwar wurde mir dies so mitgeteilt, dass ich den Herren in Schwarz ohne grosse Diskussion Folge leistete. Natürlich habe ich vor mich hin geflucht wie ein richtiger Punk, aber nur so laut, dass es keiner hören konnte.

Der Höhepunkt war allerdings das Rock Werchter in Belgien. Da wollte die Crew im gesamten Backstage Rauchverbot erteilen, zum Glück waren da noch The Hives und die Queens of the Stone Age, die diesem Vorschlag ein nüchternes Fuck you entgegenhielten. So wurde der No-Smoking-Park an einen andere Location transferiert. An diesem Festival habe ich übrigens mitgekriegt, was eine Band in der Grösse von Linkin Park allein mit Merchandise (T-Shirt, Schlüsselanhänger, Mausmatten, Hüte, Suppenlöffel, ach was weiss ich, was die alles verkauft haben) täglich einnimmt. Ungefähr 100’000 Franken. Wie geil ist das denn? Wir (Treekillaz“) finden uns cool, wenn wir an grossen Konzerten die 1000er Marke knacken. Es gab noch ein Highlight an diesem Festival, der Drummer hat ein „Air Flow System“ vorne am Schlagzeug. Damit wird die Luft siebenmal pro Stunde erneuert. Open Air???

Aber zurück zu meiner Hauptaufgabe, dem Nachruf auf den verstorbenen Chester Bennington. Ja, das ist alles tragisch, er hatte sechs Kinder, Frau, bestimmt noch andere Verwandte, und die leiden alle. Ich persönlich vermisse eher meine Grossmutter. Die hat zwar keine Musik für Millionen gemacht, war aber bestimmt so geil wie Chester. Das soll nicht heissen, dass ich allen verstorbenen Rockstars aufs Grab pissen will, aber all die Facebook-Nachruf-Süchtigen und die weinenden Fans verstehe ich einfach nicht. Wenn ihr schon trauern wollt und eine Vergangenheit mit dieser Person oder deren Musik habt, dann setzt euch doch bitte auf eine Veranda, nehmt Tabak oder Cannabis, dazu ein Erwachsenengetränk, geht tief in euch hinein und erinnert euch an die besten Momente.

Eigentlich sollte ich besser über den Polo berichten, mit dem hatte ich tatsächlich eine Begegnung der längeren Art. Ich war am Orpundart dafür verantwortlich, dass der gute Mann noch gerade stehen konnte. Das heisst, der trinkfeste Jessi musste den ebenso trinkfesten Polo von übermässigem Alkohol abhalten. Das ist in etwa so wie wenn Lemmy von Motörhead sicherstellen muss, dass Jim Morrison von The Doors keine Drogen nimmt. Ich weiss jetzt nicht, ob der Vergleich Lemmy=Jessi, Polo=Jim Morrison angebracht ist, mir kam gerade kein besserer in den Sinn. Zumindest glaube ich, es auf den Punkt gebracht zu haben. Eine Flasche Weissen oder Champagner waren abgemacht, jeweils zwei wurden es dann. Ich wollte ja auch noch etwas davon, und das Konzert ging trotzdem ohne Probleme über die Bühne.

Et voilà, unser Polo National ist verstorben, nicht unbedingt völlig überraschend, es schien mir als hätte er schon öfters kurz vor dem Ziel die Kurve gekratzt. Er ist und war eben ein geiler Punkrocker und wer die Zeile „du machsch mi giggerig“ schreibt, ist eh ein toller Zeitgenosse. Ich sie meiner Mutter mit zehn Jahren vorgesungen, natürlich ohne zu wissen was es bedeutet. Sie war etwas irritiert.

Und zu guter Letzt und als abschliessender Abschluss: Sie sind gestorben, es werden noch mehr sterben und meine Grossmutter soll in Frieden ruhen. Du bist die Beste und mit Dir hatte ich etliche geile Momente. R.I.P.

 

GUESTLIST: Jessi Brustolin ist Gitarrist bei Treekillaz“ und riskiert für Rockette nicht nur seinen Job als irgendwas mit Software, sondern auch seinen Ruf als Trump-Gegner. So wohl ist ihm in seiner Rolle als Rockstar-Tagebuch-Autor.

 

 

(Titelbild: deinadieu.ch/Sargkollektion von Alice Hofer)

 

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