Russisches Rockstar-Musical

Was soll ich sagen? „Leto“ von Kirill Serebrennikov ist ohne Zweifel ein Musikfilm in Schwarz-Weiss. Alles Weitere lasse ich mir gerne nach eurem Kinobesuch erzählen.

Das Problem ist eben: Die einzigen Worte, die ich bei der Vorvisionierung verstanden habe, waren „Mick Jagger“, „Beatles“, „Sex Pistols“ und „Velvet Underground“. Beim Letzten bin ich mir nicht mal sicher. Ich habe „Leto“ nur auf Russisch schauen können – und zwangsläufig ohne Untertitel.

So kommt es, dass ich aus dem Stegreif fast mehr über den Regisseur sagen kann, als über den Inhalt. Der russische Theatermacher und Kreml-Kritiker Kirill Serebrennikov ist in den Medien derzeit sehr präsent. Seit einem Jahr steht er unter Hausarrest – und diese Tage in Moskau vor Gericht, wo er zu Unterschlagungsvorwürfen Stellung nehmen muss. Beobachter glauben, die Anklage sei politisch motiviert. Serebrennikov selber beteuert ebenfalls bis dato seine Unschuld und wird auf internationaler Ebene von vielen Menschen unterstützt.

Item. Tatsache ist, ich habe den ganzen Film geschaut. Bin also zwei Stunden lang in der farblosen Sowjetunion der 80er Jahre hängengeblieben, ohne jemals wirklich über das Informationslevel des deutschen Kurzbeschriebs herauszukommen. Glücklicherweise besteht der Film grösstenteils aus Musik, das war es wohl, was mich bei Laune hielt. Ausserdem ist mir nicht entgangen, dass die lose auf der Biografie der verstorbenen sowjetischen Musiker Mike Naumenko (Roma Bilyk) und Viktor Tsoï (Teo Yoo) basierende Geschichte auch eine Romanze ist. Zwischen Mike und seiner Frau Natascha, aber eben auch zwischen Viktor und Natascha.

Zum Nachempfinden meiner Situation: Ein Trailer in der Originalsprache:

Mike und Viktor, so hatte ich den Eindruck, haben nicht ganz die gleiche Vorstellung von ihrem Dasein als Musiker. Viktor ist der Poet, der Stille, der sensible Liedermacher. Er scheint ganz zufrieden zu sein mit seinem Werdegang und dem Publikum, das zu der Zeit ohnehin nicht aus der Haut fahren durfte. Mike dagegen ist die Rampensau, der Getriebene. Er hat sich die Rockstar-Attitude von seinen Vorbildern – eben: Mick Jagger, den Beatles, den Sex Pistols usw – abgeschaut, während ihm die Feinheiten des Komponierens nicht ganz so leicht fallen.

In einer von steifen Normen und Nulltoleranz beherrschten Gesellschaft, träumt Mike von grossen Tourneen, tobendem Publikum, Groupies, Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Um diesen Drang zum Aufbruch, den zu der Zeit auch viele andere sowjetischen Rockmusiker verspürt haben müssen, geht es Regisseur Serebrennikov in diesem Film. Gerne drückt er ihn in Musikclip-ähnlichen Einspielern aus. Wie jenem hier (zu Talking Heads: „Psycho Killer“).

„Leto“ ist ein Film über den Traum vom wilden Rockstarleben in einer ziemlich starren Umgebung. Aber es ist kein rebellischer Film. Wie schwer es gewesen sein muss, für Menschen wie Naumenko und seine Band Zoopark (hier mit ihrem super Song „Boogie-Voogie„) und Tsoï, der mit seiner Band Kino beispielsweise dafür bekannt war, kommt nicht rüber. Gezeigt wird ganz einfach das schöne Künstlerleben, die grosse WG, in der sowohl Kinder wie Musik gemacht und das Leben genossen werden. Fast ist es so, als hätte jemand beim Recherchieren, abgesehen von ein paar Worten, die Sprache nicht verstanden und deshalb nur das Oberflächliche erzählt.

FILMSTART: 15. November

(Bild: Facebook)

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