Sofar, wo Musik und Flüchtlinge zuhause sind

Sofar, oder Sofar Sounds, wie es ganz genau heisst, ist ein Akronym für „songs from a room“ (und gleichzeitig ist das auch der Titel eines Leonard Cohen Albums von 1969). Sofar startete 2009 in London; das Ziel war, intime Gigs an einzigartigen Orten zu organisieren. Heute gibt es Sofar in über 350 Städten, verstreut über die ganze Welt.

In einem virtuellen Doppelinterview haben wir mit den beiden City-Leaderinnen von Sofar Beirut und Sofar Genf, Maria Antoun und Christelle Roulle, gesprochen und dabei einiges über Magie und Energie erfahren.

Maria, Christelle, wie seid ihr zu Sofar gekommen?

Maria: Ich habe Englische Literatur studiert und arbeitete dann im Marketing. Letztes Jahr habe ich gemerkt, das passt nicht für mich. Dann hörte ich von Sofar und stellte fest, in Beirut gibt es das noch gar nicht. Ich habe mich sofort beworben, die Leaderin von Sofar Beirut zu sein. Von London erhielt ich rasch grünes Licht und schon gings los. Nach ein paar Monaten habe ich meinen Job aufgegeben, um mich nur noch um Sofar kümmern zu können. Mit Sofar verdiene ich kein Geld, aber mit einem Teilzeitjob in einer Galerie halte ich mich über Wasser. Sowieso: Die Erfahrungen mit Sofar sind unbezahlbar.

Christelle: Das ist eine lange Geschichte. Im 2011 habe ich in London Dave getroffen (einer der Co-Gründer von Sofar), später in Paris Rafe (ein anderer Co-Gründer). Danach habe ich zwei Jahre für die Organisation in Paris gearbeitet. Später hat mich das Leben nach Genf geführt und schon bald haben wir dort ein Sofar Genf gestartet. Wir organisieren jeden Monat Konzerte. Ich kenne ja Sofar schon seit langem, aber mein Elan und meine Lust sind immer noch intakt.

Maria Antoun, Sofar Beirut

Was ist es denn, was euch an Sofar so packt?

Maria: Konzerte organisieren, Künstler suchen, Lokale suchen, und dann diese Konzerte durchführen, Musik live hören, sich austauschen, die Interaktion von Künstlern und Publikum, die Gemeinschaft von gleichgesinnten Leuten: Für mich ist das pure Magie.

Christelle: Maria hat recht. Sofar ist Magie. Es knistert während unserer Abende, und ein ganz besonderer Funke springt. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen, man muss die Energie selber erleben. Für mich ist Sofar aber auch Liebe. Wirklich. Man teilt etwas zusammen, man trifft sich, man vergnügt sich und natürlich gibt es immer die Musik. Manchmal ist das wie ein Moment ausserhalb der Zeit.

Am 20. September 2017 wird es einen besonderen Aktionstag geben, bei dem Sofar Sounds und Amnesty International zusammenspannen. Unter dem Titel „Give a Home“ wird es weltweit Sofar Konzerte geben, bei denen auch die internationale Flüchtlingskrise thematisiert wird.

Maria: Wir im Libanon sind natürlich besonders von der Flüchtlingskrise betroffen. Ein Viertel unserer Bevölkerung sind Flüchtlinge aus Syrien und Palästina! „Give a Home“ ist ein ganz wichtiger Anlass für Sofar Beirut, ich bin sehr stolz, da mitzumachen.

Welches sind eure persönlichen Botschaften für diesen Tag?

Maria: Beirut ist meine Heimatstadt. Und nun stell dir vor, ich müsste diese verlassen, ohne dass ich es will, aus Gründen, die ich nicht kontrollieren kann. Das wäre schrecklich. Bei Sofar geht es ja darum, Musikliebhabern eine Heimat zu geben und die Welt über die Musik besser zu machen. Wie können wir das tun, wenn gleichzeitig Millionen von Menschen irgendwo gestrandet sind, vielfach unter ganz schlechten Bedingungen?

Christelle: Ich glaube, dass der „Give a Home“-Aktionstag ein Ausdruck dafür ist, was Sofar sein kann. Unsere Bewegung ist global, international, sie bewegt Kräfte auf der ganzen Welt. Ob Beirut, Genf, New York oder London: Wir gehören alle zur selben Welt. Die Flüchtlinge sind unsere Nachbarn, ja sogar unsere Landsleute. Das gleiche Schicksal könnte auch uns widerfahren.

Am 20. September werden Ed Sheeran in Washington auftreten und Gregory Porter in London. Wer wird in Beirut und in Genf spielen?

Maria: Es ist uns gelungen, die berühmteste Band im Libanon für diesen Anlass zu gewinnen, Mashrou’ Leila. Daneben gibt es drei weitere Acts aus dem Libanon und aus Syrien. Sandmoon werden die Eröffnung machen mit ihrem Song „Home„, dem Titelstück für dieses besondere Konzert.

Christelle: Wir sind mit etwas weniger Prominenz am Start. Bei uns werden Yael Miller, Raphaël Luther (beide aus Genf) und Alina Ly spielen.

Christelle Roulle (mit Brille), Sofar Genf

Mit Sofar macht ihr Kultur. Ist das eine andere Art, um Politik zu machen?

Maria: Das finde ich nicht. Bei der Politik, auf jeden Fall hierzulande, geht es darum, Leute auseinander zu dividieren. Mein Ziel ist es, Leute zusammen zu bringen.

Christelle: Die Kultur ist eine Art, sich auszudrücken, das ist klar. Viele Künstler und Künstlerinnen sind engagiert und beziehen über ihre Werke Stellung. Ich bin mit Maria einverstanden, die Kultur darf uns nicht spalten, sie muss uns einander näher bringen. Sie eint, öffnet Räume, bricht die Codes. Bei Sofar-Konzerten herrscht ein Geist der, ich würde fast sagen, Brüderlichkeit. Wir verbringen einen guten Augenblick zusammen und lassen unsere Empfindlichkeiten beiseite. Wir teilen. Ist das schon Politik? Ich weiss es nicht.

Macht ihr selber auch Musik? Spielt ihr ein Instrument?

Maria: Ich wünschte, es wäre so. Als Kind nahm ich Klavierstunden, habe es aber wieder aufgegeben. Ich liebe Perkussion. In letzter Zeit habe ich deshalb mit Schlagzeuglektionen begonnen.

Christelle: Ich habe leider gar kein Talent fürs Musikmachen. Aber ich hätte es gerne. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.

Und was ist eure Lieblingsmusik?

Maria: The National sind die ultimative Band für mich. Und auch Foals mag ich sehr. The National spielen übrigens am 20. September bei Sofar Edinburgh!

Christelle: Ich mag eigentlich alles hören. Aber ich glaube, das Universum hat nichts besseres erfunden als Ben Howard, Ray Lamontagne, Otis Redding, RY X, Sigur Ros und Roo Panes.

Gibt es einmal eine Sofar Kooperation Beirut – Genf?

Christelle: Von mir aus gerne!

 

GUESTLIST: Kurt Werren lebt in Bern, der Libanon ist seine zweite Heimat. Er hat hat ein Flair für fruchtbare Begegnungen und ein Näschen für spannende Frauen und gute Musik.

 

 

 

(Bilder: zvg)

 

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