Selfmade Woman über Social Media und verlorene Seelen

Die Kanadierin Loreena McKennitt, seit den 80ern ständig unterwegs, ist ein Superstar der World Music und hat über 14 Millionen CDs verkauft. Nach zwölf geschlagenen Jahren erscheint am 11. Mai ihr neues Studioalbum „Lost Souls“. Olaf Ohl, Sänger und Gitarrist der Celtic-Band Keltikon, hat mit der Musikerin telefoniert.

Mitten in der Promotion überraschte Loreena McKennitt vor zwei Wochen mit der Ansage, Facebook, Youtube und Spotify die kalte Schulter zu zeigen. Auf Facebook rief sie ihre 574’000 Follower auf, ihr für News auf ihre Seite zu folgen. Zumindest so lange, bis sich grundlegende Änderungen im Bereich Social Media einstellten. So ist „Lost Souls“ denn auch der der Titelsong ihres gleichnamigen Albums. Er besagt, dass wir den moralischen Kompass verloren, uns im Bann des Fortschritts verirrt haben und verlorene Seelen geworden sind. Das klingt nicht gerade nach Erdbeereis.

Wer jedoch eine bedrückte Frau erwartet, hat sich getäuscht. Mrs. McKennitt zeigt sich am Telefon super aufgelegt und very auskunftsfreudig, allerdings auch nicht zurückhaltend, wenn es darum geht, ihrem Unmut Luft zu machen.

Sie haben im letzten Sommer, hauptsächlich in England, ihr neues Album „Lost Souls“ aufgenommen. Es ist das erste Studioalbum seit zwölf Jahren. War die Herangehensweise gleich wie bei früheren Aufnahmen, also ziemlich experimentell, oder standen gewisse Arrangements schon fest?

Die Herangehensweise war genau gleich wie bei allen meinen Alben. Ich kam mit den Texten und einer Grundstruktur und der Rest entstand in einem experimentellen Prozess zwischen mir und den beteiligten Instrumentalisten. Bis das ganze Kontur hatte. So flossen die Tage und das Geld für das Studio (lacht), es herrschte eine super Stimmung und wir arbeiteten gut zusammen. Es war sehr erfüllend.

Gibt es ein Lied auf Ihrem neuen Album, das Sie am liebsten mögen, oder haben Sie alle Babys gleich gern?

Nachdem ich so lange nichts veröffentlicht habe, trage ich natürlich viele Stücke schon lange mit mir rum, oder ich habe sie schon live gespielt. Ich mag alle, aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich „Lost Souls“ wählen – auch wegen des Bezugs zu dem, was mich gerade ziemlich beschäftigt.

Sie haben einmal gesagt, dass nicht Sie zur Musik gekommen sind, sondern die Musik zu Ihnen. 

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Mein Vater war Viehhändler und meine Mutter Krankenschwester. Bei uns zu Hause spielte Musik keine grosse Rolle, aber in unserem kleinen Dorf wurde immer viel musiziert, ob an Festen, in der Kirche oder in der Schule. Ich wollte während meiner ganzen Kindheit Tierärztin werden und fing auch an zu studieren. Ich machte aber auch immer mehr Strassenmusik und brach das Studium ab.

Was war die erste Musik, die Sie als Kind gerne hörten?

Sehr viel Folk. Ganz sicher Simon and Garfunkel oder Joni Mitchell. Als ich das erste mal Celtic Music hörte, war es um mich geschehen und ich wusste vom ersten Moment an, genau DAS ist es.

Wie ging es weiter nach dem Abbruch des Studiums?

Ich investierte das Geld, das mein Vater fürs Studium gespart hatte, in mein erstes Album (1985) und gründete dafür auch gleich ein eigenes Label. Die ganze Promotion machte ich selbst, ich habe bis heute keinen Manager. Alles, vom Songwriting über die Produktion bis hin zur Distribution, liegt bei mir. So wuchs das Ganze organisch. Und 1991 nahm Warner Music Canada unser Label in den Vertrieb und die Sache kam auch international ins Rollen.

Sie haben vor zwei Wochen bekanntgegeben, Facebook und Youtube den Rücken zu kehren und nur noch in Blogs auf Ihrer eigenen Page zu kommunizieren. Mit der Bemerkung, dass sich die Musikindustrie in einem „fortgeschrittenen Kollaps“ befinde. Ist die Industrie Ihrer Meinung nach selbst dafür verantwortlich, dass das Musikgeschäft heute ist, wo es ist?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Wie viele andere, sind auch die Plattenfirmen von der digitalen Entwicklung überrollt worden. Es wird oft auf der Musikindustrie rumgebasht. Ich finde, ebenso wie Regierungen konnten auch sie nicht schnell darauf reagieren und es war und ist ja immer schwer vorherzusagen, wie es sich weiterentwickeln wird. Aufgrund früherer Jahre hatte die Branche teilweise zu Recht einen schlechten Ruf, aber da hat sich viel geändert. Die Entwicklung des Musikvertriebs betrifft alle: Musiker, Komponisten und Verleger, das ist die Tragweite des Ganzen, sie wurden gekapert und sind davon betroffen.

Es ist eine derartige Ungleichheit zwischen Vertriebskanälen wie Spotify oder Youtube und den Musikern, die von ihnen vertrieben werden. Für 1000 Klicks bekommt ein Musiker meistens nicht mal einen Dollar. Dieses Bitcoin-System und die Pfennigfuchser-Mentalität der Plattformen schnüren allen die Luft ab. Ich sehe eine grosse Gefahr in den sozialen Medien. Sie sind eine Gefahr für die Demokratie. Sie missachten und missbrauchen Persönlichkeitsrechte und bringen die Welt auf invasive Art in vielen Bereichen ins Ungleichgewicht. Sie manipulieren, machen Menschen süchtig und dringen in die Privatsphäre ihre. Und sie bereichern sich an den Leistungen anderer. Das muss gestoppt werden.

Wie waren die Reaktionen Ihrer Businesspartner und Musikerkollegen?

Natürlich verschieden, zum grössten Teil bin ich aber auf viel Verständnis gestossen. Das Problem ist ja offensichtlich und niemand kann es bestreiten. Jeder hat seinen eigenen Breakpoint. Wir arbeiten daran, neue Wege für die Promotion zu finden. Ich bin natürlich in der komfortablen Lage, es auch einfach sein zu lassen, ich habe genug auf der Seite. Aber es ist an der Zeit, ein Zeichen zu setzen und sich der Entwicklung entgegenzustellen.

Könnten Sie sich eine Allianz von Musikern vorstellen? Es gibt ja einige Künstler, die alles oder zumindest einige Songs von Spotify zurückgezogen haben, etwa Pink Floyd, Neil Young, Prince (R.I.P.) oder Paul McCartney für die Beatles?

Musiker sind ein lustiges Völkchen, wissen Sie (lacht). Es steht jeder für sich und gleichzeitig sind meistens alle unterwegs an verschiedenen Orten, da ist es schwer, zusammenzustehen. Mein Wunsch wäre, dass eine starke Bewegung entsteht und Öffentlichkeit hergestellt wird für das Problem, dass man als Musikschaffende(r) mit Musik ab Tonträgern einfach nicht mehr auf einen grünen Zweig kommen kann. Das Rezept, möglichst viele Konzerte zu spielen und nonstop zu touren, ist ja nett, verunmöglicht aber fast, ein Leben sonst, Kinder, Familie und so weiter zu haben. Das kann es nicht sein, das ist zerstörerisch. Das Musikbusiness wurde von Technologieunternehmen als Geisel genommen.

Ist die Verantwortung nicht auch bei den Konsumenten zu suchen, ohne die es ja nicht so funktionieren würde?

Es so eine Sache. Eine ganze Generation ist schon damit aufgewachsen, dass man sich alles gratis downloaden kann. Für viele ist es nur abstrakt und sie machen sich keine Gedanken über die Finanzierung von Musik, was man ihnen schlecht vorwerfen kann. Die Wahrnehmung und Wertschätzung von Musik muss sich aber sicher ändern, auch beim Konsumenten.

Im Prinzip sollte das zu verstehen sein: Du liebst diesen Künstler und solltest auch etwas für ihn bezahlen wollen, damit es ihn gibt…?

Ja, eigentlich schon.

Was würden Sie jungen Musikern empfehlen – gibt es eine Möglichkeit, ohne Social Media Bekanntheit zu erlangen?

Im Moment geht es sicher nicht ohne. Ich muss ganz ehrlich sagen, so wie es im Moment steht, ist meine Empfehlung eher, einen Job zu haben, nebenbei Musik zu machen und sich eher lokaler auszurichten. Inspiration zu haben, ist sehr wichtig, und nie die Hoffnung aufzugeben.

Sie haben lange Reisen gemacht, um sich von Musik aus aller Welt – bis in die Mongolei – inspirieren zu lassen, und Sie haben überall viele Musiker kennengelernt, mit denen Sie Alben aufnahmen. Sie sind ein Paradebeispiel dafür, wie Musik Menschen aus aller Welt verbindet.

Ja, es ist für mich sehr wichtig, und Musik hat die Menschen schon immer verbunden.

Ich habe gelesen, Sie sind religiös. Gehen Sie in die Kirche?

Nein, ich gehe nicht oft. Ich bin religiös und sehe Religion als universelle freie Spiritualität, unabhängig von bestimmten Glaubensrichtungen oder religiösen Führern.

So sind Sie etwa auch von der islamischen Glaubensrichtung der Sufis fasziniert und haben Elemente davon in Ihre Musik einfliessen lassen?

Ja, mir gefällt, wie die Sufis leben. Sie haben viel Spiritualität und ich glaube, dass Spiritualität und Tiefe für uns Menschen sehr wichtig sind.

Kann man sagen, dass Sie unentwegt auf der Suche nach Tiefe sind, die insbesondere in alter Musik zu finden ist, weil sie alle Menschen an die gemeinsamen, verbindenden Wurzeln erinnert?

Ja, das kann man so beschreiben.

Eine letzte Frage: Möchten Sie den Lesern noch etwas sagen?

Seid neugierig, sucht die Schönheit, auch die Schönheit der Natur, findet Erfüllung und gebt die Hoffnung nie auf, es gibt so viele schöne Sachen in der Welt zu entdecken. Und die sind selten auf teuren Plätzen zu finden. Sucht die Kommunikation und macht und lebt Musik, vernetzt euch und geht darin auf, es gibt nichts Besseres!

 

LOREENA MCKENNITT: „Lost Souls“, erscheint am 11. Mai (Quinlan Road)

 Mehr Infos zu der Sängerin, ihrer Musik und Videos findet Ihr auf f*… falsch, auf ihrer Homepage: loreenamckennitt.com

(Bild: Facebook)


GUESTLIST: Olaf Ohl ist Frontmann der Zürcher Celtic-Rock- und Folk-Punk-Band Keltikon – und Rockette-Druide. Wer ihm zu diesem beeindruckenden Interview gratulieren und beim Musikmachen zuhören möchte, kann dies beispielsweise am 5. Mai im Z7, Pratteln, tun. Keltikon spielt als Vorgruppe für Fiddler’s Green.

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