Rock on, Bitch Ass Queens!  

Scheiss aufs Formatradio! Scheiss auf Awardshows! Do your own thing! Die Bitch Queens sind seit zehn Jahren da und relevanter denn je. Punkrock, so geht das. Coole Band. Geiles Album. We love you guys, especially Danny …😉 Diese und mehr Gedanken von Gastautor Jachin Baumgartner, unserem King der Anglizismen, zum neuen Album der Bitch Queens.

Eine richtige badass Rock’n’Roll-Band mit Attitude, Style und guten Songs in der Schnittmenge von Turbonegro und den Hellacopters – gibt es das in der Schweiz? Die Bitch Queens aus Basel bejahen diese Frage mit ihrem vierten Album „City of Class“. Es ist die beste Scheibe in ihrer Diskographie und mit Abstand die härteste. Bereits der Opener knallt gnadenlos und geht direkt in die Beine. Der zweite Song „Vote for Pedro“ steht ihm in nichts nach und rechnet ab mit der doppelzüngigen Wahlkampfrhetorik in einer selbstgefälligen Scheindemokratie. Auf diesem Album wird die Band politisch und dies zu Recht.

Mel, der Sänger der Band, ist ein cooler Dude. Er erscheint im Dead Moon Shirt, braungebrannt, Sonnenbrille auf. Er ist eloquent, um keinen Spruch verlegen, spitzzüngig und angriffslustig, doch seine Aussagen sind reflektiert und stets nachvollziehbar. Man merkt ihm an, dass er mit dem neuen Album und dem Status, den seine Band unterdessen erreicht hat, sehr zufrieden ist.

Alles ist politisch

Der Wind weht heute rauer als noch vor zehn Jahren, als die Bitch Queens ihre ersten Songs schrieben. Es hat sich einiges verändert in der politischen Landschaft – in der Schweiz, in Europa, auf der ganzen Welt. Vielerorts politisieren Parteien und Gruppierungen am äusseren rechtspopulistischen Rand und sind mit ihren Programmen in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Mit lauten Gitarren dagegenhalten, aufstehen und eindeutig Stellung beziehen, das war schon immer die Grundhaltung vieler Punkrockbands. Wir erinnern uns an die grossen Rock-Against-Rascism-Shows in England in den späten 1970er Jahren, bei denen The Clash, die Buzzcocks oder x-ray spex gespielt haben. Oder an die radikale politische Haltung der MC5 aus Detroit  – the time has come for each of you to decide, if you’re gonna be the problem or the solution.

„Wir verstanden uns schon immer als politisch engagierte Menschen“, sagt Mel, „aber dies bezog sich mehrheitlich auf ein Engagement von uns vieren als Privatpersonen“.  Jetzt sei es notwendig, auch als Band den Mund aufzumachen und die Plattform, welche man als Künstler auf Platte, auf der Bühne und in den Medien hat, zu nutzen, um auf gewisse problematische Entwicklungen hinzuweisen. Dies tut die Band auch im besten Song des Albums: „Negative Heaven“. Der Titel ist eine Metapher für die Schweiz und die allgegenwärtige Hatermentalität. Der Text ist einerseits sozialkritisch, zugleich aber (wie der Bandname und das Auftreten der Band auch) selbstironisch: I love, I love negative heaven. Es eine Abrechnung mit der schweizerischen Eigenart, das Haar in der Suppe zu suchen, statt den vollen Teller zu geniessen. Es ist die Wiederholung und die Überteibung, die diesen Song ausmachen. Zuerst ernst: I’m negative when I see your face dealing with the human race und dann ironisch: I’m negative in my sleep, in my wet dreams.

Kampf dem Bünzlitum – City of Class

Klar ist es die hometown, klar ist es Basel, die „City of Class“, aber es könnte auch jede andere grössere Schweizerstadt damit gemeint sein. „Es lebt sich gut und komfortabel in den Schweizer Städten“, sagt Mel auf die Frage nach der tieferen Bedeutung des Songs. Dennoch dürfe man kritisieren, dürfe man auch das in Frage stellen, was einem allzu träge und fett machen würde. Die allgegenwärtige Spiessermentalität in Basel und anderswo soll angesprochen werden. Eine Haltung, die einem Freiräume verbieten oder wegnehmen will, eine Mentalität, die darauf achtgibt, dass nichts zu laut, zu schräg oder zu unkonform ist.

Das Video zum Titelsong des Albums wurde denn auch prototypisch in einem Tresorraum einer Bank gefilmt. Die Geldscheine schiessen aus den Plastikpistolen, und im Gegensatz dazu sieht man die wild aufspielende Band. „Wir sind natürlich selber middleclass kids und spielen „City of Class“ und die damit verbundene Kritik am gutbürgerlichen Basel mit einer gehörigen Portion Selbstironie“, gibt Mel zu. Die Selbstironie sei eine Art Medizin. „Du bist in dieser komfortablen Situation, hast eine coole Wohnung, einen guten Job und machst trotzdem dirty rock’n’roll.“ Das ist kein Widerspruch. Man sollte sich aber bewusst sein, dass man nicht aus den Ghettos grosser Metropolen stammt und dabei in Versuchung gerät, so zu tun als ob. Dennoch sei es eben ihr Job als Rock’n’Roller mit dem Finger auf Sachen zu zeigen, die man nicht richtig findet.

Lombegos als Wegbereiter

Dass das Ganze nicht nur Image, sondern auch echtes politisches Engagement ist, beweist die neuste Kollaboration der Bitch Queens mit Tony, dem Sänger der Lombego Surfers. Der Rolling-Stones-Klassiker „Gimme Shelter“ wurde in einer neuen, äusserst gelungenen Version aufgenommen, um den Kulturraum M54 in Basel zu unterstützen. Nach mehreren Wasserbrüchen und Dachschäden müssen die Räumlichkeiten, die vielen Basler Kulturschaffenden einen Arbeitsort bietet, saniert werden. Es wurde ein Crowdfunding gestartet, um die Sanierung zu finanzieren. Kunstschaffende der Region Basel spenden Werke, so auch die Bitch Queens. Die Wahl des Titels ist denn auch sinnstiftend: „Gimme Shelter“ spielt darauf an, dass man ein neues Dach, also Schutz braucht.

Mit den Lombego Surfers gibt eine ganz lange Bandfreundschaft. Die Basler Garagenrocker mit amerikanischen Wurzeln sind so etwas wie die Ziehväter der Bitch Queens. Die Lombego Surfers gibt es seit 1989. Sie haben in Basel eine grosse Fangemeinde – die Bitch Queens gehören dazu. „Wir sind zu den Konzerten der Lombegos gegangen und waren fasziniert von der Energie, den rohen ungeschliffen Songs und der Art und Weise, wie sie den Rock’n’Roll zelebrierten“, sagt Mel. Das habe sie geprägt. „Vor allem wie die seit 30 Jahren ihr Ding durchziehen!“ Das hat abgefärbt. Insbesondere auf die Haltung gegenüber dem musikalischen Mainstream-Schaffen hierzulande, aber auch anderswo.

„Lieber stundenlang im Bandbus durch die Gegend fahren, in einem kleinen Club für wenig Gage spielen, dafür aber vor dem richtigen Publikum, das deine Musik feiert und abgeht, als an einer x-beliebigen Grossveranstaltung, bei der du im Hintergrund deine Songs runterschrammelst und keiner interessiert sich für dich“, sagt mir Mel mit einem breiten Grinsen. Im Track „Never Say Never“ ist diese Haltung, die Essenz dieser Band, am besten erkennbar: We will play the chords back and forth even if we don’t get paid. Punkrock schert sich einen Dreck um Trends, Auszeichnungen oder Erfolg. Man tut es aus Überzeugung, weil man will. So sind denn auch die Songs auf dem neuen Album kürzer, simpler, auf das eine essentielle Riff, das einen Song ausmacht reduziert. Mel schmunzelt und sagt: „Wir haben von Iggy Pop und den Stooges gelernt.“

Metropolis

Das Cover-Artwork ist eine Hommage an den Film „Metropolis“ von Regisseur Fritz Lang aus dem Jahr 1927. Dies macht durchaus Sinn, denn der Film portraitiert das Leben der Arbeiter und der Oberschicht, die in einer technokratischen Riesenstadt komplett isoliert voneinander leben. Die Musik der Bitch Queens hält dieser Tendenz entgegen. Mit lebensbejahenden und dennoch kritischen Songs, die das Leben und die Solidarität feiern und dadurch Menschen zusammen bringen.

Auf ihrem neuen Album verfeinern die Bitch Queens ihren Sound weiter. Besonders der Drumsound ist besser ins Klangbild integriert als auf ihren früheren Releases. Dies zeigt sich insbesondere bei „All My Money“, einem der punkigsten und besten Songs des Albums. „Especially Danny“ ist eine augenzwinkernde, tongue in cheek-Verneigung vor Gitarrist Danny, dem Frauenschwarm wider Willen. Es erfordert eine gehörige Portion Mut und ein gehöriges Mass an Sprachwitz, einen solchen Song zu schreiben. Beides stellen die Jungs hier eindrücklich unter Beweis. „When Did I Die“ ist straight forward Punkrock. Keine drei Minuten lang, enthält der Song alles was einen guten Track ausmacht: ein Killeriff, eine Hookline, die einem tagelang nachläuft, und ein kurzes, prägnantes Gitarrensolo. Dazu ein Schellenkranz, der an die Hellacopters erinnert. „Sucker Für the Blues“ schlägt thematisch in dieselbe Kerbe wie „Negative Heaven“. In wenig mehr als zwei Minuten rechnet man mit jenen Leuten ab, die das eigene Unglück feiern. Cooler Tune, ganz im Sinne der Maxime dieses Albums: reduce to the max. Kein Firlefanz, kein Schnick Schnack, keine Studiotricks, eben einfach straight forward Punkrock. Vergleicht man das neue Album mit den früheren Releases der Band, so fällt auf, dass die neue Platte immer noch typisch Bitch Queens ist. Bloss klingt der Sound besser, weil transparenter als je zuvor.

 

BITCH QUEENS: „City of Class“, out.

GUESTLIST: Jachin Baumgartner ist Sänger von Dream Pilot, Gitarrist bei Chicken Reloaded, Produzent und Mitinhaber des Studios Heaven BNC. Diesen Text hat er with a little help from his friend Patrick Benoit geschrieben.

(Bilder: Bitch Queens)

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