Zeilen wie diese

Die höchste aller literarischen Auszeichnungen geht an einen Singer/Songwriter. O my God! Mit dem Nobelpreis für Literatur für Bob Dylan hat die Jury in Stockholm eine Grenze überschritten. Für die einen war das längst überfällig, für die anderen ist es, naja, ein Skandal. Eines ist somit aber nicht mehr von der Hand zu weisen: auch Liedtexte können Poesie, ja Literatur sein. Endlich! Passend zu diesem beinahe historischen Ereignis ist ein Buch erschienen, das sich mit der Kunst des Songschreibens auseinandersetzt.

c-antagenwieEin schmales, kleines, blaues Büchlein ist es, leider ohne Bilder, dafür mit umso mehr Musikwissen. „An Tagen wie diesen – Berühmte Songzeilen und ihre Geschichte“ ist ein Projekt von Günther Fischer, Journalist und Musikkritiker, und dem ehemaligen Radiomoderator und Musikreporter Manfred Prescher. Es ist bereits der dritte Band, in dem sich die beiden deutschen Musikexperten mit den Hintergründen von zahlreichen Songs auseinandersetzen.

300 Songs sind es auch in dieser Ausgabe, die die beiden Journalisten durchleuchtet haben. Es geht in den 238 Seiten nicht nur um einzelne Songzeilen, wie etwa der Titel suggeriert, auch nicht nur darum, wie ein Lied entstanden ist, sondern auch wie oft es verkauft wurde, wer es abgekupfert oder gar erst richtig berühmt gemacht hat. Auch Aufbau, musikalische Feinheiten und versteckte Botschaften haben die beiden Musikjournalisten hier und da herausgeschürft.

Etwa zu „Shine on You Crazy Diamond“ von Pink Floyd. Wer die psychedelische britische Rockband kennt, weiss, dass dieser Song eine Hommage an Syd Barrett ist, einen ehemaligen Bandkollegen, der an Drogen zugrunde gegangen ist. Doch wer hat schon auf dem Originalalbum, im Part 9 des Songs, bei Spielminute 12:07 genau hingehört und die kleine musikalische Anspielung auf einen früheren Song herausgehört? Ja, als Fan holt man sich sofort die Scheibe hervor.

Aber eben, das ist nur einer von 300 Songs. Wer mit Pink Floyd nichts anfangen kann, für den gibt es genauso spannende Geschichten über Songs von Michael Jackson, Harry Belafonte, Leonard Cohen, Queen, Radiohead, Simon and Garfunkel sogar Helene Fischer und vielen mehr.

Zum Beispiel jene darüber, wie der Paul Simon-Song „50 Ways To Leave Your Lover“ zur Lesben-Hymne avancierte. Der Song aus dem Hippiejahr 1975, erzählt von einer Frau, die fünf Liebhaber loswerden will. Kurz nachdem Erscheinen erweiterte sich dessen Interpretation: 50 Wege jeglichem Mann den Laufpass zu geben.

Oder man erfährt, dass in Michael Jacksons „Beat It“ Eddie Van Halen Gitarre spielte und das berühmte Tanzvideo dazu ganze 150 000 Dollar kostete. Das Buch lässt auch Raum für Mythen. Wie etwa jene, dass „Stairway to Heaven“ von Led Zeppelin angeblich satanische Hinweise enthält. Nachzulesen ist auch die wahre und traurige Geschichte hinter „Tears in Heaven“ von Eric Clapton, der diesen Song seinem tödlich verunglückten Sohn gewidmet hat.

Und auch über einen anderen Literaturnobelpreisanwärter gibt es Spannendes zu lesen. Nämlich darüber, warum Leonard Cohens Song „Bird on the Wire“ nie fertig geworden ist. Und natürlich kommt auch ein Song von Bob Dylan vor: „Mr. Tambourine Man“. Als Inspiration für das Lied habe das Gedicht „Das trunkene Schiff“ von Arthur Rimbaud gedient, heisst es in diesem kleinen Nachschlagewerk. Und was die titelgebende Songzeile „An Tagen wie diesen“ angeht: Ja, die Toten Hosen haben sich mit diesen Zeilen unsterblich gemacht. Insgesamt blieb das Lied 85 Wochen lang in der deutschen Singlehitparade und wurde über die Jahre zur Hymne für alle möglichen Veranstaltungen und Ereignisse in und um Deutschland.

GUESTLIST: Journalist mrb schreibt über alles. Am liebsten aber über Menschen und ihre Geschichten. Motto: Wer A sagt, der muss gar nichts.

(Bild: Screenshot aus „Tage wie diese“ von den Toten Hosen)

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