Sonnenstich-Porno von Leonard Cohen

Mit 50-jähriger Verspätung habe ich „Beautiful Losers“ von Leonard Cohen gelesen. Einen Hardcore-Poesie-Porno, den man in der Badi mit bestem Gewissen offen liegen lassen darf.

Am 7. Februar 2000, rund 34 Jahre nach Erscheinen seines zweiten und letzten Romans „Beautiful Losers“, hat Leonard Cohen einen Brief an die chinesische Leserschaft geschrieben, die zu diesem Zeitpunkt erstmals in den Genuss einer Übersetzung kam. „Das ist ein schwieriges Buch“, schrieb er, „sogar auf Englisch“. Also eigentlich sei es viel mehr ein Sonnenstich als ein Buch, habe er es doch draussen, ohne Kopfbedeckung mitten in der prallen Sommersonne geschrieben.

Leonard Cohen, der Porno-Poet

Ich habe das Buch letzte Woche zufällig entdeckt und in einem Rausch gelesen – ebenfalls mitten in der prallen Sommersonne. Worum es geht? Ums Ficken, ums Arschficken, ums Frauenficken, ums Männerficken, ums Teenagermädchen-Ficken, ums Vergewaltigen, ums Finger-in-die-Muschi- und Brustwarzen-in-die-Ohren-Stecken. Ist so.

Also eigentlich sollte der namenlose Ich-Erzähler, ein Folkmusiker, eine seriöse Auftragsarbeit über Kateri Tekakwitha schreiben. Die als Lily of the Mohawks oder fleur-de-lys bekannte nordamerikanische Indianerin, die in der katholischen Kirche als Jungfrau und Heilige verehrt wird. Aber er schafft es während der Recherche einfach nicht, seinen sexuellen Trieb zu beherrschen. Liest er über Indianerhütten, so denkt er an die darin kreuzweise rumbumsenden Familien. Will er mehr über Kateri erfahren, so denkt er sofort an wilden Sex mit ihr. Seine ungezügelten Gedanken vermischen sich dann auch mit der Erinnerung an seine verstorbene Ehefrau Edith, deren Lippen einst stundenlang über seinen Körper glitten „wie ein Rollschuh-Anfänger“, ohne dass sie je taten, was sie hätten tun sollen (Down, down, come back, come back, no I won’t fold it against my stomach like a hideway bed, Edith, Edith, let some things happen in heaven, don’t make me tell you!). Und seinen ebenfalls verstorbenen Freund F., mit dem er regelmässig Sex hatte (F. said, this isn’t homosexuality at all), der aber wiederum auch mit Edith schlief.

Gerade fallen mir wieder diese Diskussionen um „Feuchtgebiete“ oder „50 Shades of Grey“ ein. Skandal, kein Skandal? Ich habe beides gelesen und frag mich rückblickend, warum Bücher, die mit einem Wortschatz von 10 Wörtern geschrieben worden sind und sich in Sachen Drecksfantasien auf dem Niveau eines Kochbuchs bewegen, überhaupt so kontrovers diskutiert wurden.

Leonard Cohen, mein Held in heaven, hat es schon vor einem halben Jahrhundert, bevor er überhaupt erst seine Karriere als Musiker begann, geschafft, unter Drogen und brennender Sonne einen orgastischen Roman zu schreiben, der so pervers und gleichzeitig so wahnsinnig schön und humorvoll geschrieben ist wie … nein …  jetzt schweif ich auch schon ab.

LEONARD COHEN: „BEAUTIFUL LOSER“ (1966) – auf Englisch und seit noch nicht so lange auch auf Deutsch.

(Bilder: privat/Fuckbook)

 

 

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