The life of Brian

Traurige Musiker machen traurige Musik. Stimmt nicht. Einer, der am Spagat zwischen dunklem Innenleben und greller Bühnenshow zerbrochen ist, heisst Brian Wilson und war der Kopf einer der ersten Boygroups ever, der Beach Boys. Dieses Drama kenne ich erst, seit ich vor wenigen Tagen die Filmbiografie „Love & Mercy“ über das Leben und innere Sterben von Wilson gesehen habe. Die Surfklänge der kalifornischen Brüder bewegten sich ja zu Beginn so leicht wie eine Fahne im Wind – und das, obwohl sich der Songwriter gefühlt haben muss wie ein Sack voll nasser Sand. Ich erinnere mich, dass die Beach Boys aus den Boxen in unserem klapprigen, orangen BMW tönten, der mich durch meine Kindheit und in den Sommerferien durch die Nacht an irgendeinen Strand gefahren hat, leider nicht in Malibu, sondern in der Bretagne oder Dänemark, meine Eltern waren eher so der Norden-Typ. Egal, jedenfalls fragte ich meist schon im Berner Neufeld, wo denn nun das Meer sei. Die Antwort aus den vorderen Reihen lautete immer gleich. „Nach der nächsten Kurve links.“

Die Kurven zu kriegen, fiel Brian Wilson zunehmend schwerer. Schöne Mädchen, schnelle Autos und das schäumende Meer vor der Haustür versprechen kaum das grosse Glück, wenn in den eigenen vier Wänden der Vater zum Monster wird. Er respektierte seinen talentierten Sohn nicht, sondern verprügelte diesen regelmässig ­– seit seiner frühen Kindheit ist Brian Wilson deshalb auf dem rechten Ohr quasi taub.

Und trotzdem gelang es diesem Sad Surfer, unsterbliche Musik zu schaffen. Der Inhalt aber bewegte sich von den Oden an das unbeschwerte Strandleben und die Teenagerfreuden bald auf komplexere Gebilde zu. Die Lyrics wurden tiefgründiger, die Klänge vielschichtiger. Und das passte weder seinen Bandmitgliedern noch dem Manager – sie warfen Brian Egoismus vor, beschwerten sich, dass die Musik zu schwer zu vermitteln sei, die Texte und Klangbilder sich zu weit vom ursprünglichen Stil der Band befinden würden. Doch Brians Stimmen im Kopf und seine Verzweiflung wurden lauter, er liess sich irgendwann nicht mehr verbiegen und dirigierte seine Truppe zu Meisterwerken wie „Pet Sounds“: Bis heute gilt das Album unumstritten als eine der wichtigsten und einflussreichsten Produktionen überhaupt. Und: Genau heute, am 16. Mai 2016, wird „Pet Sounds“ 50 Jahre alt. Happy Birthday!! Diese drei Hits sind da drauf und ich wette, ihr kennt sie:

 

Und hier eine zweite kleine Liste. Auch wenn ich seit den Ferienreisen in meiner Kindheit kaum mehr Beach Boys höre – diese drei Songs stehen bis heute ziemlich weit oben in meiner persönlichen Hitparade und lösen (melancholische, schöne, vergessene) Gefühle aus.

 

Nochmals zurück an den Beach und zur Filmbiografie. Irgendwann entdeckte Brian Wilson, dass es sich in der Nacht ebenso leicht ertrinken lässt wie im Meer. Er säuft, kifft, nimmt LSD, verrottet allmählich und verliert sich gänzlich unter der Obhut seines manipulativen Psychiaters. Dieser will nichts anderes als Wilsons Kohle, pumpt den angeblich schizophrenen Musiker mit Medis voll und schottet ihn von der Aussenwelt ab. Im Film spielt John Cusack den alternden Wilson: leider nur mittelmässig. Dafür punktet Paul Dano x-fach, er könnte den jungen Musiker wohl nicht besser verkörpern. Heldin in Film und Realität ist übrigens Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks). Sie schafft es, Wilson aus seinen Depressionen und der kranken Beziehung zu seinem Seelenklempner zu befreien – wohl mit viel love and mercy.

(Bild: Facebook)

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