„Ich träume Dinge wie zum Beispiel, wo ist mein Pass, wo ist mein Pass“

Es ist das erste Mal, dass ich die Dauer eines Interviews festlege. 15 Minuten maximal, mehr Zeit hab ich vor Kita-Schluss leider nicht. „I can relate to that“, sagt Sivert Høyem, dreifacher Vater, Musiker und Ex-Frontmann der norwegischen Rockband Madrugada. Dennoch spricht er langsam, überlegt, mit tiefer, ruhiger Stimme … während es rund ums Bierhübeli, wo Høyem an diesem Abend noch auftritt, langsam eindunkelt.

Sivert Høyem, wir könnten uns doch über die Dunkelheit unterhalten. Immerhin haben Sie ihr aktuelles Album „Lioness“ komplett nachts geschrieben.

Ja, das war aber kein Konzept. Ich arbeite ohnehin meistens nachts, doch diesmal hatte der Verfasser des Pressetexts einfach Freude daran, ein grosses Ding draus zu machen.

Wenn Sie dann mal schlafen, sind Ihre Träume düster?

Normalerweise sind sie eher stressig. Ich träume Dinge wie zum Beispiel, wo ist mein Pass, wo ist mein Pass oder wo ist meine Kreditkarte, welche ist meine Kreditkarte von den Tausenden, die da rumliegen? Es geht oft darum, dass ich irgendwelche Sachen finden muss.

Haben Sie denn gerade viel Stress?

Ich bin eine nervöse Person, nehm ich an.

Zumindest haben Sie sehr hohe Ansprüche an sich und Ihr Schaffen. Das hab ich irgendwo gelesen.

Ja, ich bin diesbezüglich selten relaxed.

Der schwedische Musiker Christian Kjellvander hat gerade einen Song namens „Dark Ain’t That Dark“ veröffentlicht. Was denken Sie, meint er damit?

Ich habe den Song nie gehört, doch ich weiss vielleicht was er meint. Ich lege beispielsweise oftmals Musik auf, die für andere total deprimierend ist, wenn ich selber Spass haben will. Sehr optimistische Musik ist für mich einfach überhaupt nicht interessant. Sie gibt mir das Gefühl, einsam zu sein – nehmen wir Tropical House Music.

Das geht mir ähnlich. Ihre Musik etwa empfinde ich auch als gar nicht düster, obwohl sie sehr oft so beschrieben wird. Was Sie da eben beim Soundcheck gespielt haben, als ich reingekommen bin, war Country und ziemlich heiter.

Ja, ich liebe Country! Auf meinen Alben kommt schon viel Verträumtes, Surreales vor, und die Musik richtet sich nach innen. Doch sobald ich die Bühne betrete, will ich mit den Leuten kommunizieren.

Was wäre, wenn Sie ihre Musik im Sonnenlicht schreiben würden?

Das tu ich manchmal. Insbesondere seit ich Kinder habe, muss ich wie ein normaler Mensch funktionieren und auch mal tagsüber arbeiten. Das geht ziemlich gut. Obwohl, ich merke gerade, dass ich am Tageslicht schreibe, stimmt nicht ganz. Mein Studio befindet sich im Untergrund.

Merken Sie überhaupt, wenns dunkel wird?

Ich komme aus dem Norden Norwegens, aus der Arktis. Dort oben ist es jedes Jahr während drei Monaten total dunkel. Wenn ich heute, nachdem ich 20 Jahre in anderen Städten Europas gelebt habe, zurück gehe, dann kann ich nicht nachvollziehen, wie die Menschen da leben können. Ich denke, Jesus, da sieht man ja rein gar nichts. Ich wollte immer weg von dort. Schon meine frühsten Helden kamen aus London und den USA. Viele Künstler aus meiner Heimat haben sehr viel schönes aus diesem düsteren Norwegen-Touch gemacht, frühe Black-Metal-Gruppen beispielsweise, teilweise auch Elektro-Bands, für die ich mich allerdings überhaupt nicht interessiere. Die verfügen oft über eine gewisse nordische Qualität.

Sie haben mal gesagt, dass es auf der Welt nicht genug Romantik gibt.

Wirklich, das habe ich gesagt?

Ja, wie meinten Sie das?

Ich kann nicht wirklich erklären, was ich damit meinte. Das macht nicht mal Sinn, was ich da sagte. Aber gut: Ich kann soviel sagen, dass das Verträumte in meiner Musik wohl auch irgendwie ein romantisches Element ist. Ich kommentiere selten, meistens geht es in meinen Texten um die Mann-Frau-Beziehung, um Träume und solche Sachen. So bin ich. Und das schätze ich auch an der Musik anderer.

Für mich repräsentiert Ihre Musik die romatische Seite der Dunkelheit.

Genau da will man sein – ich zumindest.

Das klingt alles ein bisschen so, als wären Sie einer, der allein mit seiner Gitarre auf der Bühne steht und schwelgend seine Liedchen trällert.

Nein, meine Konzerte sind viel physischer und kraftvoller. Und trotzdem ist es weit entfernt von shocking, was wir machen. Das heisst: Selbst wenn wir sehr sehr aggressiv spielen, rennt uns das Publikum nicht davon. „Görlitzer Park“ etwa ist ein sehr theatralischer, explosiver und extremer Song. Wir dachten, den würde keiner mögen, doch sogar 70-Jährige finden ihn gut.

 

SIVERT HØYEM: „Lioness“, out (Hektor Grammofon)

KONZERT: 22.10., Baloise Session, Basel

(Bild: Desiree Mattson)

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