Sag’s deinem Vater: Elvis lebt!

Du weisst noch nicht, was du deinem Vater, deinem Onkel oder deiner älteren Cousine zu Weihnachten schenken sollst? Und gerade bist auch etwas knapp bei Kasse? Hier ist ein Gratistipp von Rockette, für den du gar kein Budget brauchst: Sag doch einfach deinem Vater, deinem Onkel oder deiner älteren Cousine, Elvis Costello hätte dieses Jahr ein neues Album herausgebracht.

Es heisst „Look Now“ und dreht sich beim mir in diesen Adventstagen pausenlos auf dem Plattenteller (bildlich gesprochen, in der Regel streame ich). Du wirst sehen, deine Liebsten werden sich freuen, von dir die frohe Botschaft zu hören. Denn hierzulande wurde darüber wenig berichtet und es wäre deshalb easy möglich, es verpasst zu haben. Es wäre schade.

Das neue Album.

Der Schreiberling findet „Look Now“ eine der besten Platten von 2018 und auch in den Costello-Fanforen werden die Fanfaren geblasen: Sein bestes Album seit 1986, seit „King of America“, sagt man, und nahe an „Imperial Bedroom“, dem Meisterwerk von 1982. Frag deinen Vater, deinen Onkel oder deine ältere Cousine um den Neujahrstag herum, wie sie „Look Now“ finden. Nach mehrmaligen Anhören in der Altjahrswoche – ich gehe davon aus, deine Beschenkten haben ein Abonnement für Spotify oder einen anderen Streamingdienst und können deshalb leicht den Weg zu „Look Now“ finden – werden sie alles bestätigen können, was du in diesem Artikel liest.

„Look Now“ ist das einunddreissigste Album von Elvis Costello. Der Mann macht also schon lange Musik. Das heisst aber nicht, dass diese Platte nur eine für die älteren Herrschaften ist. Als jüngerer Mensch hast du nun die Chance, ausgehend von „Look Now“ die Geschichte von Elvis Costello von hinten her aufzurollen. Dabei können einige weniger ruhmreiche Episoden und musikalische Schlangenlinienfahrten rasch übersprungen werden und man landete dann bald einmal in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren, in denen es Elvis Costello gelang, den Punk mit dem New Wave und dem Pop zu verbinden, und dabei auch gleich Einflüsse aus Soul und Country mit in seine Musik aufzunehmen. Das war wirklich toll, was Elvis Costello (also eigentlich Declan Patrick MacManus) damals gemacht hat.

Dein Vater, der Onkel oder die ältere Cousine hatten die wunderbare Möglichkeit der Zeitsprünge nicht. Sie erlebten die Geschichte von Elvis Costello in Echtzeit mit und fragten sich wohl mehr als einmal, kommt da noch etwas? Man hatte ihn aufgegeben, ihn an seichte Balladen verloren geglaubt, ihn wenig fokussiert erlebt. Und ihm vielleicht schon gar nicht mehr zugehört. Aber nun ist „Look Now“ da und alles ist wieder gut.

Elvis Costello ist auf eine unmusikalische Weise ein musikalisches Genie; es gibt bessere Gitarristen als er, es gibt bessere Sänger (allerdings, der Soul Crooner, den er bei „Suspect My Tears“ gibt, ist absolut hinreissend), aber boy, er kann Lieder schreiben wie fast kein zweiter. Diese kommen zumeist rasch auf den Punkt, sie haben Power, sie haben Punch, können aber auch in überraschenden Wendungen schwelgen und von der kurzen Leine gelassen werden. Und das Beste daran: Die Songs von Elvis Costello verleiden nie. Je häufiger man sie hört, desto besser werden sie.

Namedropping, für einmal nicht peinlich

Elvis Costello wird auf „Look Now“ von den Imposters begleitet. Das sind zwei Drittel der Attractions, seiner Begleitband ganz zu Beginn seiner Karriere. Imposters, Attractions: Das sagt dir jetzt vielleicht nicht sehr viel, lieber Rockette-Leser, liebe Rockette-Leserin, aber dein Vater, dein Onkel oder deine ältere Cousine werden wissen, um was es geht (dein Namedropping läuft also nicht Gefahr peinlich zu werden). Beide, Imposters und Attractions, stellen sicher, das die musikalischen Geschenke von Elvis Costello auch angemessen verpackt werden. Costello hat schon Aufnahmen mit anderen Begleitern gemacht, doch auf „Look Now“ wird wieder einmal klar, dass die britische Popmusik ohne das Erbe der Beatles undenkbar ist. Die Imposters – und Elvis selber – sind eine ihrer vielen Jünger und auch 2018 jubilieren die Waldhörner hier und da wie einst bei „Sgt. Pepper“.

Auch schön: Die Autobiografie.

Auf „Look Now“ gibt es die eine oder andere Wahrheit zu entdecken. „Burnt Sugar Is So Bitter“ hat Elvis Costello zusammen mit Carol King vor mehr als zwanzig Jahren geschrieben. Erst heute landet das Lied auf einem Album. Wahrheit #1: Es gibt immer eine Zeit, um einen Song zu schreiben und eine Zeit, um ihn aufzunehmen und zu veröffentlichen. Dazwischen können Jahre liegen. Burnt Sugar ist ein mit Soul gewürzter Popsong, aber die wichtigste Zutat ist der treibende Bass. Wahrheit #2: „It’s all about that bass“, im Jazz, im Funk und auch im Pop.

Im letzten Stück des Albums, „He’s Given Me Things„, geht es um eine Frau, die aus einer Beziehung aussteigt und zurückgeht, oder weiterzieht, man weiss das nicht so recht. „He’s forgiven me trials and tears and tantrums“, erzählt sie, „and even all my false alarms. You sat there amused while I was crying, and just seemed to sigh but that’s what money can buy“. Wahrheit #3: Die Liebe bietet unzählige Möglichkeiten der Irrungen und Wirrungen (und auch darüber kannst du ja an Weihnachten mit deinem Vater, deinem Onkel oder deiner älteren Cousine einmal reden).

Falls du doch etwas Budget hast, lieber Rockette-Leser, liebe Rockette-Leserin: Kauf du deinem Vater, deinem Onkel oder deiner älteren Cousine gleich von Anfang an die CD oder das Vinyl (es ist keine Fehlinvestition, versprochen), oder du gehst all in und kaufst gleich auch noch die wunderbare Autobiographie von Elvis Costello dazu, „Unfaithful Music & Disappearing Ink“. Wobei: Diese könnte auch ein Geschenk an dich selber sein.

ELVIS COSTELLO: „Look Now“, out (Concord Records)

(Foto: Facebook / Videos: Gibts einfach wirklich keine richtig guten)

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Menschen und gute Musik. Er ist der Rockette-Mann mit Tiefgang und seine Frau May ist die mit den schönen Charlotte-Gainsbourg-Fotos.

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